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Brahman

Abgeleitet von der Wurzel brh (= aussprechen), bedeutete das Wort Brahman urspr. den heiligen Spruch, das vedische Mantra oder das Gebet. Allmählich hat dieses Wort die Bedeutung von Kraft oder Wirksamkeit des Gebets gewonnen. Der vedische Gott Brhaspati heisst der Herr des Gebets. Im männlichen Geschlecht bezeichnet das Wort Brahma denjenigen, der mit der Kraft des heiligen Spruchs erfüllt ist. In diesem Sinn ist Brahma der Schöpfer-Gott, die erste Person der Trimurti (der hinduistischen Dreifaltigkeit). Der Brahmin oder Brahmana ist ein Mitglied der priesterlichen Kaste, der allein bevollmächtigt ist, die vedischen Mantras bei den Opferriten zu rezitieren. Während der upanisadischen Zeit hat das Neutrum Brahman die Bedeutung „das höchste oder das absolute Wesen" erhalten.
Diese Bedeutung wurde auf verschiedene Weise abgeleitet:
 

a) Brh= wachsen, gross werden. In diesem Sinne heisst Brahman „das grösste Wesen";
 

b) nach Sankara brh = übertreffen, überragen. Demnach heisst Brahman „das überragende Wesen", d. h. das ewige, das unendliche Wesen;
 

c) nach Madhva brh= im Überfluss vorhanden sein. Brahman heisst dann „das Wesen, in dem alle guten Eigenschaften reichlich vorhanden sind".

Der Begriff Brahman ist eigentlich das Ergebnis der langen Suche nach der grundlegenden Einheit hinter der scheinbaren Vielfältigkeit in diesem Kosmos. Schon im Rigveda, wo zahlreiche Götter angebetet wurden, findet man den Beginn dieser Suche: „Das ein einziges Seiende benennen die Weisen vielfach ..." (I 164.46).
Die obengenannte Suche nach der absoluten Einheit erreicht ihren Höhepunkt in den Upanisaden. „Wahrlich, Brahman war dies alles am Anfang ..." (Brhadaranyaka Up.I 4.10-11). „Diese ganze Welt ist Brahman ..." (Chandogya Up. III 14.1; Maitri Up. IV 6). In dem Versuch, das absolute Wesen zu beschreiben, kommen die upanisadischen Seher sehr oft zu negativen Beschreibungen, weil sie glauben, dass das Absolute grundsätzlich unbegreiflich und unbeschreiblich ist: „Neti, neti" = „Nicht dies, nicht dies" (Brhadaranyaka Up.II 3.6; Taittiriya Up. II 9.1).
In den positiven Beschreibungen sind die folgenden Begriffe grundlegend:
Sat = das Seiende, die Wirklichkeit (Chandogya Up. VI 2.1);
Satyam = die Wahrheit (Brhadaranyaka Up. II 1.20; II 3.6; Taittiriya Up. II 1.1);
Jnanam, Vijnaman = das Wissen, die Erkenntnis (Brhadaranyaka Up. II 9.28,7; Taittiriya Up. II 1.1; II 5; III 5);
Ananda = die Wonne, die Seligkeit (Brhadaranyaka Up. III 9.28,7; Taittiriya Up. II 7-8; II 9.1; III 6; Mundaka Up. II 2.8);
Anantam = das Unendliche (Taittiriya Up. II 1.1).
Dieser kurze Überblick über die Upanisaden zeigt, dass die Suche nach der absoluten Einheit die upanisadischen Philosophen zu einem neutralen und unpersönlichen Brahman geführt hat. Hier ist man dann wieder mit einem anderen Problem konfrontiert: Wie aber kann die Schöpfung mit einem gefühl- und gestaltlosen Wesen in Berührung kommen? Um dieses Problem zu lösen, schlagen die upanisadischen Lehrer zwei Daseinsweisen für das Brahman vor:

a) gestaltlos und attributlos, d. h. Nirguna Brahman = Brahman in sich selbst, beziehungslos;

b) mit Gestalt, mit Attribut, d. h. Saguna Brahman = Brahman in Beziehung mit der Schöpfung - Isvara = der Herr (der Schöpfung).
 


 

 

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