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Christentum - Selbstverständnis

Die unterschiedlichen Formen christlichen Lebens, wie sie die Geschichte, aber auch manche Katechismen belegen, erwecken leicht den Eindruck, als stünden im Christentum vielerlei Wahrheiten nebeneinander. Demgegenüber zeigt eine nähere Betrachtung, dass diese letztlich alle um ein Zentrum kreisen und von dorther zu verstehen sind. Dies zeigen eine zusammenfassende Darstellung der wesentlichen Glaubensaussagen im Anschluss an die drei Grundartikel des allen Konfessionen gemeinsamen Credos.

1. Der Glaube an den einen Gott, den Schöpfer und Retter der Menschen. Diesen Glauben haben die Christen mit Juden und Muslimen gemeinsam. Nach christl. Verständnis liegt dieser Glaube auf der Linie der Suche nach einem höchsten, die irdische Welt transzendierenden Wesen in allen Religionen und vielen Philosophien. Allerdings stehen zwischen diesen, bes. auch eine rein philosophischen Monotheismus, und dem christl. Glauben an Gott grosse Unterschiede. Der Gott der Bibel ist nämlich mehr als ein „Erstbeweger" oder ein „Höchstes Gut" jenseits dieser Welt, wie es viele Philosophen postulierten und klass. Dichter besprachen. Denn nach der Aussage der Bibel hat sich Gott in der Geschichte Israels als derjenige bezeichnet der in dieser Welt ständig als Schöpfer am Werk ist, am Leben des Menschen Anteil nimmt und seinen in Sünde und Tod verstrickten Geschöpfen zu Hilfe kommt. Diese Offenbarung Gottes ergeht zwar in einer Sprache, die verwandt ist mit der Sprache antiker Mythen, die vom Wirken der Götter im Leben der Menschen erzählen und deren heutige Situation in Ereignissen begründet sehen, schon immer so stattfanden. Von solchen Mythen unterscheidet sich der Gottesglaube aber wesentlich durch das Bekenntnis zum einen transzendenten Gott und dessen Handeln in der Geschichte. Heutige Voraussetzungen für die Annahme des Glaubens an den Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs ist das Einverständnis, dass die naturwiss. rein positistische Sicht der Welt bei aller Perfektion nur eine begrenzte, ja sogar vordergründige ist; denn sie vermag weder über Herkunft noch über das Ziel der Welt und des menschlichen Lebens sichere Auskunft zu geben. Die Verankerung des Gottesglaubens in Gottes einzigartiger Selbstoffenbarung begründet den für die Offenbarungsreligionen unaufgebbaren Wahrheitsanspruch. Dieser ist allerdings zu anderen Religionen dadurch offen, dass die von ihrem Empfänger nie vollständig erfasste und adäquat verkündete Offenbarung viele in anderen Religionen verstreute Wahrheiten (logos spermatikos) aufgreift und ausserdem ganz im Dienst des Heils aller Menschen steht.
Für das Christentum ist der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs (im Unterschied zum Judentum) zugleich „der Vater unseres Herrn Jesus Christus" (Eph 1,3). Die atl. Aussagen über Gottes väterliche Sorge und Liebe, sein mütterliches Herz für das auserwählte Volk (Jes 49,15; Hos 11, 4.8) erhalten dadurch eine einzigartige Aufgipfelung, deren Höhepunkt die Aussagen über den Erweis der Liebe Gottes in der Hingabe seines Sohnes und der Selbstmitteilung im Hl. Geist bilden. Das Christentum bekennt Gott als „Vater" und als „Liebe" (I Joh 4,14.16), Obwohl ihm (wie Altisrael) die Erfahrung von Unrecht und Leid sowie des Schweigens Gottes angesichts des Elends in der Welt keineswegs fremd ist. Wenn Christen es dennoch wagen Gott „Vater“ zu nennen, tun sie dies, da sie 1. sich selbst nicht zu einem Urteil über Gott berechtigt wissen, 2. durch den Tod und die Auferweckung des Sohnes zu einer Korrektur menschlicher Gottesvorstellungen gedrängt werden und 3. sich bewusst sind, dass eine solche Anrede Gottes nur dank einer Befähigung durch Gottes Geist möglich ist (vgl. Röm 8,15). Die zuletzt erwähnten Aspekte zeigen, dass der christl. Gottesglaube sich wesentlich von blossem menschlichem Wunschdenken abhebt.

