|
Die
babylonisch-assyrische Religion ist, wie auch andere Bereiche von Kultur und
Zivilisation im Zweistromland, ein Ergebnis der gegenseitigen Assimilierung
des allmählich die südliche Hälfte des späteren Babylonien durchdringenden
semitischen Volkes der Akkader mit dem dort ansässigen, weder ethnisch noch
sprachlich verwandten Volk der Sumerer. Dieser Prozess, der bereits vor der
Mitte des 3. Jahrtausends begonnen hat und gegen Anfang des 2. Jahrtausends sein Ende fand,
brachte eine Mischkultur akkadischer Sprache hervor, in der sich in
religiöser Hinsicht ein beachtlicher sumerischer Einfluss erhielt, wenn
dieser auch im Laufe der weiteren Entwicklung zurückgedrängt wurde, da das
semitische Verständnis der Religion von dem sumerischen in manchem abwich.
Einen Begriff vom Beharrungsvermögen des sumerischen Erbes vermittelt uns
der Umstand, dass die sumerische Sprache in den Tempeln - wenn auch in
verwilderter Form - bis zum Ende der Keilschriftüberlieferung (d. h. um die
Zeitenwende) als Kultsprache gepflegt wurde. Das nordwestliche von
Babylonien am Tigris gelegene, sprachlich und kulturell mit Babylonien
verbundene Assyrien übernahm weitgehend die von der kultischen Tradition in
Babylonien geprägten Anschauungen.
Die religiöse Entwicklung innerhalb Babyloniens lässt sich in zwei
Abschnitte teilen:
Die altbabylonische Zeit vom Sturz der sumerischen 3. Dynastie von Ur bis
zum Ende der 1. Dynastie von Babylon, also ca. 2003-1594. Während des
grösseren Teiles dieses Zeitraumes, bis rund 1700, wurde das Sumerische als
Schriftsprache noch eifrig gepflegt und sind ältere literarische Texte
kopiert worden, unter denen sich sumerische Göttermythen befanden. In
altbabylonischer Zeit entstanden auch die ältesten uns bekannten Epen bzw.
Mythen in akkadischer Sprache, wie der altbabylonische Gilgames-Zyklus und
die altbabylonische Fassung des Atrambasis-Epos.
Die Zeit von der Eroberung Babylons durch den Hethiterkönig Mursili 1.
(1594) und der nicht lange danach erfolgten Installierung der
Kassitendynastie bis zur Einnahme der Stadt unter Kyrus (1539), die das Ende
der babylonischen Eigenstaatlichkeit bedeutete. Die erste Hälfte dieser
Epoche war zeitweilig literarisch recht fruchtbar, die zweite vorwiegend
reproduzierend und sammelnd. Diese 2. Epoche ist gegenüber der
altbabylonischen Zeit von grösserer religions-geschichtlicher Bedeutung und
liefert hinreichend Quellenliteratur. Ein während der kassitischen Periode
in Babylonien zu beobachtendes Phänomen ist eine auffallende Verstärkung des
persönlichen Sündenbewusstseins, d. h. des Wissens oder der Ahnung, sich
gegenüber Göttern oder Menschen in Schuld verstrickt zu haben. Dieses
Bewusstsein scheint den sumerischen religiösen Begriffen noch fremd gewesen
zu sein oder nicht in dem Masse entwickelt wie in der semitischen
Vorstellungswelt. Diese tritt uns bereits im altbabylonischen
Atramhasis-Epos in den Worten vor Augen, die der Gott Ea an den Gott Enlil,
den Hauptverantwortlichen der Sintflut, richtet: „Lege dem Sünder deine
Strafe auf und (dem) wer immer deine Befehle missachtet!" als Alternative zu
der Gute und Böse gleichermassen ausrottenden Sintflut. Gegenüber dem
verstärkten Sündenbewusstsein des Menschen stand auch eine höhere Auffassung
vom Wesen der Götter, die erhaben, gerecht und von jeder Verfehlung frei
ihren Aufgaben der Regierung des Universums nachgingen. Dieses neue
Gottesverständnis vertrug sich nicht mehr mit den sumerischen und gewissen
altbabylonischen Mythen, in denen die Götter in ihren Verhaltensweisen
zuweilen allzu menschlich geschildert waren. Die Folge war eine
Kanonisierung des überkommenen religiösen Überlieferungsguts, bei der alle
nicht mehr tragbaren Texte ausgeschieden wurden. Die Kanonisierung scheint
um das Jahr 1300 beendet gewesen zu sein.
