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Antijudaismus/Antisemitismus

1. Antijudaismus ist eine generelle, wenn auch facettenreiche Bezeichnung für die Feindschaft gegen Juden als Juden. Der Begriff „Antisemitismus," 1879 im völkisch rassistischen Klima um F. W. A. Marr in Berlin geprägt, akzentuiert diese Gegnerschaft als Rassedenken. Da Juden jedoch keine Rasse sind, ist „Antijudaismus" die adäquate Bezeichnung. Dies bestätigt sich auch von den unterschiedlichen Formen des Antijudaismus her. So zielt der kulturelle Antijudaismus gegen einen angeblich negativen Einfluss der Juden auf die (christliche) Kultur. Der politische Antijudaismus will eine „jüdische Weltverschwörung" verhindern. Der wirtschaftliche Antijudaismus bekämpft die Juden als „Ausbeuter" und „Wucherer". Im religiösen Antijudaismus werden die Juden als „Christus- und Gottesmörder" verdammt; sie sind „das verworfene Volk", das nur noch als Negativfolie für das Christentum ein Lebensrecht hat. Die Ideologie des rassischen Antijudaismus bekämpft die Juden als eine im Vergleich mit den „Ariern" minderwertige „Rasse" (so u. a. die Nationalsozialisten). Eine neuere Variante artikuliert sich heute als „Antizionismus"; die scheinbar objektive Kritik an einem nicht näher definierten „Zionismus" und am Staat Israel fungiert als Mimikry für Antijudaismus

2. Der soziologische Befund zeigt, dass es sich beim Antijudaismus um Vorurteile handelt, die durch stereotypes Denken überliefert werden. Gegenüber den aus der Gegenwart angeeigneten erweisen sich die überlieferten Vorurteile als wesentlich stärker (noch heute zeigen sich z.B. in der Bundesrepublik Deutschland bei 20% der Bewohner ausgeprägte und bei weiteren ca. 30% latente „antisemitische" Vorurteile). Ein Abbau des Antijudaismus hat bei diesen Strukturen anzusetzen.

3. Antijudaismus kommt in der vorchristlichen Antike nur sporadisch vor und unterscheidet sich in der zumeist religiös-kulturellen Begründung nicht von der Negativeinstellung gegen andere Minderheiten. Eine qualitativ andere Art des Antijudaismus entsteht bei den Christen. Ihre Schriften des Neuen Testaments dokumentieren den Glauben an den Messias Jesus, der als Jude in Israel gelebt und gelehrt hatte. Die Briefe des Paulus zeigen noch deutlich das Ringen um sein Volk Israel wie auch, dass er die aufkommende Verachtung der Juden durch Heidenchristen entschieden zurückweist. Alle Evangelien (nach 70 geschrieben) enthalten jedoch schon zahlreiche Antijudaismen, welche eine rasch fortschreitende Abtrennung der Christusgläubigen von Israel belegen. Für heutiges Verstehen dieser antijüdischen Sätze der neutestamentlichen Schriften ist daher eine hermeneutische Zeitgenossenschaft mit ihrem damaligen kontroversen „Sitz im Leben" unerlässlich. Dem entspricht auch die Tatsache, dass die Christen erst ab dem Bar Kochba-Aufstand, und zwar aus politisch-sozialen Gründen, einen derart massiven Antijudaismus vertreten, dass sie nun eine radikale Trennung von Israel vollziehen. Diese Zäsur dokumentiert sich im Substitutionsmodell (d. h.: die Kirche ersetzt Israel), welches z. B. im Bamabasbrief und von den Apologeten verwendet wird. Bei Melito von Sardes (gest. um 180) wird erstmals der folgenschwere Vorwurf des „Gottesmordes" erhoben. Seit der sog. Konstantinischen Wende (ab 313) bekämpft die Kirche die Juden mit Hilfe des Staates. Der theologische Antijudaismus der Kirchenväter setzt sich im christlichen Mittelalter (seit Ende des 10. Jh.) verstärkt fort: Kleiderordnungen, Massaker der Kreuzzüge, Talmudverbrennungen, Pogrome wegen Hostienfrevel, Ritualmord und Brunnenvergiftung, wirtschaftliche Ausplünderung, Gettoisierung, Passionsspiele, Zwangsdisputationen, Inquisition und wiederholte Vertreibungen sind die Indizien dafür. Solcherart in völliger Abhängigkeit gehalten, kann die jüdische Minderheit wirtschaftlich optimal ausgenutzt werden. Der Reformator M. Luther fordert mit „scharfer Barmherzigkeit" die Ausschaltung der Juden. Ohne die nahezu 2000 Jahre christlicher Judenfeindschaft ist Auschwitz nicht möglich gewesen. Ein grundlegendes Umdenken der christlichen Kirchen in bezug auf den Antijudaismus wurde erst durch die Shoah in Gang gebracht. Der Antijudaismus der Christen hat jedoch an Person und Botschaft des Juden Jesus keinerlei Anhalt und entlarvt sich in jeder Form als Ideologie. Eine der wichtigsten kirchlich-theologischen Aufgaben besteht daher heute in einer positiven, vorurteilsfreien Neubestimmung des Verhältnisses zwischen Christen und Juden, so dass Israel Subjekt seiner Geschichte bleibt.
 


 

 

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