2. Der Glaube an Jesus Christus, den wahren Sohn Gottes und Erlöser aller Menschen. Durch diesen unterscheiden sich die Christen wesentlich vom Judentum und vom Islam. Grundgelegt ist dieser Glaube in dem mit einzigartiger Autorität und Gottunmittelbarkeit erfolgenden Auftreten Jesu selbst; bewusst wurde er den Aposteln durch die ihnen geschenkte österliche Offenbarung Jesu als „Sohn", als „Herr und Christus" (Apg 2,36) sowie als einziger Retter aus der Todesverfallenheit. Diese tiefere Einsicht verdanken die Apostel nicht zuletzt dem HI. Geist, der sie in die volle Wahrheit einführte (Joh 16,13). Dabei ist rel.-wiss. zu beachten, dass der Titel „Sohn" Jesus nicht bloss als Amtstitel zukommt (wie etwa Königen des Alten Orients oder den Königen Israels vom Tag ihrer Inthronisation an). Zwar wurde auf einer frühen Stufe Jesu österliche Inthronisation in diesem Sinn als Bestellung zum Sohn Gottes gedeutet; doch wird der Titel „Sohn" Jesus Christus schon sehr früh als Herkunftsbezeichnung zugesprochen; die Kirche explizierte ihn unter Berufung auf die Bibel (z. B. Joh 13,3; 16,27) im Sinn eines ausserhalb der Zeit liegenden Hervorgehens aus dem Vater („gezeugt, nicht geschaffen", Credo). Diese ewige Herkunft des Sohnes ist zu unterscheiden von seiner irdischen Lebensentstehung („empfangen durch den Heiligen Geist") und Geburt („von der Jungfrau Maria"), wie sie die jüngeren Kindheitsevangelien erzählen. Im Unterschied zu rel.-wiss. oft verglichenen Mythen fehlt letzteren allerdings jede anschauliche Schilderung. In Abhebung von alten Mythen oder plausiblen Erklärungen verteidigt das Christentum die Gottessohnschaft Jesu als das einzig im Glauben und mit Hilfe des HI. Geistes zu bekennende Mysterium, das in menschlichen Formeln (auch in Dogmen) immer nur inadäquat ausgesprochen werden kann: Der Sohn ist demnach dem Vater in allem wesensgleich (homousios) ausgenommen seine Herkunft. Seine Hingabe in Menschwerdung und Tod zeigt, dass Gott sich der Menschen nicht gleichsam von oben herab erbarmt, sondern ihnen in Christus persönlich zu Hilfe kommt.
Die Reflexion über Tod für alle Menschen vertiefte die schon im Alten Bund und bes. im Judentum ausgesprochene Erkenntnis von der Verlorenheit des Menschen: Durch seine Verstrickung in die Schuld der ganzen Menschheit (verkörpert in Adam) und durch seine eigene Sünde ist der Mensch von sich aus dem ewigen Tod preisgegeben, d. h. einer Existenz fern von Jahwe, dem Quell des Lebens, die nicht den Namen Leben verdient und schon im frühen Judentum als „Hölle" ausgemalt wurde. Indem der Sohn Gottes selbst diesen Tod und die Gottesferne auf sic nahm, eröffnete er allen Menschen den Weg zu einer Errettung aus dieser Verlorenheit, für die irdisches Elend und biologischer Tod nur schwache Symbole sind.
Höhepunkt der Rettungstat des Sohnes ist seine Auferweckung von den Toten. Diese bedeutet nicht einfach die Rückkehr in das Leben dieser Welt, sondern die endgültige Überwindung des Todes, die den Aposteln durch Gott bzw. den Auferstandenen bekannt wurde und die sie von Anfang an bezeugten. Der einzelne kann an dieser Rettungstat Christi Anteil erhalten, indem er durch den Glauben und die sakramentale Konkretisierung dieses Glaubens in Taufe und Eucharistie sowie deren Nachvollzug in einem von Glaube, Hoffnung und Liebe getragenen Leben mit dem Gekreuzigten und Auferstandenen eins wird. Aus sich allein, durch seine eigenen Werke und Anstrengungen vermag sich kein Mensch zu erlösen. Für die Menschen, die Christus überhaupt nicht oder nur in entstellter, den Glauben verhindernder Weise kennenlernen, besteht nach kirchlicher Lehre die Möglichkeit, sich jetzt schon (sozusagen als „anonyme Christen") für diese Erlösung durch Christus zu öffnen, die ihnen in ihrem Tod bewusst und endgültig zuteil wird (Begierdetaufe).

