|
1. Ästhetik ist in ihrer
Entwicklung von der reinen Wahrnehmungslehre (Baumgarten: sinnliche
Erkenntnis; Kant: Anschauungslehre in Raum und Zeit) mehr und mehr zu einer
philosophischen Reflexion des menschlichen Kunstschaffens und der Kunst
überhaupt geworden. Seit G. W. F. Hegels grossangelegter Ästhetik hat sich
eine geschichtliche Betrachtungsweise der Kunst angebahnt, die schon bei
Hegel auch Kunst und Religion in Beziehung zueinander setzt. Dabei zeigt
sich, dass bei Hegel Kunst und (christliche) Religion einen vorläufigen
Charakter haben, die sich im absoluten Wissen (des Geistes) aufheben. Hegels
Rede vom Vergangenheitscharakter der Kunst hat insofern auch eine
ikonoklastische Tendenz: Gegen die klassische Kunst Griechenlands muss der
Zweifel angemeldet werden, ob sich das Göttliche überhaupt in die materielle
Gestalt einbinden lasse; die (von Hegel so bezeichnete) romantische Kunst im
Raum des Christentums als Ausdrucksgestalt geistiger Innerlichkeit muss
durch das absolute Wissen (des Geistes) abgelöst werden.
2. Bei der Umschreibung genuin religiöser Ästhetik wäre von Phänomenen des
Künstlerischen auszugehen, die im Bereich der Religionen ihren Ursprung oder
ihr Heimatrecht haben. Somit wäre zunächst von einer Phänomenologie des
Ästhetischen in den Religionen zu sprechen. Sie reicht von der Ästhetik der
Bewegung und des gestischen Ausdrucks über das religiöse oder kultische
Spiel, das poetische Wort und dessen literarische Formen bis hin zu den
bildenden Künsten, zur architektonischen Gestaltung des heiligen. Raumes und
zur sakralen Musik, die in den verschiedenen Riten oder Liturgien der
Religionen ihren Kristallisationspunkt erhalten haben. Es gibt dabei
offensichtlich das Phänomen, dass ursprünglich religiöse kultisch
qualifizierte künstlerische Ausdrucksformen aus der Religion in einen
autonomen Bereich der Kunst abwandern, dass aber auch autonom gewordene
Ausdrucksformen der Kunst wieder in den Raum des Sakralen integriert werden
können. Dies zeigt, dass sich Kunst und Religion (bis heute) in einem freien
Wechselspiel gegenseitig anziehen oder sogar bedingen. Dabei gibt es in den
Religionen selbst einen nicht unbeträchtlichen Meinungsstreit darüber, ob
und inwieweit ein künstlerischer Ausdruck zur Gestalt des nicht verfügbaren
Heiligen werden kann. So hat etwa schon das frühe Judentum ein Bilderverbot
formuliert, das sich skeptisch gegen eine Bilderpraxis absetzt, in der eine
Verwechslung zwischen dem bloss Gemachten und der Macht des Dargestellten
geschehen könnte. Bis heute ist das handwerkliche Gemachtsein ein Indiz
dafür, dass Kunst wohl Offenbarungscharakter hat, jedoch nicht zur
Identifikation mit dem Dargestellten und somit zum Idol entarten darf. Das
Bilderverbot ist auch im Islam von grosser Bedeutung geworden, und auch in
der Geschichte des Christentums mussten die Grenzen und Möglichkeiten der
bildenden Kunst wiederholt bestimmt werden. Der Skepsis gegenüber der
Darstellbarkeit des Heiligen im Bild kontrastiert in den grossen
Buchreligionen die ausgesprochene Vorliebe für die Kunst des gesprochenen
oder geschriebenen (poetischen) Wortes.
3. Der religiös-kritische Verdacht gegen alles Ästhetische im Raum der
Religion wirft nicht zuletzt die Wahrheitsfrage auf, die eigenartigerweise
auch in der neueren philosophischen Ästhetik wichtiger als die Frage nach
der Schönheit ist. Verschleiert der künstlerische Gestus im Raum der
Religion ihr Wesen? Oder tragen die ästhetischen Ausdrucksformen in der
Religion gerade dazu bei, den Blick für die Transzendenz zu öffnen, da in
ihnen sich zuvor deren Transparenz schon ereignete? Geht es auch im Raum der
Religion um die „Rettung des Scheins" (Adorno) wie in der Kunst? Diese Frage
verbindet heute in eigenartiger Weise die Frage nach der Wahrheit der Kunst
mit der Frage nach der Wahrheit der Religion(en), insofern Religion ein Ort
ist, an dem das Heilige mit den Ausdrucksformen der Kunst ihre jeweilige
ästhetische Gestalt in der Geschichte erhält. Auf dem Hintergrund von M.
