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1. Armut findet sich in
allen Kulturen und Religionen als Schicksal, als Zustand (bedingt von Zeit
und Ort: Wüste, karge Landschaft) und als freiwillig übernommene
Lebensweise.
a) Armut als Unglück:
Meist wird Reichtum als Segen und Glück beurteilt, Armut hingegen negativ
als individuelle Bestimmung des Armen (Hesiod: selbstverschuldet) oder als
von Gott gewollt.
b) Sittliche Gefahren der Armut:
Für Aristoteles kommt aus der Armut alles Böse. „Armut erzeugt Aufruhr", sie
ist ein Unglück und gilt vor Gericht als „mildernder Umstand". Bei den
Griechen gibt es keine Klage über die Rechtlosigkeit der Armen; nicht der
Hilflose gilt als Armer, sondern wer von seiner Hände Arbeit lebt. Die Römer
sahen in der Armut die soziale Wurzel für Verbrechen (Plutarch).
c) Freiwillige Armut:
Anaxagoras, Demokrit und die Kyniker wählen bewusst die Armut (auch Platon
und Sokrates). Für Antisthenes sind Armut und Reichtum nicht „im Haus",
sondern „in den Seelen"; „Musse" (bisher Vorrecht der Reichen) zum Erreichen
der Rechtschaffenheit ist auch Besitzlosen möglich. Die Stoa rühmt die Armut
(Zeno); in der späteren Stoa rein theoretische Loblieder auf die Armut.
d) Die asketische Sicht der Armut findet sich vor allem in Mönchskreisen
oder aus Weltverachtung. "Buddha gibt all seinen Besitz auf, um sich der
Askese zu widmen; der frühere Buddhismus sucht durch völlige Besitzlosigkeit
die Überwindung des Leidens.
e) Eine religiöse Sicht der Armut findet sich im Ideal der Besitzlosigkeit
beim Neupythagoreismus und Neuplatonismus, bei Apollonius von Tyana und in
den „negativen Konfessionen" des ägyptischen Totenbuches. Gottes Eigenschaft
ist es, Notleidenden zu helfen. Die Mystik des Islam lobt die von Muhammad
in mekkanischer Zeit gepriesene Armut (faqr); wer den Armen hilft, ahmt Gott
nach.
2.
a) Im Alten Testament gilt Reichtum als Segen Gottes, Armut hingegen
(sozial) als selbstverschuldetes Übel und (religiös) als Gottes Prüfung oder
Läuterung; beides steht nebeneinander, weil im Alten Testament keine
endgültige Antwort gegeben wird auf das Problem des Bösen und des Leidens.
Armut ist wie Reichtum Gottes Fügung, zur Strafe oder Bewährung; freiwillige
Armut kennt das Alten Testament nicht.
b) Im Neuen Testament wird von Jesus aus Solidarität (nicht aus
Weltverachtung) Reichtum insofern abgelehnt, als er zum Herrn („Mammon") des
Menschen und Hindernis für das Reich Gottes und die Nachfolge wird; es gibt
keine Glorifizierung der Armut.
c) Die frühe Kirche verzichtet freiwillig auf Güter (Brüderlichkeit) und
gibt sich selbst den Ehrentitel „die Armen". Entscheidend bei der Frage nach
Reichtum und Armut wird die innere Haltung: weder schliesst Reichtum an sich
vom Himmelreich aus, noch wird es durch die Armut garantiert (Klemens v.
Alexandrien).
d) In der Mönchsbewegung zeigt sich freiwillige Armut aus Sorge um das
eigene Heil und zur Busse; bei Benedikt führt das zum Verzicht auf den
Privatbesitz. Im Verlauf der Kirchengeschichte gab es verschiedene
Erneuerungen des Armuts-Ideals (Cluny, Bettelorden, II. Vatikanum), z.T.
ausserhalb der Kirche (z. B. Waldenser, Joachim v. Fiore, Katharer). Die
Reformatoren lehnen das Armuts-Ideal ab. In der katholischen Kirche gehört
die freiwillige Armut zu den evangelischen Räten; in den evangelischen
Bruderschaften wird sie heute als Verzicht auf Besitz gelebt. Die „Theologie
der Befreiung" betont eine „vorrangige Option für die Armen".
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