3. Der Glaube an den HI. Geist, der die Kirche beseelt. Die Christen waren von frühester Zeit an fest überzeugt, dass der im Alten Bund für die Zukunft dem Messias und dem ganzen Volk verheissene Geist (Atem) Gottes ihnen durch den Auferstandenen vom Vater her geschenkt wurde. Bibl. Angaben über den HI. Geist berechtigen dazu, ihm volle göttliche Würde zuzuerkennen. Dies hat in den Aussagen über das Mysterium der Dreieinigkeit sein Niederschlag gefunden. Dabei ist zu beachten, dass die nichtbibl., in den kirchl. Kontroversen geprägte Rede von „drei Personen", heute - infolge des neuzeitl. Personverständnisses (im Sinn selbständiger Persönlichkeit) - leicht missverstanden wird. Der Hl. Geist ist im Grunde Gottes Lebensodem, Gottes Liebe, die Vater und Sohn miteinander verbindet. Gott ist also von seinem innersten Wesen her der sich selbst ganz Verschenkende; er bedarf nicht erst der Menschen als Objekt seiner Liebe, sondern schenkt ihnen aus seiner immer schon überströmenden Liebe Anteil an seinem Leben.
Die einzigartige, durch Jesu Tod und Auferstehung vermittelte Teilhabe am göttlichen Lebensodem unterscheidet das Volk Gottes im Neuen Bund, die Kirche, vom auserwählten Volk des Alten Bundes. Dank dieser Teilhabe an dem göttlichen Geist kann die Kirche „Leib Christi" genannt werden. Schon im Alten Bund war aber Gott, wenn auch anders, durch seinen Geist anwesend und wirksam („der gesprochen hat durch die Propheten"), ebenso ist er durch diesen Geist überall in der Welt am Werk, bes. dort wo Menschen - getragen vom Glaub an eine ihr eigenes Dasein übersteigende Macht - Gutes tun und vom Sinn des Lebens überzeugt sind. Wie Israel kommen der Kirche ihre Auserwählung und Begabung mit Hl. Geist nicht um ihrer selbst willen zu, sondern im Hinblick auf alle Menschen, die dazu bestimmt sind - jeder nach seiner Berufung -, an Gott Herrlichkeit Anteil zu erhalten. Auf dieses universale Ziel sind alle Lebensäusserungen der Kirche hingeordnet, wenn auch auf unterschiedliche Weise.
Der Hl. Geist befähigt die Christen überhaupt erst dazu, Gott als ihren Vater und den gekreuzigten Jesus von Nazaret als ihren Herrn zu bekennen. Er begeistert die Gesamtheit der Getauften dazu, Gottes Grosstaten dankend zu feiern, zu bezeugen und darauf in einem Leben der Liebe zu antworten, die in der Feindesliebe ihre besondere Konkretisierung erhält. Gottes Geist inspirierte nicht nur die Apostel und ermutigte sie zu ihrer Predigt, sondern bewahrt auch bis in die Gegenwart hinein das ganze christl. Volk und die kirchlichen Amtsträger in der Wahrheit. Die dem Bischof von Rom nach kath. Lehre zuerkannte Unfehlbarkeit ist in diesem Zusammenhang zu betrachten. (Die hist. gewachsene Ausübung des Primats in seiner heutigen Form ist jedoch, wie die Geschichte und die ökumen. Bemühungen der röm.-kath. Kirche zeigen, nicht die einzig mögliche.) Die Führung durch den Geist Gottes, die sich noch in vielen anderen Charismen äussert, hebt allerdings nicht die Willensfreiheit der Christen und damit ein mögliches Handeln wider den Geist Gottes auf.
