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Dämonen sind personal
vorgestellte Symbolfiguren menschlicher Ängste und Hoffnungen, feindliche
Gegenspieler und Begleiter in allen Angelegenheiten des täglichen Lebens.
Sie repräsentieren von der Natur (auch der inneren Natur des Menschen) her
drohende Gefahren, aber auch Schutz und Abwehr gegen dieselben, sowie den
nährenden und schenkenden Aspekt der Natur.
1. Entsprechend der urzeitlichen Lebensform des Menschen, die durch die
Opposition zwischen angstfreiem Wohnraum und gefährlicher Wildnis geprägt
war, nehmen Dämonen, die vom unheimlichen „Draussen" her drohende Gefahren
repräsentieren, einen besonderen Rang ein. Allen voran geht dabei der
Dämonen in Raubtiergestalt, echologisch deutbar als Projektion angeborener
Ängste vor dem Artfeind. Dessen signifikante Merkmale: aufgerissenes Maul
mit grossen Zähnen, riesige Augen, scharfe Krallen u. a., erweisen sich als
prägend selbst noch für rezente Bilder diffuser Ängste. Diese in der als
unheimlich empfundenen Umgebung schweifenden Ungeheuer erscheinen vor allem
nachts bedrohlich. Sie versetzen den Menschen in Schrecken, wenn sie ihn
gleich heimtückischen Raubtieren anfallen, bringen ihm Krankheit und Tod
oder zerstören plötzlich seine materiellen Lebensgrundlagen. Dabei kann die
Gestalt des Raubtiers mit bedrohlichen Naturerscheinungen (z. B. einem
Sturmwind) verschmelzen bzw. diese erst im Bild fassbar machen.
Doch projiziert eine Kultur das Bild des wilden Tieres nicht nur auf
Gefahren, die ihr von der „äusseren Natur" her drohen, sondern auch auf die
unheimliche „innere Natur": Menschliche Bedürfnisse und Verhaltensweisen
(bes. in den Bereichen von Aggression und Sexualität), die nicht den
kulturellen Normen entsprechen, werden der „Wildheit" zugerechnet und
„dämonisiert". Ein verbreitetes Symbol für die nicht „domestizierte"
Sexualität ist der bocksgestaltige Dämonen; er erscheint im antiken
Mittelmeerraum vor allem in der Hitze des Mittags.
Zum Typus der Tier-Dämonen gehört ein grosser Teil des von Ethnologen bei
schriftlosen Völkern gesammelten Materials, aber auch in den Hochkulturen
verlieren die dämonischen Bewohner des Ödlands und verlassener Stätten
nichts von ihr Unheimlichkeit. Bes. zahlreich sind die volkstümlichen
Erzählungen von Dämonen die den nächtlichen Wanderer ausserhalb des
schützenden Dorfes erschrecken. Auch die Seele ist auf ihrer Reise ins
Jenseits Gefahren ausgesetzt. Wenn sie nicht ohnehin von einem Dämonen
verschleppt wird, quälen sie dämonische Peiniger der Unterwelt. Andererseits
lauern ihr nach der Lehre der spätantiken Erlösungsreligionen bei den sieben
Planetenstationen nacheinander dämonisch Wächter auf, die sie an ihrem
Aufstieg zum höchsten Himmel hindern wollen.
2. Das Gegenstück zu den von draussen her ängstigenden Dämonen stellen die
Wächter-Dämonen eines Territoriums dar. Da sie alle natürlichen wie
übernatürlichen Eindringlinge abschrecken sollen, sind auch sie häufig mit
den Drohmerkmalen des Raubtiers ausgestattet, tragen aber zugleich meist
menschliche Züge, denn sie üben ihre Wächtertätigkeit in Stellvertretung des
„Revierinhabers" aus. Eine solche Mischgestalt weisen z. B. die Keruben, die
das Paradies bewachen, auf. Die Darstellung solcher Wesen an Grenzen soll
natürlich vor allem andere Menschen davon abhalten, fremde Gebietsansprüche
zu verletzen. Sind Häuser, Felder, Bäume, Gärten in privatem oder
öffentlichem Besitz, so ist dadurch ein Rechtsverhältnis gegeben, das durch
eine Markierung von seiten des Besitzers dokumentiert wird; darüber hinaus
garantieren übernatürliche Wesen, z. B. ein Priap oder die in unseren
Volksbräuche bis ins 19. Jh. überlieferten „Korn-Dämonen zusätzlichen
Schutz. Einem Wanderer soll die Quelle, in der eine Nymphe wohnt, heilig
sein: er darf sie nicht verunreinigen und sie nicht durch leichtfertige oder
böswillige Zerstörung zum Versiegen bringen; Baumgeister schützen
freistehende Bäume vor unerlaubtem Zugriff, in einem hl. Hain wohnt ein
Numen. Die Macht, Eindringlinge abzuhalten, die dem Wächter zugeschrieben
wird, erstreckt sich dann meist allg. auf schädigende Einflüsse wie
tierische Schädlinge, Krankheiten oder feindliche Dämonen.
