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Während das frühe
vedische Ritual - ähnlich wie die verwandte Religion der Perser - sich im
Freien oder im Haus ohne Sakralbauten und Bilder abspielte, kannten
vorarische Religionsschichten Indiens mannigfache ikonographische Elemente,
insbesondere abstrakte Symbole (etwa das Hakenkreuz), deren Bedeutung
unbekannt ist. Nach der Verschmelzung der verschiedenen Traditionsstränge
setzt im Hinduismus die Entwicklung einer reichhaltigen Bilderwelt in den
folgenden Bereichen ein:
1. Der Tempel repräsentiert in seiner Anlage den Kosmos schlechthin; in
seiner Orientierung spielen die Himmelsrichtungen eine wichtige Rolle. Im
Zentrum steht der Tempelturm als Repräsentation des Weltberges. Neben der
Bergsymbolik spielt auch die Baumsymbolik eine wesentliche Rolle. Die
einzelnen Bereiche des Tempels haben kosmologische Qualitäten, und die
reiche plastische Ausgestaltung macht die Bevölkerung der Welt durch die
lebensbestimmenden Mächte deutlich.
2. Aus stilisierteren Darstellungen der Frühzeit, welche von Bedeutung
bleiben, entwickeln sich ikonographisch immer klarer umrissene figürliche
Darstellungen der einzelnen Götter. Der Anthropomorphismus ist modifiziert
durch typisch „übermenschliche" Züge, etwa bei der häufigen Mehrköpfigkeit
oder Mehrarmigkeit von Göttern. Dazu kommt, dass viele Götter sowohl
anthropo- als auch theriomorphe Erscheinungsmöglichkeiten haben, welche je
einen bestimmten Aspekt der Gottheit offenbaren. Auch Pflanzen (z. B. der
Lotos) sind göttlichen Mächten zugeordnet.
Dabei sind die Götter in typischen Haltungen oder Szenen dargestellt. Die
Körpersprache ist hochgradig ausgearbeitet, verschiedene Sitz- und
Tanzpositionen und Handhaltungen bringen die Haltung des Gottes dem
Betrachter gegenüber zur Darstellung. An dieser Stelle ist die Ikonographie
eng mit einer handlungsmässigen Darstellung des Symbolsystems, dem Tanz,
verknüpft.
3. Ein wichtiges Darstellungsmoment bilden Polaritäten (vor allem männlich -
weiblich) und deren Einheit. In die vorgeschichtliche Zeit gehen linga und
yoni zurück, stilisierte Gestaltungen von Phallus und Vulva, welche in der
Sakralarchitektur eine wesentliche Rolle spielen. Beide Elemente sind in die
verschiedensten Bedeutungszusammenhänge einbezogen und haben mannigfache
Variationen erfahren. Im Tantrismus wird diese Thematik zum Zentrum einer
elitären, häufig im Bild dargestellten Religionsausprägung. Die Vereinigung
der Gegensätze wird z. T. ganz konkret als variantenreicher Geschlechtsakt,
z. T. in abstrahierender Form dargestellt.
Hervorragende Symbole zur Darstellung integrierender Ganzheit sind Rad,
Kreis, Viereck, Dreieck u. ä.; im Meditationsdiagramm sind solche Elemente
kombiniert und z. T. mit Schrift, z. T. mit Bild-Zeichen erläutert. Das
Schauen leitet so über zu einer Meditation, deren Ziel es ist, über die
Ebene des Visuellen (und des Sprachlichen) hinauszugelangen. Zur visuellen
Kosmologie gehört eine ausgeführte Farbenlehre.
4. Schliesslich erfahren destruktive Mächte eine besondere ikonographische
Berücksichtigung. Dämonen haben einen kosmologischen und einen
anthropologischen Aspekt, sie gefährden den Bestand der Welt und das
Wohlsein des Menschen. Götter sind deshalb gern als Bezwinger solcher
Dämonen dargestellt: Shiva tanzt auf dem Dämon der „Blindheit", Krishna auf
dem Schlangenunwesen Kaliya herum, Dämonen werden erschlagen, zermalmt usw.
Wird so das Destruktive einerseits ausgeschaltet, findet sich doch
andererseits auch Integration, in Gestalt der „Furchtbaren", der Durga-Kali,
die sich selbst und andere vernichtet, aber im Kontext fruchtbarer
Neuschöpfung.
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