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Dynamismus

(von griech. dynamis = „Kraft")
Der von A. van Gennep in die Fachliteratur eingeführte Begriff bezeichnet den Glauben an aussergewöhnliche Kräfte und Mächte. Als Elementarform des Religiösen spielt der Dynamismus vor allem bei sog. Naturvölkern eine zentrale Rolle. Er wurzelt in einer Geisteswelt, in der sich der Mensch mit magischen und sakralen Potenzen auseinanderzusetzen hat. Dabei geht es um die Erfahrung des Machtvollen, des „ganz Anderen" und Nicht-Alltäglichen, das sich in Dingen, Wesen und Erscheinungen manifestiert.
Dynamismus dient als Oberbegriff für entsprechende kulturelle Ausdrucksformen, die bei den jeweiligen Völkern mana, orenda usw. genannt werden. Als charakteristisch erscheint der Glaube an eine eher unpersönlich gedachte, übermenschliche Kraft oder Macht, die an sich weder gut noch böse vorgestellt wird. Überwiegen im Geisterglauben personhafte Züge, so wird im Dynamismus mit einer Kraft gewöhnlich der Gedanke an etwas Sachliches, Unpersönliches, automatisch Wirksames verbunden. In vielen Fällen stellen diese Konzeptionen westlichen Denkens jedoch Vergröberungen indigener Anschauungsweisen dar. Denn eine Macht, die den Ausgangspunkt beider Vorstellungskomplexe bildet, wird häufig „weder klar personhaft noch einfach unpersönlich gedacht" (J. Haekel). Nicht selten hat man Macht als eine überall verbreitete Materie oder Lebenskraft angesehen. Dies erscheint zumeist jedoch nur im Sinne eines Kraftreservoirs zutreffend. K. Goldammer formulierte entsprechend: „Vielleicht ist es ... besser, von einem Machtzusammenhang, einer Machtsphäre oder einem Machtfluidum zu reden, die gleichsam den Grundstoff bilden, die Schicht, aus der heraus sich die einzelnen Macht-Erscheinungen oder Manifestationen des Heiligen immer wieder neu in ihrer konkreten Vielzahl formen" (Die Formenwelt des Religiösen. Stuttgart 1960, 65). Besonders wichtig ist im Dynamismus, der oft - aber keineswegs immer - in spezifisch rel. Zusammenhang steht, die unbedingte Wirksamkeit einer rituell zugänglichen Macht. Die selbsttätigen Wirkungen eher sachlich gedachter Kräfte sind häufig mit elektrischen Schlägen oder Impulsen verglichen worden. Die grundlegende Bedeutung des polynesischen Wortes mana ist ebenfalls „wirksam sein", „im stande sein", „können", und meint somit eine aktive Kraft.
Dynamismus wurde häufig mit dem melanesischpolynesischen Glauben an das mana genannte „ausserordentlich Wirkungsvolle" gleichgesetzt. Mana ist als sozio-rel. Zentralbegriff für eine überlegene Macht durch die Ausführungen des engl. Missionars R. H. Codrington bekanntgeworden. Zumeist wird er als Bezeichnung für eine magisch-rel. Potenz verwendet. Dabei erscheint es jedoch wichtig, darauf hinzuweisen, dass mana für die Lebenswelt insgesamt von Bedeutung ist, d. h. nicht nur für die rel. Sphäre. Einen wesentlichen Aspekt dieses Vorstellungskomplexes stellt der attributive Charakter des mana dar. Mana kann als Qualität sowohl an persönliche Wesen (Gottheiten, Naturgeister, Menschen) gebunden sein als auch Objekten und Naturerscheinungen anhaften. Sie wird als von höheren Wesen ausgehend gedacht, die diese Eigenschaft Menschen und Dingen verleihen können. Die Träger besitzen sie in unterschiedlicher Intensität und sind entweder dauernd oder nur vorübergehend durch sie belebt. Als ausserordentliche Kraft eignet mana z. B. Kriegern, die kühn, stark und siegreich sind. Sie erweist sich sowohl in der Autorität und politischen Macht der Häuptlinge als auch im Erfolg der Priester (etwa bei Voraussagungen). Über mana verfügen generell diejenigen, die sich bes. geschickt verhalten, denen vieles gelingt und denen ungewöhnliches Glück zur Seite steht. Mana-Kraft kann man durch Fähigkeiten, Praktiken, Übungen usw. erwerben (und steigern), sie kann vererbt werden, aber auch verloren gehen. Neben persönlichen Wesen besitzt auch Grund und Boden mana, das geschützt und bewahrt werden muss.
