|
a) Religionsgeschichtlich
ist der Buddhismus keine creatio ex nihilo. Sein Sitz im Leben sind die
Stadtkulturen des Gangestales, die sich, auf die Zeit der Veden und
Upanisaden folgend, nach dem 6. Jh. v. Chr. entwickelt hatten. Bedingt durch
den Zerfall der Stammeskulturen und den raschen gesellschaftlichen Wandel,
hatte sich ein tiefer Pessimismus Bahn gebrochen. Der Glaube an die endlose
Wiedergeburt und das endlose Sterben, in den Veden nur spurenweise vorhanden
und in den Upanisaden als Geheimlehre entwickelt, war, abgesehen von einer
Gruppe von Materialisten, zum selbstverständlichen geistigen Allgemeingut
geworden. Der Sehnsucht der Menschen nach Endgültigkeit boten die ohnehin
nur wenigen möglichen Opferriten der Brahmanen keine Antwort. Es mussten
andere Wege gefunden werden, auf denen alle zu einem endgültigen Heil
gelangen konnten. Religiöse Gemeinschaften die der Ajivikas, Jainas und
Buddhisten entstanden.
Der Gründer des Buddhismus ist die historische Person des Siddharta Gautama
aus dem Ksatriya-Geschlecht des Sakya-Stammes des heutigen südlichen Nepal,
von seinen Verehrern „Sakyamuni", und nachdem er die Erleuchtung erlangt
hatte, „Buddha" genannt. Bis zur Ausarbeitung seiner entwickelten Biographie
brauchte es zehn Jahre, wobei es heute kaum möglich ist, den „Buddha der
Geschichte" vom „Buddha des Glaubens" zu unterscheiden.
Die Überlieferungen stimmen darin ein, dass er im Alter von 80 Jahren
gestorben bzw. ins Nirvana eingegangen ist. Die Buddhisten der
südostasiatischen Länder nehmen dafür das Jahr 543 v. Chr. an. Im Westen
wird das Datum errechnet in Abhängigkeit vom Datum der Königsweihe Asokas,
die im Jahre 268-267 v. Chr, erfolgte. Nach einer längeren Chronologie starb
der Buddha 218 Jahre vor diesem Ereignis, nach einer kürzeren nur 100 Jahre
zuvor. Beide Chronologien können angenommen werden. 486 v. Chr. (Lamotte,
Histoire), 483 v. Chr. (Cambridge, History of India) und 478 v. Chr. (Inde
classique) sind die im Westen gängigsten Daten. Dementsprechend wäre das
Geburtsdatum etwa im Jahre 566 v. Chr. anzusetzen.
b) Buddhas Geschichte hat, wie sie Buddhisten vorgetragen wird, der
Überzeugung von der Wiedergeburt entsprechend keinen Anfang. Sie wird
„heilsrelevant" in dem Augenblick, in dem er sich zum ersten Mal
entschliesst, zum Heil und Glück aller Wesen die höchste, vollkommene
Erleuchtung zu erlangen (bodhicit-totpada, „Entstehen des Entschlusses
Erleuchtung"). Danach wird er in unermesslichen Äonen (asamkhyeyakalpa) als
Bodhisattva („Wesen auf dem Weg zur Erleuchtung") in verschieden Existenzen
wiedergeboren (viele seiner Erlebnisse sind in den späteren Jatakas
„Geburtsgeschichten", berichtet). Sein Entschluss fällt in den ersten Äon.
Im zweiten Äon äussert er seinen Entschluss als Gelübde (pranidhana) vor
Dipam-kara, dem Buddha jenes Äons, von dem er die Verheissung (vyakarana)
seiner künftigen Buddhaschaft erhält. Auf den dritten Äon, in dem er die
Sicherheit des endgültigen Heils erlangt hatte, folgen 91 kürzere Äonen, in
denen er durch heroische Taten unendliche Verdienste und die Vollkommenheit
der Tugenden (paramita) erwarb, was ihm bei seiner letzten Inkarnation einen
Körper, versehen mit den 32 Merkmalen eines Übermenschen, verdiente.