3. Ein guter Geist, der als Schutzmacht alles übel fernhält, ist
schliesslich derjenige, der für das Gedeihen der ihm anvertrauten Güter
verantwortlich ist: Er kann daher auch den Aspekt des Segenspenders
enthalten. Als Personifikation von Nutzpflanzen oder -tieren bzw. als
„Herr/in" über ihr Gedeihen können solche Dämonen den Menschen, die sich
ihnen gegenüber angemessen verhalten - wobei die Vorschriften meist den
pfleglichen Umgang mit der Natur und ein sozial gerechtes Handeln betreffen
-, reiche Gaben schenken, sich schlechten Menschen gegenüber aber auch als
böse Dämonen erweisen.
4. Dämonen, die in Beziehung zur menschlichen Lebens- und Arbeitswelt
stehen, werden in sozialen Rollenspielen dargestellt und nach dem Vorbild
ritueller Kostümierungen ikonographisch gestaltet. Hierbei identifizieren
sich Maskenträger, die im Rahmen des „Jahreslaufbrauchtums" den gerechten
Lohn für eine Dienstleistung erheischen, mit den segenbringenden Dämonen, da
sie es ja sind, die das Vieh von der Weide oder die Ernte vom Feld bringen,
drohen aber zugleich, sich bei ungerechter Behandlung in zerstörerische
Rachegeister zu verwandeln. Diese Heischeumzüge sind das Vorbild für viele
Mythologeme von scharenweise umherziehenden, Schabernack treibenden Dämonen,
wie z. B. dem „Wilden Heer" und verwandten Vorstellungen. Bisweilen treten
die Heischegänger auch als Vertreter der Totengeister auf.
5. Den Totengeistern ist als Aufenthaltsort die Wildnis jenseits
menschlicher Wohnungen (später die Unterwelt) angewiesen. Sie tragen daher
nicht selten Raubtiermerkmale. Zum Schreckgespenst wird der Tote, der
ohnehin Angst auslöst, wenn ihm das schlechte Gewissen der Überlebenden
Rachebedürfnisse unterstellt. Rachegeister wie die Erinyen sind Projektionen
von Schuldgefühlen. Doch selbst die Erinyen können sich, hat der Mensch sein
Vergehen gesühnt, in wohltätige Eumeniden verwandeln. Auch bezüglich der
Toten selbst besteht mitunter die Vorstellung, dass sie, wenn man sie
respektvoll behandelt, als wohltätige Ahnen aus der Unterwelt Getreide und
andere Früchte heraufschicken.
6. Die Grenze zwischen „Wildnis" und „Kultur" verläuft auch im Innern des
Menschen selbst. Die Auseinandersetzung zwischen „Trieb" und „Geist" wird
wie der Kampf zwischen Raubtier- und Wächter- Dämonen geführt. Bekannt ist
das Beispiel asketischer Mönche, die von unzähligen Quälgeistern, Bildern
der dämonisierten Natur, heimgesucht werden. Der Geist, der den „Drachen" zu
besiegen vermag, hat dabei seinen Vorläufer in dem persönlichen Schutzgeist,
der (wie unser Schutzengel) den primitiven Jäger begleitet, wenn er, um sich
Nahrung zu verschaffen, hinausgehen muss in die Wildnis, wo Raubtiere und
ihre spirituellen Gegenstücke, die Dämonen, hausen.
Nimmt man an, das gesellschaftlich unerwünschte, befremdliche Verhalten
eines Menschen sei durch Dämonen in seinem Innern verursacht, entlastet ihn
dies von Schuldvorwürfen, da seine Äusserungen (wie die eines Maskenträgers)
nicht seiner Person selbst zugeschrieben werden. Ein entsprechender
„Entlastungseffekt" auf gesamtgesellschaftlicher Ebene stellt sich ein, wenn
die Schuld an plötzlich auftretendem Unglück nicht auf andere Menschen, die
dann als Zauberer oder Hexen verfolgt werden, sondern auf böse Dämonen
geschoben wird. Darüber hinaus braucht man auch Gottes Güte nicht mehr
anzuzweifeln, sobald man annimmt, Teufel und Dämonen trügen die
Verantwortung für alles Böse
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