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Tibetischer Buddhismus/Lamaismus

Der tibetische Buddhismus, im Anschluss an seine eigentümlichen Methoden auch Vajrayana, das Fahrzeug des vajra = Donnerkeil, Diamant, oder Mantrayana, das Fahrzeug des mantra = (Zauber-)Spruch, genannt, ist eine äusserst komplexe Religion mit subtilen philosophischen Systemen, detaillierten psychologischen Einsichten und Symbolen, Visualisationstechniken, die transformative Kräfte im Menschen erwecken können und somit ein Ganzheitsbewusstsein schaffen wollen, das die Buddhaschaft auf dem kurzen Weg, d. h. bereits in diesem Leben, ermöglichen soll. Er versucht mittels transformativer Symbole und logischer Argumente zu deuten, was holistisch und in meditativer Versenkung erfahren wird. Dabei integriert er vorbuddhistische Riten und Anschauungen, die angesichts der Einsicht in die Lehre (sunyata) aller Phänomene relativiert und umgedeutet werden, so dass eine interrelationale Gesamtschau der makro- und mikrokosmischen Teilaspekte der Wirklichkeit entsteht. Es handelt sich um eine spezifische Ausprägung des Mahayana, das bereits im 7./8. Jh. in Indien tantrische Züge angenommen hatte. Charakteristisch ist, dass dem Studium der Tantras das Studium der Sutras vorausgehen soll, dass also eine Integration frühbuddhistischer Elemente und esoterischer Tradition angestrebt wird. Viele Anschauungen der Bon-Religion sowie des Schamanismus, etwa die Praxis der Trance eines Mediums zur Einsicht in transtemporale Zusammenhänge und zwecks Heilung von Krankheiten, können in der tantrischen Lehre vom Geist-Kontinuum, das sich auf verschiedenen Subtilitätsebenen von Wirklichkeit manifestiert, in die buddhistische Philosophie integriert werden. Der auf tantrischem Weg Übende visualisiert sich als Gottheit und möchte damit Bewusstseinskräfte gewinnen, die auf dem Sutra-Weg nur über viele Wiedergeburten hinweg entwickelt werden können.
Die Legende schreibt König Songtsen Gampo (Sron-btsan-sgam-po, 624 n. Chr.) die Einführung des Buddhismus in Tibet zu, die erste umfassende Verbreitung, aber mit dem Aufstieg Tibets zu überregionaler Grösse unter Trisong Detsen (Khri-sron-Ide-btsan, 755-797) zusammen, der gegen den Widerstand von Aristokratie und Bon-Priesterschaft den Buddhismus zur Staatsreligion erhob, Gelehrte Santaraksita und Padmasambhava nach Tibet einlud (erste Klostergründung von Samye 775) und die verfügbaren Hinayana und Mahayana übersetzen liess, wodurch eine Schriftsprache und Schrift geschaffen wurden. Chinesische (plötzliche Erleuchtung) und indische (allmähliche Erleuchtung) Schulen rangen um Einfluss, bis auf einem Konzil von Samye (792-794) die Entscheidung zugunsten des indischen Mahayana in tantrischer Form gefallen sein soll. Konservative Adelskreise und die Priesterschaft fürchteten die wachsende Macht buddhistischer Grossklöster und Iiessen König Ralpachen (Ral-pa-can, 815-838) ermorden, worauf unter Lang Dharma, (gLan-dar-ma, 838-842) eine Verfolgung der Buddhisten einsetzte. Erst im 10 Jhd. gelang eine Wiederbelebung des Buddhismus von Westtibet aus, die sich in Neuübersetzungen und Neugründungen von Klöstern sowie in einer Reform des Buddhismus durch stärkere Betonung der Mönchsdisziplin niederschlug, wobei Rinchen Sangpo (958-1055) und Atisa Dipamkara Srijnana (982-1054) eine hervorragende Rolle spielten. Insbesondere zwischen den vom Tantrismus beeinflussten nordindischen Klosteruniversitäten Nalanda (besonders deren Abt Naropa, 1016-1100) und Vikramasila in Tibet kam es zu einem regen Austausch, was zur Entstehung der klassischen Schulen des tibetischen Buddhismus im 11./12. Jh. beitrug: Noch auf die Zeit der ersten Verbreitung (7./8. Jhd.) d. h. auf Padmasambhava, geht die Nyingma-Schule (rNim-ma-pa, „die Alten“) zurück. Der seit 1042 in Tibet lehrende Atisa gilt als Begründer der Kadampa-Schule, die später in der von Tsongkapa (Tson-kha-pa, 1357-1419) reformierten Gelugpa-Schule aufging. Die Sakya-Schule ist mit dem tibet. Gelehrten Drogmi ('Brog-mi, 992-1072) verbunden, während der Orden der Kagyüpa auf den Dichter-Yogi Milarepa (Mi-la-ras-pa, 1052-1136) zurückgeht, der die Initiation von seinem Meister Marpa Lotsawa (dem Übersetzer,1012-1097) empfangen hat, dessen Lehrer Naropa war, der .wiederum von Tilopa initiiert worden war.
Diese Transmissionsketten vom Meister zum Schüler sind für den tibetischen Buddhismus zentral und bilden die Grundlage für die grossen Schulen und ihre Unterabteilungen. Zu den Aufgaben der Lamas gehören nicht nur spirituelle Unterweisung und Initiation, sondern auch die Begleitung des Sterbenden, denn aufgrund eigener Meditationserfahrung und unter Anleitung des Totenbuches können sie die einzelnen Phasen des Sterbe- und Wiedergeburtsprozesses erkennen. Einige der wichtigsten Lamas gelten als Tulkus, was ihre spirituelle und politische Bedeutung erhöht. Die Anerkennung von Tulkus wurzelt in der trikaya-Lehre, nach der der allumfassende transzendente Körper des Buddha in unzähligen Einzelverkörperungen in materieller Form erscheinen kann, sowie in der im Mahayana verbreiteten Anschauung, dass ein Bodhisattva auf der achten Stufe (bhumi) seine eigene Wiederverkörperung wählen kann. Fortgeschrittene Bodhisattvas (wie die Karmapas und Dalai Lamas) reinkamieren sich demnach bewusst als bestimmte Menschen, um allen Wesen von grösstmöglichem Nutzen zu sein. Durch komplizierte Praktiken werden die Reinkarnationen verstorbener Tulkus aufgefunden.
1409 errichteten die Gelugpas ihr erstes Grosskloster Gaden, es folgten Drepung (1416) und Sera (1419), die zuzeiten bis zu 15000 Mönche beherbergten. Dies war die Basis für die seit dem III. Dalai Lama, Sonam Gyatso (1543-1588), mit mongolischer Hilfe (Altan Khan) unangefochtene Machtstellung der Dalai Lamas (mongol./tibet.: „Lehrer, dessen Weisheit so gross wie der Ozean ist"), die seit dem V. Dalai Lama, Losang Gyatso (1617-1682) als Inkarnationen des Avalokitesvara verehrt werden und in wechselnd starker Abhängigkeit von China, gelegentlich auch autonom, die weltliche Macht ausübten. Seit der chin. Invasion (1950) und der Flucht des XIV. Dalai Lama, Tenzin Gyatso (geb. 1935) nach Indien ist der tibetische Buddhismus in schwerer Bedrängnis und Verfolgung, erlebt aber seit dem Tod Maos (1975) einen begrenzten Aufschwung in Tibet, blüht unter den ca. 100000 Exiltibetern in Indien und findet zunehmend Interesse in Europa und Amerika, das sich besonders auf seine Weltanschauung und Meditationspraxis richtet.
 


 

 

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