Seine Empfängnis vollzog sich auf wunderbare Weise, nachdem seine Mutter
Maya im Traum einen weissen Elefanten gesehen hatte, der in ihren Schoss
eintrat. Ebenso wunderbar war die Geburt, bei der das Kind auf der rechten
Seite aus dem Mutterschoss heraustrat, sogleich sieben Schritte tat und
verkündete, dass keiner ihm gleich sei in allen Welten und dies seine letzte
Inkarnation sei. Seinem Vater Suddhodana wurde von den Weisen mitgeteilt,
dass dem Kind mit den 32 Merkmalen entweder die Laufbahn eines
Universalherrschers oder, falls es der Welt entsagte, die eines Buddha offen
stehe. Nach der Überlieferung soll Suddhodana, der König oder Häuptling der
Sakyas, alles getan haben, das Kind durch die Annehmlichkeiten des Hoflebens
vor dem Gedanken der Weltentsagung zu schützen. Mit 16 (oder 19) Jahren
heiratete Siddharta Yasodhara, die ihm, als er 29 Jahre alt war, seinen Sohn
Rahula gebar. Durch Intervention der vedischen Gottheiten soll er auf
wiederholten Ausfahrten mit der Wirklichkeit des Leides in der Gestalt eines
alten Mannes, eines Kranken und eines Toten konfrontiert worden sein und
sich beim Anblick eines Frieden ausstrahlenden Bettelmönchs entschlossen
haben, der Welt zu entsagen und als Wandermönch für sich und für alle
Lebewesen einen Ausweg aus der leidvollen Runde der Wiedergeburten zu
suchen. Sechs Jahre lang versuchte er bei verschiedenen Meistern und dann
zusammen mit einer Gruppe Gleichgesinnter durch extreme Askese diesen Ausweg
zu finden. Als er durch seine Askese bis zum Rand der Selbstvernichtung
gelangt war, änderte er seine Lebensweise und kam wieder zu Kräften. In der
Vollmondnacht im Mai (Vesakha) 537 v. Chr., unter dem heiligen Pipal-Baum am
Nairanjana-Fluss bei Bodh-Gaya sitzend, versenkte er sich in die Betrachtung
der existentiellen Situation des Menschen, die durch Geburt und Tod
gekennzeichnet ist und gelangte so zur „höchsten und vollkommenen
Erleuchtung" (anuttara-samyaksambodhi).
Diese Erleuchtung beinhaltete ein dreifaches Wissen:
das Wissen
um die eigenen vergangenen Daseinsformen,
um das Geborenwerden und Sterben aller Lebewesen und
Unwissenheit und Leidenschaft endgültig besiegt zu haben und damit aus der
Runde der leidvollen Wiedergeburten ausgestiegen zu sein.
Sakyamuni, zum Buddha geworden, liess sich nach vier (oder sieben) Wochen
von den Göttern dazu bewegen, seine neugewonnene Erkenntnis den Menschen
weiterzugeben. Im Gazellenpark von Benares predigte er als erste seinen
ehemaligen Gefährten der Askese und lehrte sie die Vier Edlen Wahrheiten im
„Sutra, durch das das Rad der Lehre in Bewegung gesetzt wird"
(Dhammacakkappavattana-sutta), und eine Woche später die Lehre vom
Nicht-Selbst (anatta) im „Sutra über das Kennzeichen des Nicht-Selbst"
(Anattalakkhana-sutta). Auf diese Predigt von Benares folgten 40 Jahre, in
denen der Buddha unermüdlich durch Nordindien wanderte, seine Lehre
weitergab, sich mit den Anhängern anderer Schulen auseinandersetzte,
Bekehrungen herbeiführte und eine grosse Schar von Anhängern sammelte. Mit
Selbstverständlichkeit folgte er der indischen Praxis und gründete den Orden
der heimatlosen Bettelmönche, dem nach geraumer Zeit auch ein Orden für die
Nonnen beigesellt wurde. Grundsätzlich sollten im Orden die
Kastenunterschiede aufgehoben sein und nur der Vortritt der Ordination
gelten. Auch eine erhebliche Anzahl von wohlhabenden Bürgern und einige
Könige schlossen sich dem Buddha als Laienanhänger an und sorgten für die
materielle Unterstützung des Ordens.
Im Alter von 80 Jahren stirbt der Buddha nach wiederholten heftigen Anfällen
von Ruhr, die noch verschlimmert wurden durch seine letzte Mahlzeit bei
Cunda, einem Schmied. In der Nähe der Stadt Kusinagara im Land der Malla,
zwischen zwei Sala-Bäumen auf der rechten Seite liegend, tritt er in das
endgültige Nirvana ein. Seine letzten Worte waren: „Vergänglich sind alle
Daseinsformen. Strebet ohne Unterlass." Sein Körper wurde verbrannt, die
Asche unter die umliegenden Städte verteilt. Die Stupas, die sich bald über
den Reliquien erhoben, wurden zu Zentren der Verehrung des Buddha.
|