|
1. Als kürzeste
Definition dessen, was Bestattung ist, könnte man sagen: Bestattung ist die
unter Beachtung jeder festgelegter Riten erfolgende, nach Zeiten, Völkern
und Religionen verschiedene Art der Leichenbeseitigung. Die gebräuchlichsten
Formen der Bestattung sind Erd- und Feuer-Bestattung; seltener sind das
Versenken der Leiche im Meer und das Verzehren des Leichnams durch Tiere
oder Hinterbliebene (Kannibalismus).
Grab, Ruhestätte von Toten oder deren Geistern, hat eine
Schutz-Sicherheitsfunktion; Schutzfunktion sofern, als der bestattete
Leichnam vor Dämonen, Tieren und feindseligen Menschen geschützt wird,
Sicherheitsfunktion in der Weise, dass sich die Lebenden absichern gegenüber
dem Geist der Toten, der als Schrecken und furchterregend empfunden werden
kann.
2. Neben der Beisetzungsart einer Leiche in einem Hocker- oder Liegegrab,
was die individuelle Unsterblichkeit betont, kennt man die Bestattung in
Familiengräbern und die Haus-Bestattung. Letztere ist bereits für Jericho,
eine der ältesten bisher bekannten Städte (ca. 8000 v. Chr.), archäologisch
nachgewiesen. Die Haus-Bestattung wie die in Familiengräbern hatte den
Zweck, den verstorbenen Gliedern der Familie die Fortsetzung der
Gemeinschaft zu sichern (Ahnenkult), so dass der Gedanke der individuellen
Unsterblichkeit hinter dem von Familie und Sippe zurücktrat. So wird im
alten Israel die Bestattung eines Toten als Versammeltwerden zu den
Vätern/den Seinen bezeichnet.
Im Grab selbst wurde der Leichnam in Rücken-, Seiten- oder Bauchlage
beigesetzt, wobei die Orientierung des Leichnams in eine bestimmte
Himmelsrichtung hinzukommen kann, was alles Rückschlüsse zulässt auf die
jeweilige Jenseitsvorstellung bzw. die Todesfurcht. Durch das Hineinlegen
der Leiche in Särge, das Einwickeln in Tücher, die Aufbewahrung der Asche in
Urnen soll vor allem die Berührung der Toten mit der Erde vermieden werden;
beim Einbalsamieren kommt das Bestreben hinzu, den Körper in seinem Zustand
zu erhalten und seiner Verwesung Einhalt zu gebieten. Wo an die Kraft der
Toten geglaubt wird, werden z. B. mumifizierte Leichen tapferer Krieger bei
Kriegszügen mitgeführt.
3. Dem Verstorbenen werden vielfach Grab-Beigaben wie Speise, Schmuck, aber
auch Tiere, der überlebende Ehegatte, Gefolgsleute und Sklaven mitgegeben
(später mancherorts durch Tonfiguren oder Malereien ersetzt). Sie sollen dem
Toten auf seiner Reise ins Jenseits dienlich sein. Das Grab, die
Beisetzungsart und Grab-Beigaben geben für die prähistorische Zeit
bedeutende kulturhistorische Aufschlüsse, sagen aber nichts darüber aus, wie
der Ritus selbst bei der Bestattung ausgesehen hat - die Aufgabe des
einzelnen wie die der Angehörigen des Toten, die Zeremonien des Priesters
bzw. Schamanen usw. - und die dann implizierten religiösen Vorstellungen.
Was für die prähistorische Zeit gilt, gilt bis heute von allen schriftlosen
Kulturen. Anders bei den Schriftkulturen: Schriftzeichen in und an den
Grab-Wänden oder gar Bücher über Tod, Bestattung und deren begleitenden
Ritus und die Jenseitsvorstellung informieren über deren Glauben. Die
Bestattung ist somit allein für den Glauben der „ältesten Menschen" zentral
und stellt das einzige Dokument dar, Rückschlüsse auf Vorstellungen, Ideen,
Hoffnungen und Erwartungen zu ziehen.
4. Die ersten Bestattungen sind aus dem mittleren Paläolithikum bekannt, wie
Neandertal-Altmenschenfunde aus Le Moustier und La Ferrasie in Frankreich
beweisen. Die Hockerlage der Verstorbenen und die Grab-Beigaben lassen
keinen Zweifel daran, dass schon der Neandertaler Vorstellungen von einem
Leben nach dem Tode hatte. Zur Abdeckung der Gräber verwandte man
Mammutschulterblätter u. a. grosse Knochen. Bestattungen mit einem
komplizierten Ritus finden sich im Jungpaläolithikum. Schädelgräber und zu
Bechern verarbeitete Schädelkalotten werfen dabei die Frage nach einem
kultischen Kannibalismus auf, dem möglicherweise ebenfalls das Motiv der
Kraftübertragung zugrunde lag.
5. Die Bestattung und der Totenkult in prähistorischer Zeit führen dann in
der Megalithkultur zu riesigen Steinsetzungen. Die häufigste Form der
Megalith-Gräber sind die Dolmen (Steintische): Vier oder fünf grosse
Steinblöcke und ein Deckstein bilden die Grab-Kammer, über die dann ein
Erdhügel aufgeschüttet wird, so dass die Grab-Kammer fast luftdicht
verschlossen ist. Aus späterer Zeit finden sich Gang-Gräber, in denen
mehrere Tote bestattet wurden. In Norddeutschland zeugen die Hünen-Gräber
von der Megalithkultur. In Irland und Spanien sind es die Kuppel-Gräber,
riesige Anlagen mit Grab-Kammern, Seitenkammern, Gängen, Wällen und Gräben.
Eine starke Parallele zu den Kuppel-Gräbern weist das Grab des Atreus in der
mykenischen Kultur auf. Anlass zu manchen Spekulationen gaben bei
zahlreichen Megalith-Gräbern kleine Öffnungen, von denen zunächst angenommen
wurde, dass es sich hierbei um „Seelenlöcher", d. h. Ausgänge für die Toten
handle. Diese sog. „Seelenlöcher" dienten jedoch offensichtlich dazu, die
Grab-Beigaben von Zeit zu Zeit erneuern zu können.
Des öfteren finden sich bei den Gräbern der Megalithzeit aufrechtstehende
Steine (Menhire), die manchmal von einem Steinkreis umgeben sind. Bildete
der Steinkreis wahrscheinlich einen abgegrenzten Fest- oder Kultplatz,
stellten die Menhire in älterer Zeit wohl den „Seelensitz" des Toten dar, in
jüngerer Zeit hingegen ein Denkmal, wo man der Verstorbenen gedachte.
6. Von der prähistorischen Zeit bis in unsere Tage hinein gilt aber, dass
bei allen Kulturen der Erde der Ort der Toten ein heiliger Platz ist, an dem
der Mensch in besonderer Weise das Numinose erfährt, ihm Tod und Geburt, die
beiden grossen Geheimnisse des Lebens, bewusst werden. Durch den Tod und das
Aufsuchen der Totengedenkstätten wird der Mensch daran erinnert, dass das
Heil des Menschen und der Menschheit sich nicht im Diesseits vollendet. Der
Tod ist nicht das Ende des Lebens. |