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Der Ahnenkult ist ein
vielschichtiges Phänomen, das bei vielen Ethnien in Ostasien (China, Japan,
Korea) sehr verbreitet ist und das ganze religiös-gesellschaftliche und
private Leben bestimmt. Der Ahnenkult ist eine der Konstanten der
ostasiatischen Religionsgeschichte; er ist die Grundlage der Weltanschauung
und setzt den Glauben an ein - mindestens partielles - Weiterleben nach dem
Tod und eine Wechselwirkung zwischen den Lebenden und den Toten voraus. Die
Grundüberzeugung ist, dass menschliche Beziehungen nicht durch den Tod
abgeschnitten sind, sondern im Geiste der Pietät erhalten werden müssen. Der
Ahnenkult nimmt in Ostasien, wo er grössere Bedeutung als in anderen Ländern
hat, ziemlich ähnliche Formen an. Dies hängt mit dem tiefen Sinn für die
zwischenmenschlichen Beziehungen in Ostasien zusammen.
Der Ahnenkult ist seit den Anfängen der chinesischen Kultur bezeugt und wird
dort bis in die Gegenwart ausgeübt. Er besteht darin, dass die Lebenden
ihren (in der Regel) leiblichen Vorfahren Opfer darbringen. Sinn des
Ahnenkults ist es, das Wesen des Verstorbenen, seinen shen (Geist, Kraft) in
der Gegenwart fortwirken zu lassen. So heisst es im Li-chi 11: „Alle Dinge
haben ihren Ursprung in den Ahnen. Der Ahnenkult soll die Dankbarkeit den
Vorfahren gegenüber ausdrücken und die Erinnerung an unseren Ursprung
wecken." Der Geist (shen) des Ahns ist in einer rechteckigen,
aufrechtstehenden Ahnentafel (shen-chu; ein Holzbrett mit dem Namen des
Verstorbenen, „Wohnstätte des Ahns") anwesend. Ihm wird ein Opfer (Blumen,
Kerzen Weihrauch, Speisen u. ä.) dargebracht. Eine besondere Form der
Ahnenverehrung stellt das Fest des „Hellen Lichtes" (ch'ing-ming) - d. i. „Totenfest"
- am 4. oder 5. April dar.
Nach chinesischer Auffassung trennt sich die Seele nach dem Tod zwar vom
Körper, aber sie bleibt mit ihm im Grab und verlässt es nur beim Opfer. Der
Mensch hat nämlich zwei Seelen, eine „animalische" p'o-Seele und „geistige"
hun-Seele. Die p'o-Seele begleitet den Körper ins Grab - wo sie allmählich
vergeht -, die hun-Seele lebt dagegen weiter. Der chinesische Ahnenkult soll
die Aussöhnung von Vergangenem und Werdendem bewirken. Der Tod war nach
chinesischer Vorstellung analog dem Schlaf. In China entwickelte sich im
Zusammenhang mit dem Ahnenkult keine Eschatologie. Er hatte immer einen
utilitaristischen Charakter. Später hat sich der Ahnenkult mit taoistischen
und buddhistischen Ritualen vermischt und gehörte auch zu den wichtigsten
Zeremonien im Staatskultwesen.
In Japan (Shinto), wo der Ahnenkult zu den frühesten Elementen der
Glaubenswelt gehört, versteht man unter Ahnenkult die Verehrung der Toten
und Ahnenseelen im Haushalt. Die Toten, in denen man einen Geist vermutete,
wurden zu Ahnen, deren Schutzes man bedurfte. Wie in China hat man dort
einen Ahnenaltar und eine Totentafel (auch mit buddhistischen Elementen
vermischt; kamidana bzw. butsudan), die zum wichtigsten Besitz der Familie
gehören. Man opfert Tee, Speisen u. ä. Der Ahnenkult wurde zum
entscheidenden Teil der sozialen Tradition in Japan.
Auch in Korea war der Ahnenkult einer der wichtigsten Bestandteile der
ältesten Religion und prägt bis heute das Leben der Menschen. Die Ahnen
waren fast immer mit Naturgottheiten identifiziert. Der Ahnenschrein
(sadang) beinhaltet die Totentafeln (wip'ae; Holzplatten mit Namen und
Angaben über die Toten). Bei Begräbnisriten und Ahnenkult folgt man in Korea
den Grundlinien des chinesischen Rituals.
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