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Der Ahnenkult ist dort,
wo er auftritt, von unmittelbarer theologischer Relevanz für das
Christentum. Die Missionswissenschaft hält die Christianisierung (Kontextualisierung)
des Ahnenkults für lebensnotwendig. Hierfür gibt es seitens der Kirchen aber
noch keine befriedigende und umfassende Bearbeitung oder Lösung. Die
Betroffenen wenden sich jedoch mit Nachdruck dagegen, dass man von
Ahnen-„Kult" spricht; man ist der Auffassung, dass der Begriff
der „lebensnotwendigen Partizipation" besser wäre.
Im Alten Testament war der Ahnenkult mit dem Glauben an Jahwe unvereinbar
und streng verboten. In dieser Tradition lehnten die Missionare den
Ahnenkult ab und griffen ihn als Magie, Idolatrie oder Polytheismus an (mit
wenigen Ausnahmen, z. B. der Jesuitenmission in China, was aber zum sog.
Ritenstreit führte). Man verwechselte Ahnen- und Geisterglauben. Der
Ahnenkult wurde von den katholischen Missionaren dogmatisch im Lichte des 1.
Gebotes (Du sollst keine anderen Götter neben mir haben!) beurteilt,
moralisch aber dem 4. Gebot (Du sollst Vater und Mutter ehren!)
gegenübergestellt und galt als Hindernis bei einer Bekehrung. Alle bisherige
Ablehnung des Ahnenkults und auch die zunehmende Urbanisierung vermochten
ihn jedoch nicht zu erschüttern und werden es kaum vermögen, denn der
Ahnenkult ist der wichtigste Exponent der Tradition. Die offizielle Haltung
der katholischen Kirche zum Ahnenkult ist in den römischen Entscheidungen
über die chin., jap. und malabar. Riten sowie die Ehre, die dem Konfuzius
erwiesen wird, dargestellt. Der chinesische Ritenstreit ist bezüglich des
Ahnenkults zum Paradigma geworden. Clemens XI. („Ex illa die" 1715) und
Benedikt XIV. („Ex quo singu lari", 1742) verboten die chinesischen Riten.
Die Kongregation für die Evangelisation der Völker, vormals „Propaganda
Fide", erlaubte erst 1935/36, die Ahnentafeln aufzustellen und unter
bestimmten Bedingungen auch Verneigungen vor ihnen. Heute werden z. B. am
chinesischen Neujahr eigene kirchliche Zeremonien zur Verehrung des Himmels
und der Ahnen vorgenommen und gefördert. In Afrika und Ozeanien werden die
Ahnen bei wichtigen Festen in Gedenken und Gebet einbezogen (Begräbnis,
Allerseelen). Die Kontroversen um die Riten ermöglichten es, in der
katholischen Kirche Prinzipien und Handlungsnormen zu entfalten, auf die
sich jedoch das afrikanische Schrifttum zu diesem Thema kaum bezieht. Die
röm.-kath. Kirche unterscheidet zwischen Akten, deren Ziel es ist, einen
religiösen Kult auszuüben, und der Ehrerbietung, die man berühmten
Persönlichkeiten (Ahnen) schuldet und die als bürgerlicher Akt eingeschätzt
wird. Hier zeigt sich aber die Kluft zwischen einer ethnologischen bzw.
religions-wissenschaftlichen und einer theologischen Interpretation des
Ahnenkults. Die Grenzen zwischen Kult und Verehrung sind schwer zu ziehen,
und die Tendenz zum Synkretismus ist stark. Die Kirche muss berücksichtigen,
wie die mit dem Ahnenkult verbundenen Handlungen im jeweiligen Kontext
verstanden werden. Wenn Verbindung mit den Ahnen darin besteht, dass die
Gemeinschaft zwischen den Gliedern einer Familie durch den Tod nicht
zerstört wird, sondern über ihn hinaus fortbesteht, dann widerspricht hierin
nichts dem christlichen Glauben. Im allgemeinen gilt hier die Haltung der
katholischen Kirche zu den nichtchristlichen Religionen nach dem II.
Vatikanum (Nostra aetate, Ad gen Evangelii nuntiandi, Africae terrarum). Der
Ahnenkult nimmt jedoch jeweils komplexe Formen an und beinhaltet auch mit
dem Christentum unvereinbare Elemente. Theologie und Liturgie bemühen sich
im Geiste des Dialogs, den Ahnenkult mit dem christlichen Glauben zu
versöhnen (dabei ist die theologische Reflexion über den Ahnenkult besonders
in Afrika lebendig).
Grundsätzlich lassen sich in der Frage des Ahnenkults folgende theol.
Richtungen feststellen:
Eine umstrittene ekklesiologische Antwort gründet auf dem Begriff der
„lebensnotwendigen Partizipation". Der Ahnenkult wurzelt in dem Verhältnis
zwischen Lebenden und Toten; auch die Kirche ist eine Gemeinschaft der
Lebenden und Toten, was vor allem in der Heiligenverehrung zum Ausdruck
kommt. So lässt sich der Ahnenkult mit der katholischen Lehre über die
Gemeinschaft der Heiligen vereinbaren. Die Lebenden und Toten bilden eine
enge Gemeinschaft (communio), und die Gemeinschaft der Heiligen schliesst
die Gemeinschaft mit den Ahnen ein. Christologisch hat man versucht, den
Ahnenkult im Umfeld einer Versöhnungslehre zu behandeln. Der Ahnenkult kann
eine „memorativ-narrative Soteriologie" darstellen, denn Jesus hat sich mit
den Ahnen guten Willens solidarisiert (descensus ad inferos), so dass sie
ihren Lebensgrund und ihre Vitalität nur in ihm finden. D. h., obwohl sie
nie von ihm gehört haben, sind sie in Christus entschlafen und haben
Gemeinschaft mit ihm. Alle rechtschaffenen Ahnen sind in Christus geborgen
und haben nur von ihm ihre Kraft für die Nachkommen. Der Ahnenverehrer kann
demnach nur über Christus zu seinen Vorfahren beten und sie als Fürbitter
anflehen. Der Ahnenkult ist somit ein Ausdruck der Solidarität im Corpus
Mysticum jenes Christus, der allein die Zukunft ausmacht. Ein weiterer
christologischer Versuch beruht auf dem Grundsatz, dass Christus durch
Inkarnation und Erlösungstat der einzige Bruder und Ahn ist. Hierbei wird
die Gemeinschaft der Heiligen, die, pneumatologisch gesehen, auch Ahnen
sind, und die Bruderschaft der Menschen mit dem Erlöser als Grundlage des
christlichen Ahnenkults betrachtet. Die heilige Messe wird als „Ahnenritual"
gefeiert. Die Möglichkeiten, die den jungen Kirchen im Bereich des
Pluralismus von Theologie und Liturgie heute geboten werden, ermöglichen
Versuche im Bereich der Kontextualisierung des Ahnenkults. Jede Absicht
aber, den Ahnenkult zu christianisieren, soll immer die kontextbedingten
Gegebenheiten berücksichtigen. Das Problem des Ahnenkults scheint heutzutage
mehr ein praktisches und persönliches Problem zu sein. Die Grenzen zwischen
Kult und Verehrung sind immer noch schwer zu ziehen. Die Aufgabe der
Ethnologen, Religionswissenschaftler, Missiologen und Missionare wäre es,
das ganze Spektrum der Perspektiven auszuloten, das der Kontext des
Ahnenkults eröffnet.
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