Zum Wirken des HI. Geistes in den Getauften gehört schliesslich, dass die Getauften durch ihn jetzt schon, wenn auch noch verhüllt und vorläufig, teilhaben am Leben des Auferstandenen, so dass sie in Wahrheit dem Tod entrissen und zum ewigen Leben wiedergeboren sind (präsentische Eschatologie). Im Wissen darum liegt der Grund zu einer freudigen, optimistischen Bejahung des Lebens in dieser Welt voller Bedrängnis und Elend. Zugleich liegt darin ein Appell, missionarisch tätig zu sein; denn es kann Christen nicht gleichgültig sein, dass andere diese Fülle der Wahrheit und den vollen Besitz des Lebens noch entbehren. Allerdings ist jede Intoleranz gegen andere Glaubensgemeinschaften oder Religionen letztlich unchristlich; denn sie verkennt, dass Gott nicht alle Menschen gleichzeitig beruft und vielen Zeit lässt, um schliesslich zu der ihnen bestimmten Stunde seiner Einladung zu folgen. Der Satz Cyprians „extra ecclesiam nulla salus" ist als Appell an die Christen zu interpretieren und nicht als Information über die Zukunft aller Nichtgetauften.
Die in der Taufe geschenkte anfanghafte Teilhabe am Leben des Auferstandenen wird erst bei der Vollendung der Taufe im Tod endgültig. Nach verbreiteter Vorstellung erfolgt diese bei der Auferstehung am Jüngsten Tag. Das de, Apokalyptik entlehnte Bild von Auferstehung und Weltgericht - die Bibel kennt auch andere - meint jedoch, dass das endgültige Heil wesentlich an die Gemeinschaft mit anderen gebunden ist und dass zu seiner Erlangung das Verhalten zum Nächsten den Ausschlag gibt. (Dies ist der Sinn des apokalyptischen Bildes vom Jüngsten Gericht.) Wie schon Paulus (Phil 1,23), viele Märtyrer und Heilige dürfen aber alle Getauften darauf hoffen, schon im Tod Christus zu begegnen und endgültigen Anteil an seiner Herrlichkeit zu erhalten. (Die früher unter Katholiken übliche Unterscheidung zwischen der „Seligkeit der Seele" bzw. deren „Läuterung" unmittelbar nach dem Tod und der Seligkeit der am Jüngsten Tag Auferweckten setzt eine der Bibel letztlich fremde, zeitbedingte Auffassung voraus und kann nicht zum Wesen des Christentum gerechnet werden; ähnliches gilt für die bei manchen Protestanten beliebte Auffassung vom Seelenschlaf der Toten bis zum Jüngsten Tag bzw. für die neuere, biblisch unhaltbare Hypothese vom Ganztod des Menschen, der durch eine völlige Neuschöpfung am Ende der Zeit aufgehoben werde.)
Die hier skizzierten Wesenselemente christl. Glaubens, die keineswegs vollständig sind, bieten einen Anhalt, das Christentum aufgrund seiner Entstehung, Geschichte und seines Selbstverständnisses von den Verkürzungen zu unterscheiden, die für Aussenstehende oft „das Christentum " ausmachen. Das gilt z. B. für die seit der Aufklärung verbreitete Reduzierung des Christentums auf eine Morallehre (Fülle von Einzelvorschriften; Jesuanismus), für manche Fehlformen in der christl. Mission (Zwang und Intoleranz; Abwertung anderer Religionen; Antisemitismus) und in der christl. Frömmigkeit (dem Aberglauben angenäherte Formen von Bilder- und Reliquienverehrung; verzerrte Marienfrömmigkeit). Die Besinnung auf den innersten Kern des allen christl. Konfessionen gemeinsamen Glaubens bietet jedem Christen sozusagen einen Kanon für sein kirchl. Glauben, Handeln und Lehren; von dieser Mitte aus vermag er gerade in einer pluralistischen, angsterfüllten Gesellschaft auf glaubwürdige, die Wahrheit nicht verkürzende oder verdunkelnde Weise das Christentum als den befreienden Glauben an den dreieinigen Gott und einzigen Retter zu bezeugen.
 


 

 

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