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Die Anfänge des
Mahayana-Buddhismus sind noch wenig bekannt. Wenigstens drei Faktoren
führten seit etwa dem 3. Jh. v. Chr. zur Entstehung des „Grossen Fahrzeugs":
eine weniger legalistische Auslegung der Mönchsregel (vinaya) durch die
Mahasamghikas auf dem 2. Buddh. Konzil von Vaisali (383 v. Chr.) und dem 3.
(nichtkanonischen) Konzil (367 v.Chr.),
der von Anfang an bestehende und seit Asoka staatlich geförderte Stupa-Kult
der Laien,
die Bewegung der „Waldeinsiedler" (arannacas), die schon am 1. Konzil nicht
teilnahmen, sich von den sravakas unterschieden, indem sie offenbar
strengere Askese und Meditation übten, zu denen möglicherweise Subhuti
gehörte, der (nicht etwa Sariputra) als Vermittler der Sunyata-Lehre in der
Prajnaparamita-Literatur erscheint. Von diesen Einsiedlern ist wenig
bekannt; evtl. waren sie die im Pali-Kanon erwähnten pratyekabuddhas, die
als unmittelbare Anwärter auf die Buddhaschaft (bodhisattva) die totale
Selbsthingabe (dana, die erste der paramitas) unabhängig vom
vinaya-orientierten samgha als Eremiten praktizierten, die als Träger der
avadana-Literatur gelten können und erst später mit dem universalen
Laienideal des bodhisattva zusammenkamen.
Der Ur-Buddhismus war keine reine Mönchsreligion. Der samgha umfasste sowohl
Mönche und Nonnen als auch männliche und weibliche Laienanhänger. Nach dem
Tod des Buddha wurden seine Reliquien in Reliquienschreinen (stupa) verehrt.
Um den Stupa entstand ein zunächst (fast) ausschliesslich von Laien
getragener Kult, der später von den Mahasanghikas mitvollzogen wurde. Nach
strikter vinaya-Auslegung war Mönchen die Errichtung eines Stupa im Bereich
des Klosters ebenso wie die Teilnahme am Kult untersagt, weil gemäss
orthodoxer Lehre der Buddha ins Nirvana eingegangen und somit auch
kultischer Verehrung entzogen war. Gewichtiger als dieses dogmatische
Argument dürfte die finanzielle Folge gewesen sein: Die Laien, deren Praxis
weniger in Meditation und Disziplin als in Gaben für die Mönchsgemeinde
bestand, spendeten zunehmend für den Stupa. Diese Mittel kamen nicht mehr
der Mönchsgemeinde zugute, was Spannungen verursachte und schliesslich die
Herausbildung des Mahayana begünstigte. Ob Laien, die den Stupakult
verwalteten und sich möglicherweise bodhisattvas nannten, eine Art
Quasi-Orden ohne die strenge vinaya-Regel darstellten und die soziologische
Basis für das im Mahayana entwickelte Bodhisattva-Ideal abgaben, ist in der
Forschung umstritten.
Viele Merkmale des Mahayana sind bereits im frühen Buddhismus angelegt. So
ist Mahayana weder ein völliger Bruch mit dem frühen Buddhismus noch einfach
Kontinuität, sondern das Produkt allmählicher Entwicklung aufgrund
soziologischer und lehrmässiger Kriterien. Bodhisattva strebt die eigene
Befreiung vor allem an, um anderen Wesen auf dem Weg zur Befreiung beistehen
zu können. Er gelobt, nicht eher ins Nirvana einzugehen, bis alle lebenden
Wesen befreit sind. Bodhisattvas befinden sich auf den unterschiedlichen
Stufen der Verwirklichung (bhumi), die mit den Zehn Vollkommenheiten
(paramita) parallelisiert werden. Ursprünglich spricht Mahayana von den
„Sechs Vollkommenheiten“, die auf dem Bodhisattvaweg nacheinander oder
gleichzeitig geübt werden: Selbsthingabe (dana, später oft als Almosen geben
verstanden), Moralität (sila), Anstrengung (virya), Geduld (ksanti),
Meditation (dhyana) und Einsicht in das Wesen der Erscheinungen (prajna).
Mahayana betont den altruistischen Erleuchtungsgeist (bodhicitta), während
das Nirvana erst dadurch möglich wird. Der Bodhisattva gibt sogar die
eigenen positiven Bewusstseinsformungen bzw. „Verdienste" (punya) für andere
hin. Dies setzt die für Mahayana charakteristische Lehre von der
„Verdienstübertragung voraus, die vermittels der Lehre von der Leere
(sunyata) einsichtig gemacht wird. Diese in den Prajnaparamita-Sutras
zentrale Einsicht radikalisiert die anatman-Lehre (Nicht-Selbst): Galt im
frühen Buddhismus des Abhidharma alles Zusammengesetzte, d. h. die realen
Erscheinungen der Wirklichkeit, zwar als vergänglich (anitya) und darum als
leidvoll (duhkha), so verstand man die letzten Grundbausteine (dharma) der
Wirklichkeit doch als in sich bestehend. Die Folge war ein realistischer
Pluralismus. Mahayana vollzieht den Schritt von pudgalanairatmya
(nichtinhärente Existenz der Person) zu dharmanairatmya (nichtinhärente
Existenz auch der Dharmas), und das ist der Kern der Lehre von sunyata
(Leere in bezug auf inhärente Existenz). Sie wird durch das Entstehen in
gegenseitiger Abhängigkeit erklärt, und diese erhält durch sunyata eine
gleichsam kosmische Deutung: Alles ist nur, indem es mit allem kommuniziert.
