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Bhakti

1. Bhakti (von Skt. bhaj- = teilhaben an, sich eins wissen mit, sich hingezogen fühlen, dienen, lieben) ist schwer zu übersetzen. Der Begriff „bezeichnet nicht einen Glauben, sondern eine liebende, treue Verehrung und Hingabe, eine inbrünstige persönliche Gewogenheit, eine tiefe affektionierte und mystische Ergebenheit, verbunden mit der Begierde, mit dem Objekt seiner Verehrung - einem persönlichen Gott, an dessen geistiges Wesen man glaubt - eins zu werden, oder richtiger, weil man überzeugt ist, wesentlicher Teil seines Wesens zu sein, die Einheit mit ihm zu verwirklichen". Bhakti ist das menschliche Streben nach dem Göttlichen, ein inniges persönliches Verhältnis des Menschen zu Gott. Es setzt einen Bhakta - einen, der sich hingegeben hat - und Bhagavan (Grundform: Bhagavat), den persönlichen Gott, voraus. Das Verhältnis zwischen ihnen kann in verschiedenen Formen Ausdruck finden, je nach individuellem Naturell und kulturellem Hintergrund: im Verhältnis eines Dieners zu seinem Herrn, eines Menschen zu seinem Freund, der Eltern zu ihrem Kind oder umgekehrt oder auch der ehelichen Liebe zwischen Mann und Frau. Sogar die Beziehung eines hasserfüllten, darum intimen Widersachers vermag zu Gott zu führen. Bhakti ist nicht, wie vielfach behauptet, ein Weg neben anderen; Bhakti kann mit verschiedenen Heilsmethoden wie denen des jnana und karma nicht nur zusammengehen, sondern diese in sich integrieren und bedeutsam machen. Bhakti ist so zugleich religiöse Erfahrung und Liturgie, mit anderen Worten: ein allumfassender Heilsweg.

2. Anfänge von Bhakti mögen in die vedische Zeit zurückreichen, wofür sich jedoch keine eindeutigen Beweise anführen lassen. F. Hardy hat zwischen intellektueller und emotionaler Bhakti unterschieden. Die erste, inhaltlich dem Begriff Yoga verwandt, betont eher die mentale Konzentration als die gefühlsmässige Bindung an die göttliche Person. Der älteste Beleg für den Begriff Bhakti selbst ist Svetasvatara-Upanishad 6,23; in älteren Texten stehen die Termini Yukta und Yoga, wo man bhakta und bhakti erwarten würde. Diese alten Termini sind noch in der Bhagavad-gita geläufig. Emotionale Bhakti ist jedenfalls spätestens bei den visnuitischen Alvars (Tamil : „in tiefer Meditation versunken"; zwischen 500 und 900 n.Chr.) voll zur Entfaltung gelangt. Dabei kommt unter den Avataras Vishnu Krishna die entscheidende Rolle zu. Den visnuitischen Alvars und sivaitischen Nayanars in Südindien folgen die grossen Meister, die durch ihre in Sanskrit verfassten scharfsinnigen philosophischen Schriften die fehlende theoretische Grundlage lieferten. Ihre aus verschiedenen gesellschaftlichen Schichten und Teilen des südindischen Tamillandes stammenden Vorgänger hatten sich für ihre Lieder des Tamils, ihrer Muttersprache, bedient. Damit waren der Verbreitung ihres Gedankenguts Grenzen gesetzt. Erst die in Sanskrit abgefassten Abhandlungen der nachfolgenden Theoretiker machten ihre Botschaft in gelehrten brahmanischen Kreisen landesweit bekannt.

3. Von entscheidender Bedeutung für die Popularisierung der Bhakti-Idee war ein vermutlich um 850 n. Chr. in Südindien entstandener Sanskrittext, das Bhagavata purana, neben der Bhagavad-Gita das am weitesten verbreitete heilige Buch der Hindus. Seit dem 14. Jh. entwickelte sich der Bhakti-Gedanke der Alvars, verstärkt durch die theoretischen Ausführungen der Acaryas, zu einer mächtigen Bewegung, die nach und nach ganz Nordindien durchzog. Die Führer dieser alle Lebenssphären umfassenden Bewegung waren die in nordindischen Regionalsprachen schreibenden Dichter-Heiligen, die „grossen Integratoren" wie Namdev (ca. 1350), Kabir(1. Hälfte des 15. Jh.), Nanak (1469 1539), deren Lieder im Adi-Gran dem heiligen Buch der Sikhs, gesammelt sind und die als Sant-Dichter (sant gutseelig) bezeichnet werden, sowie Vidyapati (1380-1460?), Surdas (geb. 1480?), Tulsidas (1532-1623) und Mirabal (um 1500). Die Sant-Dichter verehren einen an „Qualifizierbarkeit transzendierenden Gott", im Gegenzug zu denen, die eine Avatara-Persönlichkeit wie Krishna oder Rama verehren. Gottes Gnade wird allen zuteil, die sich ihm vertrauensvoll hingeben. Er erlöst denjenigen, der bei ihm Zuflucht sucht. Dienst des Herrn bringt jedoch Dienst an seiner gläubigen Gemeinde mit sich. Die Liebe zu Gott bedeutet Liebe zu seinen Dienern und geistige Inspiration. Die Gnade Gottes ist zugleich sein Anspruch an den Menschen und macht diesem seine Verantwortung für den Menschen bewusst.

4. Die Frage, ob die Hingabe an Gott allein genüge, wurde in der Zeit nach Ramanuja (1055-1137) heftig diskutiert. Es gab zwei Positionen, zu deren Rechtfertigung man das Verhalten von Affen und Katzen bei Gefahr heranzog. „So junge Affen als auch junge Katzen werden gerettet, indem sie ihre Mutter der Gefahrenzone fortträgt". Der Affe hält sich dabei jedoch an der Mutter fest, während die junge Katze nichts zu ihrer Rettung beitragen kann, sich vielmehr völlig passiv verhält. Bhakti als Liebe, und zwar als eheliche Liebe ist am intensivsten zu erfahren in der Trennung, etwa der Kuhhirtinnen Krishnas. Diese Bhakti wird „Viraha- Bhakti" genannt. Die Lieder der Dichter-Heiligen des Mittelalters prägen noch heute das Alltagsleben Hindus in vielfältiger Weise. Die einfachste und jedem zugängliche Art, am Leben teilzuhaben, ist das gemeinsame Bhajan-Singen (bhajan = Lobpreisu Gottes). Dieses Singen, auch Kirtan genannt, ist jederzeit und an jedem Ort vollziehbar. Gandhis „prayer meetings" z. B. waren stets davon begleitet.
 


 

 

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