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Chas(s)idismus

1. „Aschkenasischer Chas(s)idismus", eine religiöse Richtung im mitteleuropäischen Judentum des 13./14. Jahrhunderts. Spekulativ teilte sie die philosophisch begründete Auffassung von der strengen Transzendenz und Einheit (jichud) Gottes; als Vermittlung zur Welt dient der erschaffene „Kabod" („Herrlichkeit") oder (in einer Nebenströmung) „Kerub mejuchad", Gegenstand der prophetischen Visionen wie Jes 6 oder Ez 1-3. Buchstaben- und Zahlensymbolik bedingen eine entsprechende Meditations-Praxis (auch anhand der Gebetstexte). Im Spät-Mittelalter teils vulgarisiert und mit magisch-volkstümlichen Vorstellungen befrachtet, teils spekulativ mit der Kabbalah verschmolzen, wirkte der aschkenasische Chassidismus vor allem in populärer Erbauungsliteratur nach. Die bekanntesten Gestalten waren Jehuda ben Samuel hä-Chasid (gest. 1217) und Eleazar ben Jehuda von Worms (gest. 1230), dem die Niederschrift und Bearbeitung der älteren Traditionen zu verdanken sind.

2. „Osteuropäischer Chas(s)idismus", meist Chas(s)idismus schlechthin genannt: Er entstand in sozialen Problemschichten Osteuropas, vor allem Podoliens, und blieb, abgesehen von ausgewanderten chas(s)idischen Gruppen in den USA und in Palästina, auch auf Osteuropa beschränkt, da im übrigen Judentum die eingetretene Aufklärung sein Vordringen abblockte. Zum guten Teil handelte es sich um das Fortleben der Frömmigkeit des Sabbatianismus im 17. Jh., freilich ohne dessen messianische Note, verbunden mit Ressentiments gegenüber dem rabbinischen Establishment, dessen Gemeindestrukturen den sozialen Gegebenheiten Osteuropas nicht mehr gerecht wurden und daher zu verbreitetem Unbehagen Anlass gaben. Erfolg und Misserfolg der chas(s)i-dischen Bewegung waren vom Zustand des regionalen rabb. Judentums abhängig, so konnte der Ch. in Litauen, wo die rabb. Orthodoxie in den Gemeinden fest verwurzelt war und tatkräftige Repräsentanten hatte, nicht Fuss fassen. Die Anfänge ‚liegen, da vorliterarisch, weitgehend im dunkeln, hängen mit der Tätigkeit volkstümlicher Wanderprediger und Wundertäter zusammen, vor allem mit Israel ben Eliezer „Baal Schem Tob" (Amulettschreiber), abgekürzt BES"T genannt (ca. 1700-1760), der in den Legenden als charismatische Persönlichkeit und Wundertäter geschildert wird, der die schlichte und anspruchslose Frömmigkeit des einfachen Juden im Sinne „guter Absicht" höher wertete als rabb. Toragelehrsamkeit. Die Schüler des BES"T, die seinen Ruf als Wanderprediger verkündeten, etablierten sich persönlich als Repräsentanten der neuen Frömmigkeit, allmählich regelrechte Dynastien gründend. Diese „Zaddikim" wurden von ihrer Anhängerschaft mit geradezu blinder Ergebenheit als Mittler zwischen Gruppe und Gott anerkannt. So entstanden überregionale und insofern auch übergemeindliche Gemeinschaften, mit dem Hof ihres „Zaddik" als Zentrum, wobei die Institutionalisierung die alte charismatische Phase ablöste. Mit der rabb. Orthodoxie teilte der Ch. trotz aller Konkurrenz und Feindseligkeit die kompromisslose Abwehr von Aufklärung und Emanzipation. Die althergebrachten Lebensgewohnheiten wurden als unverzichtbare Merkmale des Jüdischen gewertet, und somit wurde auch die soziale Struktur - und Misere - des osteurop. Judentums konserviert. Lediglich in der ChaBaD-Richtung, im 19. Jh. entstanden, wurde und wird der Versuch einer Verbindung zwischen Tradition und modernem Leben gewagt.
 


 

 

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