In vielen Kulturen werden Mächte in materiellen Stoffen lokalisiert oder Gegenstände von Ritualexperten mit Kräften „aufgeladen". Der Dynamismus stellt daher einen Schlüssel zum Verständnis des Fetischismus und Amulettwesens dar, dessen Wesen in der Manifestation einer Macht in einem magischen oder rel. Objekt liegt. Als Wohnstätte einer Macht dienen häufig pflanzliche, tierische, menschliche und mineralische Substanzen (im übrigen könne auch Wort und Schrift kraftgeladen sein) Neben Blättern, Wurzeln, Samen, Pflanzensäften und -extrakten, Harzklumpen usw. sind es vor allem Attribute und Präparate von Lebewesen, die Kräfte beherbergen. Oft erscheinen Federn, Häute innere Organe, Extremitäten, Blut, Haare, Zähne, Hörner u. a. in diese Weise belebt. Als menschliche Stoffe sind, speziell noch Ausscheidungen bzw. Körpersäfte wie Speichel, Schweiss, Urin, Sperma und Muttermilch zu nennen. Mächte können ferner in Steinen, Erde; Salz und verschiedenen anderen Mineralien materialisiert sein. Auf solche Art in Fetischen oder auch Heilmitteln präsent, kann sich der Mensch unmittelbar mit Anrufungen, Opfergaben und rituellen Praktiken an die übermenschliche Macht wenden. Denn diese vermag Fähigkeiten Krankheit und Heilung zu bewirken, der Rechtsfindung und Schadenmagie zu dienen usw. Der Mensch versucht, die Wirkkräfte zwar einerseits zu meistern und für seine eigenen Zwecke zu nutzen; andererseits ist seine Haltung auch durch Vorsicht, Scheu oder gar Furcht gekennzeichnet. Häufig sind im Umgang mit einer Macht bestimmte Regeln und Verbote zu beachten.
In zahlreichen Kulturen gibt es Machtvorstellungen, die jedoch nur bedingt mit der mana-Kraft zu vergleichen sind und z. T. erhebliche Bedeutungsunterschiede aufweisen. Der Dynamismus stellt dementsprechend eine Abstraktion und Verallgemeinerung der jeweiligen lokalen Anschauungen (bes. des mana) dar. Als wichtige Spezialbegriffe aus anderen Kulturen sind z. B. zu nennen: orenda (Irokesen), manitu (Algonkin), wakan/wakonda (Sioux), oki (Huronen), bathon (Omaha), sila (Inuit), hasina (Madagaskar), megbe (afrikanische Pygmäen), evu (Pangwe), nzambi (Zentral- und Westafrika), tondi (Batak), arunkultu (Aranda). Um eine Vorstellung von der Variationsbreite des D. zu geben, sei im folgenden noch auf drei Begriffe näher hingewiesen. Mit dem Wort elima wird bei den Bandundu und Bachwa in Zaire eine mana-artige Kraft bezeichnet. Sie ist an bestimmte Örtlichkeiten, z. B. Wasserstellen und grosse Bäume, sowie an Tiere und Pflanzen gebunden und haftet ferner befähigten Individuen an, zu denen neben den Alten auch Epileptiker und Albinos zählen. Die Wirkungsweise des elima, das in magischen Substanzen materialisiert werden kann, wird zuweilen mit dem Schlag eines elektrischen Fischs verglichen. Ndoki heisst eine ausgesprochen ambivalent wirkende Kraft, die bei zahlreichen Bantu-Gruppen Schwarzafrikas bekannt ist. Der Charakter dieser Macht erscheint von der sozialen Stellung ihres Trägers abhängig. Priester und Häuptlinge bewirken Gutes mit ihr und nutzen sie als Heilkraft, Hexen oder Hexer setzen sie dagegen als spezielle Schadensmacht ein. lm islam. Orient ist der Glaube an die Heil- und Segenskraft baraka weit verbreitet. Sie eignet bestimmten Personen (z. B. Heiligen), ist an Gräber oder andere Örtlichkeiten gebunden und kann auf Gegenstände übertragen werden. Der im Grunde amoralische Charakter dieser Macht ist noch deutlich erkennbar, da sie häufig vererbt wird, ohne dass besondere persönliche Verdienste des neuen Trägers, Zeichen der Frömmigkeit usw. notwendig erscheinen.
Von forschungsgesch. Interesse ist es, dass auch der Dynamismus im Zuge des Evolutionismus als eine Art „Urreligion" angesehen wurde. Bes. R. R. Marett propagierte in diesem Sinne den Dynamismus als Vorstufe zu höheren Religionsformen (tatsächlich findet sich der Dynamismus jedoch neben und in Verbindung mit anderen Vorstellungskomplexen).
 


 

 

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