|
Die frühe buddh. Bewegung
reiht sich ein in die Tradition von sramanas (Wanderasketen), die im 6. Jh.
v. Chr. ganz Indien durchzogen, unterscheidet sich aber durch den „Mittleren
Weg" von der radikalen Askese und Weltverneinung der Jinas wie auch von den
relativ etablierten Waldeinsiedlern des brahmanischen Systems. Die vom
Buddha verordnete stabilitas loci während der Regenzeit hatte nicht nur den
Grund, keine am Boden kriechenden Lebewesen zu verletzen, sondern gab der
Bewegung eine organisierte Form, während das Wandern während der Trockenzeit
eine schnelle Ausbreitung ermöglichte. Ausgehend von Magadha, wurden im
Nordwesten (Gandhara, Kashmir, Gilgit) und im Südosten (Amaravati im
heutigen Andhra Pradesh) Zentren gegründet, und die klass. achtzehn Schulen
sind wohl zunächst regionale Gruppen gewesen, die noch nicht durch
Lehrdifferenzen definiert waren. Durch die Mission des Maurya-Königs Ashoka
(Regentschaft 272-236 v. Chr.) gelangte der Buddhismus nach Ceylon und hat
dort bis heute in der Form des Theravada eine ununterbrochene Tradition. Das
Erste Konzil fand in Rajagrha unmittelbar nach dem Tode des Buddha statt
(483 v.Chr.), um die Lehren des Buddha durch Rezitation festzuhalten.
Bereits hier soll es eine Kontroverse zwischen Ananda, dem Lieblingsschüler
des Buddha, und Kasyapa, dem Arhant, der die Bewegung nach des Buddhas Tod
leitete, über die Verbindlichkeit sekundärer Mönchsregeln (vinaya) gegeben
haben: Ananda trat für eine vom Buddha sanktionierte weniger strikte
Interpretation der unwichtigeren Details ein, Kasyapa hielt an allen
Einzelheiten fest, um die Einheit des samgha zu gewährleisten. Das Zweite
Konzil von Vaisali, 383 v. Chr., reflektiert eine Kontroverse über zehn
illegitime Praktiken (z. B. Speise- und Wohnvorschriften), während das
Dritte Konzil (Pataliputra, 367 v. Chr. [nichtkanonisch]) wegen Differenzen
über die Mönchsregel zur Trennung in Sthaviras und Mahasamghikas führte.
Gleichzeitig entwickelte sich der Laien-Buddhismus um den Stupa-Kult, der
von Ashoka gefördert wurde. Mokas Felsenedikte sind die ältesten
schriftlichen Zeugnisse des ind. Buddhismus Sie enthalten allg. ethische
Regeln, gehen aber eigentümlicherweise nicht auf den Kern buddh. Lehre, die
„Vier Edlen Wahrheiten" ein. Der staatliche Schutz bedeutete für den
Buddhismus eine gewisse „Säkularisierung", wodurch die arannacas an
Bedeutung gewannen, die sich in Meditation übten und die Prajnaparamita-Lit.
schufen, während in Stupa-zentrierten Laienzirkeln (wohl des Nordwestens) im
1./2. Jh. n. Chr. das Lotos-Sutra entstand. In den Klöstern lebten offenbar
Anhänger der alten Lehren und der neuen Mahayana-Lehren über Jh.e
miteinander. Unter der Sunga-Dynastie (Pusyamitra Sunga, 187-151) setzte
eine gewisse Verfolgung des Buddhismus ein, da der aufblühende Visnuismus
Interessen der herrschenden Schichten und der pluralistischen Volksreligion
wohl besser auszugleichen vermochte als der anspruchsvolle und auf den
samgha gestützte Buddhismus Nicht-ind. Herrscherhäuser der Griechen, Parther,
Skythen und die Kushan-Dynastie (vor allem Kaniska, um 100 n. Chr.)
unterstützten den B. mehr oder weniger stark vor allem im Nordwesten,
sicherten seine Ausbreitung nach Zentralasien und trugen zur Entwicklung der
buddh. Kunst bei (Gandhara Mathura im Norden, Amaravati und Nagarjunakonda
im Süden).
Lehrmässige Unterschiede der Sc betreffen hauptsächlich das Verständnis des
Nicht-Selbst, das im Zusammenhang mit der nie bezweifelten
Wiedergeburtslehre interpretationsbedürftig war: Was wird eigentlich
wiedergeboren? Während die wohl älteste lautet, dass es sich um einen
karmischen oder energetischen Impuls (eine FIamme die eine zweite anzündet)
handelt, blieb diese Vorstellung abstrakt, und durfte der Theorie des
Bewusstseins, den Widerspruch von Nicht-Selbst und Reinkarnation zu lösen:
vijnana ist einerseits jenseits der gewöhnlichen mentalen Faktoren eine
reine Kapazität, die von anderen Faktoren wie den Sinneseindrücken und –objekten
abhängt, andererseits aber ein Prinzip der Kontinuität im Wandel im Kontext
der karmischen Verkettung von Impulsen. Die Pudgalavadins führten ein
permanentes Prinzip der „Person“ ein, die Sautrantikas meinten, die Skandhas
selbst würden im Samsara von Leben zu Leben fortbestehen, und auch die
Sammitiyas sprachen von einer gewissen Unabhängigkeit der „Person". Bereits
im „Milindapanha" (Datierung ums 1. Jh. v. Chr. bis 2. Jh. n. Chr. Möglich)
wird die Theorie von bhavanga, Lebenskontinuum zwischen den Geburten,
entwickelt, die sich in der Abhidharma-Lit. Wiederfindet und von
Buddha-ghosa (Systematiker der Theravada-Lehre, 4. Jh. n. Chr.) übernommen
wurde. Spekulationen über das Nirvana, das Wesen des Buddha, die
Ausschliesslichkeit nur eines vollkommen Erwachten für ein Weltzeitalter,
Stellung und Vollkommenheit der Arhants usw. führten zu Schulbildungen, die
den Graben zwischen Sthaviras und Mahasamghikas hinsichtlich der
vinaya-Interpretationen vertieften und zum Lehrgebäude des Mahayana
beitrugen.