Die neue Sicht des menschlichen Lebens brachte eine schwer lösbare
Problematik mit sich. Sünden oder kultische Übertretungen konnten auch
unbewusst begangen werden und man fragte sich grundsätzlich, was Sünde war
und wo sie begann. Der einzige bisher bekannt gewordene Text, welcher eine
grössere Zahl von Anweisungen im Hinblick auf diese Frage liefern konnte,
ist der Sündenkatalog in der 2. und 3. Tafel der Beschwörungsserie „Surpu"
(„Verbrennung"). Fest stand jedoch die Überzeugung, dass sich die Gottheit,
in erster Linie der sich für das Wohl des Menschen einsetzende persönliche
Schutzgott, im Falle einer Versündigung abwendete und der nun schutzlos
Gewordene sich den bösen Mächten, in erster Linie den durch Dämonen
personifizierten Krankheiten, ausgeliefert sah, m.a.W., dass Krankheit
Sündenschuld war. Der Zustand der Gottesferne konnte durch Anrufung der
Gottheit, Schuldbekenntnis und Bitten um Vergebung überwunden werden. War
diese erreicht, war auch der Weg zur Vertreibung der Krankheitsdämonen frei.
Nicht selten musste der Mensch des Zweistromlandes jedoch die Erfahrung
machen, dass er trotz eines in seiner Sicht sündenfreien Lebens von Unglück
oder Krankheit verfolgt war, während sich offensichtlich sündhafte
Mitmenschen eines glücklichen Daseins erfreuten. In dieser Lage konnten ihn
Zweifel an der Gerechtigkeit der Gottheit überkommen. Als Ergebnis
derartiger Überlegungen sind uns zwei babylonische Texte erhalten, von denen
der erste wahrscheinlich dem 12. Jh. entstammt und nach den Anfangsworten
„Ich will preisen den Herrn der Weisheit" benannt ist, der zweite von uns
den Namen „Babylonische Theodizee" erhielt und um 800 entstanden sein
dürfte. Im ersten Text beklagt ein Dulder sein ihm trotz eines
gottgefälligen Lebens unbegreifliches Schicksal, findet aber bei Marduk
wieder Gnade, nachdem er erkannt hat, dass die Pläne der Gottheit
Sterblichen verborgen sind. Das gleiche sucht im zweiten Werk, das die Form
eines Zwiegesprächs hat, der Freund eines Leidenden diesem verständlich zu
machen. Beide Dichtungen halten daran fest, dass der Mensch sich der
unergründbaren Weisheit der Götter zu unterwerfen habe.
Auf eine gänzlich andere Ebene führt ein wahrscheinlich an den Anfang des 1.
Jhrtausends zu setzenden Text, in dem ein Sklave seinen ständig
unschlüssigen Herrn bei den von diesem geplanten Handlungen zunächst im
positiven, danach im negativen Sinne bestärkt. Der Sklave gibt in letzterem
Sinne zu bedenken, dass durch ein Opfer der Gott nur angeleitet werde, wie
ein Hund hinter dem Menschen herzulaufen und alles mögliche zu verlangen und
macht seinem Herrn den Vorschlag, über die Trümmerhügel zerstörter Städte zu
wandern, an den Schädeln der Toten zu ergründen, wer ein guter und wer ein
schlechter Mensch gewesen sei, und gibt schliesslich den Rat, freiwillig aus
dem Leben zu scheiden. Der offenbar ziemlich häufig kopierte Text zeigt, was
zu seiner Zeit neben der offiziellen Religion an Freigeisterei möglich war.
|