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Animismus

Das Wort Animismus hatte der britische Gelehrte E. B. Tylor (1832-1917) in dem 1737 in Halle erschienenen Buch „Theoria Medica Vera" des preussischen Hofmedicus G. E. Stahl gefunden. Tylor nutzte es, um seine Theorie vom Ursprung der Religion zu benennen. Sie basiert auf zwei Voraussetzungen. Die erste war der Glaube, die menschliche Kultur hätte sich von der Steinzeit bis zur Moderne geradlinig fortentwickelt, freilich unterschiedlich schnell bei unterschiedlichen Rassen. Die zweite war die Vermutung, steinzeitliche Verhältnisse liessen sich noch immer vorfinden bei solchen Stämmen, die bis heute „ganz unten auf der Treppe der Menschheit" stünden. Deren „steinzeitliche" Religion nannte Tylor „Animismus". Zugleich meinte er, mit dem Animismus eine allgemeine Minimaldefinition von Religion entdeckt zu haben. Es ist der Glaube an Geistwesen (spiritual beings), der sich von Seelen Verstorbener über andere Geister zum Polytheismus und endlich zum Monotheismus hin entwickelt haben soll. Die Entstehung des Animismus erklärte Tylor mit der Erfahrung von Schlafenden, die sich im Traum an fernen Orten wähnen. Daraus hätten Primitive die Idee einer vom Körper abgelösten Seele (lat. anima) gewonnen. Mit Hilfe dieser Idee hätten sie sich ihre Umgebung erklärt. Sie hätten Berge, Flüsse, Pflanzen, Tiere, Gegenstände „beseelt", d. h. jeder Erscheinung ein Seelenwesen als persönlichen Verursacher zugeordnet. Tylor hatte seine Theorie, belegt mit Hunderten von Zitaten, 1871 in dem zweibändigen Werk "Primitive Culture" der Öffentlichkeit bekannt gemacht. Seine Kritiker lehrten den „Prä-Animismus", eine Religionsstufe noch näher am Ursprung als der Animismus. Die einen erklärten, es sei der „Dynamismus", Mana, unpersönliche Mächte, deren Urzeitform auch „Animatismus" genannt wurde. Andere entwickelten die Theorie vom ‚„Ur-Monotheismus", die auf dem Gegenteil von Evolution basiert und den Abstieg von ursprünglichem Monotheismus zu Polytheismus und Geisterglauben beschreibt. In der Religionsforschung haben längst andere Probleme die Frage nach der Urreligion abgelöst. Nicht zuletzt auch deshalb, weil alle möglichen Antworten denkbar sein, aber nicht bewiesen werden können. Inzwischen hat man nämlich erkannt, dass selbst jene Stämme, die in offenkundig „steinzeitlichen" Umständen leben (manche müssen Steinwerkzeuge nutzen, weil in ihrem Land kein Metall zu finden ist), eine Entwicklung durchgemacht haben. Im Urzustand der Menschheit lebt niemand mehr. Als irrig erwies sich auch die Analogie zwischen Europäerkindern und „Eingeborenen". Wenn unsere Kleinen sich Puppen und andere Sachen als „beseelt" vorstellen, spiegeln sie nicht den Geisteszustand von „Primitiven" wider, sondern von erwachsenen Menschen mit erwachsenem Innenleben. Mithin lernen wir am Animismus (wie an manch anderen -ismen auch) einiges über europäische Selbsteinschätzung, aber nichts (oder nichts Richtiges) über fremde Religiosität. Dennoch lebt das Wort weiter. Es gibt Statistiken, in denen neben Katholiken, Muslimen u.a. auch „Animisten" gezählt werden. Hier ersetzt „Animismus" abwertende Namen wie „Heidentum" o. ä. Doch selbst wenn das Wort einem barmherzigen Zweck dient, es ist an der Zeit, ein passenderes zu finden. In Afrika hat man sich auf „traditionelle Religion" geeinigt. Damit sind auch nichtchristliche und nichtmuslimische Afrikaner einverstanden. Deren Religion ist indessen nur im Vorurteil kindlich und primitiv. In Wirklichkeit zeigt sie sich als ausgereiftes und ausgewogenes Glaubenssystem, das den Respekt aller verdient.
 


 

 

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