Der Südinder Nagarjuna (2./3. Jh. n. Chr.) systematisierte die
Prajnaparamita-Lit. Der Mahayana-Bewegung und schuf damit die
Madhyamika-Philosophie, die aufgrund der Einsicht in die Leere den Mittleren
Weg" sowohl in bezug auf ethische wie doktrinäre Fragen logisch begründen
konnte. Vier Jahrhunderte danach spaltete sich die Madhyamika-Schule in
Prasangika (Buddhapalita, ca. 500 n.Chr., und Candrakirti, ca. 550-600) und
Svatantrika (Bhavaviveka, ca. 500-550), wobei jene die Kritik aller
möglichen Positionen bis zur reductio ad absurdum betrieb, diese aber eine
eigene Position aufgrund spezifischer epistemologischer Kriterien aufbaute.
Die andere grosse Schule des Mahayana, Yogacara oder Vijnanavada bzw.
Cittamatra, entwickelte sich im Nordwesten unter massgeblichem Einfluss der
Brüder Asanga (ca. 310-390) und Vasubandhu (ca. 320-400), wobei letzterer
einen deutlichen Rückhalt in den Anschauungen der Sarvastivadins erkennen
lässt. Diese Schule betont Bewusstseinstraining durch Meditation, so dass
letztlich alle Phänomene als bewusstseinsabhängig erscheinen, was zu dem
Schluss führt, dass alles Bewusstsein ist. Das Bewusstsein selbst aber
erscheint auf verschiedenen Ebenen, die durch Subtilitätsgrade
gekennzeichnet sind, wobei die an der Basis liegende Bewusstseinsebene alle
anderen bestimmt, sofern in ihr die karmischen Eindrücke früherer Handlungen
„eingraviert" sind. Beide Schulen durchdrangen einander in der weiteren
Geschichte, bes. in Tibet und Ostasien. Die Tathagata-garbha-Theorie wurde
von Saramati (ca. 350-450) systematisiert und schreibt die Tendenz fort, das
„Absolute" nicht nur negativ zu beschreiben: alle Wesen tragen in sich die
Buddha-Natur als ontologische Basis für die Erleuchtung. Auch die positiven
Attribute der Buddhaschaft werden beschrieben, die Manifestation des
Absoluten wird in allen Erscheinungen der Wirklichkeit wiedererkannt. Seit
dem 8. Jh. breitete sich der Tantrismus aus, wohl auch als Protestbewegung
gegen die erstarrende Scholastik und philos. Streitigkeiten in den
bestehenden Ordert. Er durchdrang sowohl den Laien-Buddhismus als auch die
grossen Klosteruniversitäten Nalanda und Vikramasila.
Im 12 Jh. verfiel der Buddhismus in Indien. Die Gründe sind vielschichtig:
Trotz. der Laienbewegungen des Mahayana war der Buddhismus weitgehend auf
monastische Institutionen gestützt, die von königlichen Patronen abhingen
und dem einfachen Volk entfremdet blieben. Die ind. Bhakti-Bewegungen (Visnuismus)
einerseits und die brahmanischen philos. Systeme andererseits entzogen dem
Buddhismus den Boden, indem sie ihn einerseits durch Lokalkulte und
Integration des Buddha als avatara Visnus „hinduisierten", andererseits fast
das gesamte buddh. philos. und psychologische Erbe integrierten (Senkara,
788-850, im Süden, der Kashmir-Saivismus seit dem 9. Jh. im Norden), so dass
Sarikara von seinen Kritikern als KryptoBuddhist bezeichnet werden konnte.
Die Zerstörung der monastischen Zentren im Norden (Nalanda 1197 und
Vikramasila 1203) durch die muslimischen Türken (Mubammad Ghuri) gab dem
schon längst kraftlos gewordenen Buddhismus nur den letzten Stoss. Mit der
Gründung der Mahabodhi-Gesellschaft durch den Ceylonesen Anagarika
Dharmapala (1864-1933) im Jahre 1891 zur Wiederherstellung der buddh.
Pilgerstätten in Indien beginnt eine Neubelebung des Buddhismus vor allem in
intellektuellen Zirkeln, die heute anhält. Nach 1947 richteten verschiedene
Universitäten buddh. Studienprogramme ein. Durch den Übertritt B. R.
Ambedkars (1891-1956) mit ca. 500000 Kastenlosen am 14. Oktober 1956 zum
Buddhismus (heute über 2 Mio.) wurden vor allem die sozialethischen Impulse
des Buddhismus erneut zur Herausforderung für Indien. Seit der Flucht des
Dalai Lama mit ca. 80000 Tibetern 1959 nach Indien hat die intellektuelle
und moralische Ausstrahlung buddh. Praxis zugenommen.
|