Das Sein der Realität ist ursprünglich ein In- und Miteinandersein aller
Phänomene. Das Nicht-aus-sich-selbst-Sein wird seit Nagarjuna (2. Jh. n.
Chr.) logisch nachgewiesen, indem er jede Position, d. h. Seins- wie
Nichtseinsbehauptung, ad absurdum führt, was von den späteren Logikern wie
Dignaga, Dharmakirti und Candrakirti zum prasangika-System, der reductio ad
absurdum, ausgebaut wurde. Folgerichtig sind dann der Kreislauf der Geburten
und die Befreiung nicht zwei Bereiche, sondern Bewusstseinszustände, was
bereits im Herz-Sutra durch die berühmte Formel der Identität von Leere und
Form angedeutet ist (yad rupam sa sunyata ya sunyata tad rupam).
Sind alle Phänomene und Lehren leer in bezug auf inhärente Existenz, ergibt
sich eine Relativierung des Gegensatzes zwischen den verschiedenen
buddhistischen Schulen: alle sind relativ, d. h. geschickte Mittel (upaya),
die der Buddha angewandt hat, um entsprechend der Kapazität seiner Hörer zu
lehren, wie vor allem das Lotos-Sutra erörtert. Letztlich aber betonen alle
Mahayana-Schulen, dass sunyata in Meditation direkt erfahren werden muss,
damit diese Erfahrung der Nicht-Dualität den Menschen verwandelt und zur
aktiven heilenden Hinwendung zu allen Wesen befreit, was wiederum dem
Boddhisattva-Ideal entspricht. Die anderen Tugenden treten hinter karuna
zurück, denn sie ist der äussere Ausdruck der ursächlichen Interdependenz
aller Wesen. Die positive Bewusstseinsformung (punya) des Bodhisattva wird
dann nicht auf ein eigentlich anderes Wesen übertragen, sondern durch
Aktualisierung des Bewusstseins der Leere aller Erscheinungen, die primär
miteinander zusammenhängen, da Individuen keine inhärente Existenz haben
(sunyata), realisiert. Die Wirklichkeit wird so, wie sie ist (tathata), d.
h. ohne ichhafte Projektionen (anatman), in ihrer Leere (sunyata) als
vollkommene Interdependenz (pratitya-samutpada) erfahren, was spontan zur
Haltung der Solidarität mit allen Wesen (karuna) führt. Damit kommt der
altruistische Erleuchtungsgeist (bodhicitta) zu seinem Ziel. Die in sunyata
bestehende Einheit der Wirklichkeit wurde auch auf die Existenz der Buddhas
und Bodhisattvas übertragen. Vermutlich auch um den Widerspruch von
Buddhakult und der Lehre vom Verschwinden des historischen Buddha im Nirvana
auszugleichen, entstand die Lehre von den drei Körpern oder Aspekten des
Buddha: der Erscheinungskörper (nirmanakaya), d.h. der historische Buddha
und Mensch Sakyamuni, der Seligkeitskörper (sambhogakaya), d. h. die in
subtilen Bereichen des Bewusstseinskontinuums auftretenden mannigfaltigen
Erscheinungen des Buddha, die meditiert und kultisch verehrt werden sowie
mikro- und makrokosmischen Erscheinungen als Ganzheits- bzw.
Erfüllungssymbole der betreffenden Wirklichkeiten zugeordnet werden, und der
absolute Transzendenzkörper (dharmakaya), d. h. der Buddha in seinem
absoluten Aspekt als Verkörperung und Inbegriff des dharma bzw. der
nicht-dualen Wirklichkeit schlechthin (dharmadhatu). Einzelne Bodhisattvas
werden in ihrem subtil-körperlichen Aspekt im Bewusstseinskontinuum
fortdauernd geglaubt und können sich auf verschiedene Weise leiblich
manifestieren bzw. in der Meditation erscheinen. Die älteste dieser Figuren
ist wohl Maitreya, der im tusita-Himmel darauf wartet, als zukünftiger
Buddha auf die Erde zu kommen und den dharma wieder aufzurichten. Ferner
erfreuen sich Manjusri, der Bodhisattva der Weisheit und Patron der
Schriften, und Avalokitesvara („der auf die Welt herabblickende Herr“), der
Bodhisattva der Barmherzigkeit und heilenden Hinwendung, im Buddhismus des
Volkes wie auch der Mönche grösster Verehrung.
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