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Apokalyptik

Bezeichnet ein Phänomen frühjüdischen Denkens, das unter dem Einfluss der geschichtlichen Ereignisse nach dem Exil und in Auseinandersetzung mit dem Hellenismus entstanden ist. Grundwissen der Apokalyptik ist die wesentliche Beziehungslosigkeit von fortlaufender Geschichte und Erlösung, die nicht in Kontinuität zur Geschichte möglich ist, sondern nur nach einem vollständigen Bruch, so dass die innergeschichtliche Wirklichkeit keine Heilsrelevanz mehr besitzt. Im ursprünglichen Sinne bezeichnet das Wort apokalypsis die Enthüllung zukünftiger Ereignisse nach dem Ende der Geschichte, die Offenbarung göttlicher Geheimnisse. Charakteristisches und wesentliches Merkmal der Apokalyptik ist bei aller Verschiedenartigkeit von Herkunft und Wurzeln somit die Sicht von Weltgeschichte, die universales Heil ausschliesslich in einem von Gott heraufgerufenen neuen Äon erwartet.
Das nachexilische Israel steht unter dem Einfluss fremder Herrscher; die anfängliche Toleranz der Perser dem jüdischen Glauben gegenüber weicht unter der Herrschaft der Ptolemäer und Seleukiden vom 3. Jh. v. Chr. an einer zunehmenden Hellenisierungspolitik, die unter Antiochus IV. Epiphanes ihren Höhepunkt erreicht. Der jüdische Glaube nimmt vielfach synkretistische Züge an, was den Widerstand orthodoxer Kreise hervorruft.
Die nachexilische Prophetie ist eine der Wurzeln für die Apokalyptik; allerdings sind auch deutliche Unterschiede zu sehen, insofern die Apokalyptik die Vorstellungen über die Endzeit zuspitzt auf das Heilshandeln Gottes in einem von ihm selbst heraufgeführten neuen Zeitalter, das jenseits der derzeitigen Geschichte liegt.
Eine weitere Wurzel der Apokalyptik liegt in der Weisheitstradition, die im Diasporajudentum des 3. Jh. den hellenistischen Weisheitsbegriff aufnimmt und ihm göttliche Züge zumisst. Sie beeinflusst die Apokalyptik dahingehend, dass es allein Gottes Weisheit ist, die in der Trostlosigkeit der Gegenwart Neues schaffen kann.
Apokalyptisches Denken ist indessen kein ausschliesslich jüdisches Phänomen, viel mehr ist es u. a. auch im ägyptischen und iranischen Umfeld zu finden. Trägerkreis der jüdischen Apokalyptik ist die sog. „Synagoge der Asidäer", die Versammlung der Chas(s)i (Chas(s)idismus), der Frommen, Sammelbecken religiös motivierter Menschen, deren gemeinsames Interesse Erhaltung der Tora, des reinen Glaubens ist. Die Literatur-Gattung, in der apokalyptisches Denken überliefert wird, heisst Apokalypse; sie ist in vielfältigen Formen vorzufinden. Ihr Charakteristikum sind die vaticinia ex eventu, die Vergangenes und Gegenwärtiges als Prophezeiung beschreiben mit dem Ziel, die eigenen neuen Voraussagen der Endzeit zu legitimieren. Zu nennen ist hier das äthiopische Henochbuch, besonders die Tiervision 85-90, die Geschichte Israels in Bildern darbietet, in denen Schafe (= Israel) durch Adler (= Griechen) und Geier (= Ägypter) gefährdet und bedroht werden. Es wirdd ein doppeltes Gericht über irdische und himmlische Abtrünnige geschildert. Deutlich tritt der apokalyptische Glaube an die Auferstehung der Toten hervor. Des weiteren ist die Zehnwochenapokalypse im äthiopischen Henoch 93 zu erwähnen, die die Geschichte Israels als zunehmende Katastrophe sieht, deren Ende das Exil ist. So bleibt nur die Hoffnung auf ein erneuertes Erwählungshandeln Gottes.
Ferner ist das Buch Daniel zu nennen; hier besonders die Visionen in Dan 2 und die im äthiopischen Henoch 85-90 ähnliche Tier- und Menschensohnvision in Dan 7. Weitere Zeugnisse sind Assumptio Mosis, 4 und die syrische Baruch-Apokalypse. Einfluss der Apokalypse auf das Christentum ist nicht zu leugnen; ob man sie allerdings (mit E. Käsemann) als Mutterboden der christlichen Theologie bezeichnen kann, ist nicht entschieden.
In der heutigen Diskussion bleibt die Apokalyptik umstritten. Besonderer Streitpunkt ist die Methodenfrage in bezug auf das Geschichtsverständnis der Apokalyptik.
 


 

 

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