Heideggers Philosophie der Kunst und Adornos ästhetischer Theorie (Kunst als
Schein, dass Wahrheit - gesellschaftlich -nicht ist) bahnt sich derzeit ein
gewisser philosophischer Konsens dahingehend an, dass die Kunst einen
„Blick" auf die Wirklichkeit eröffnet, den nur sie eröffnen kann, und dass
sie zugleich die Eigenart besitzt, in ihren genuinen Werken die Wahrheit in
der Schwebe zu halten (Schulz, Piepmeier, Wellmer u. a.) und somit die
menschliche Vernunft selbst vor der Gefahr instrumenteller
Selbstverschliessung zu bewahren. Kunst hält in ihren paradigmatischen
Durchbrüchen den Wahrheitsdiskurs in Gang und ist zugleich eine ganz eigene
Fähigkeit des Menschen, die Wirklichkeit so wahrzunehmen, dass diese sich
als „Poesie der Nähe" (E. Levinas) dem nicht-intentionalen Bewusstsein
erschliesst und gerade so andere Weisen der Wirklichkeitserkenntnis der
Kritik unterzieht. Wenn Kunst somit nicht nur etwas darstellt, sondern die
menschlichen Sinne erst zur Wahrnehmung öffnet, dann wird Kunst im Bereich
der Religion die menschlichen Sinne für die Wahrnehmung des Heiligen öffnen,
sofern das Heilige nur so seine Gegenwart anzeigen kann. Erscheinung
(Schein) und Wirklichkeit werden dabei immer noch zu unterscheiden, wenn
auch nicht zu trennen sein. Die Religionen bedienen sich jedoch nicht nur
der Kunst, die unabhängig von ihnen immer schon da wären - sondern stellen
selbst einen Ort der Transzendenzerfahrung dar, die mit ästhetischen
Kategorien umschrieben werde kann.
4. Über die mehr phänomenologische Betrachtungsweise hinaus wäre Ästhetik im
Raum des Christentums als theologische Ästhetik zu bestimmen, die eng mit
der Theologie der Offenbarung verknüpft ist. Nach H. U. v. Balthasar ist
theologische Ästhetik zu fassen als „Erblickungs- und Entrückungslehre",
wobei das „Schwergewicht" des Heiligen - alttestamentlich die göttliche
„kabod" oder die erhabene Faszinationskraft - vorgegeben ist und freie
Anerkennung von seiten des Menschen verlangt. Wie die künstlerische Idee den
Menschen gleichsam anfällt, so bedrängt das Heilige den Menschen, so dass er
lernt, etwas ihm sonst Verborgenes zu sehen, zu hören oder zu ertasten,
indem ihm die Sinne dafür geöffnet werden. Wo im Offenbarungsgeschehen die
ästhetische Dimension sowohl von seiten des wahrnehmenden Subjekts als auch
von seiten des sich offenbarenden Heiligen ernst genommen wird, stellt das
sinnlich Wahrnehmbare keine Vorstufe des Erkennens dar, durch das Erkennen
überholt, d. h. ausser Kraft gesetzt wird, sondern die ästhetische Wahrheit
bleibt letztlich in Ganzheit leibhaftiger Gottbegegnung einbezogen, auch
wenn bezüglich der Intensität der Einbeziehung des Sinnlich-Materiellen
(ohne das es übrigens auch keine Kunst gäbe) die Positionen in religiösen
Traditionen der Menschheit auseinandergehen. Im Rahmen der theologischen
Ästhetik des Christentums ist jedenfalls daran festzuhalten, dass alle
Poesie des Wortes und sonstige ästhetische Ausdrucksformen auf einer
„Fleischgestalt" gründen, in der „Poesie der Nähe" zum unverwechselbaren
Prosopon (Gesicht) wird, das die absolute Transzendenz in die Züge eines
menschlichen Antlitzes einschreibt. Trotz des inkarnatorischen Aspektes (und
mit ihr in gewisser Weise des Vergangenheitscharakters dieses Gesichtes)
erschöpft sich christliche Ästhetik nicht in einer realpräsentischen
Offenbarungstheorie.
Sie kennt die ästhetischen Figuren der Verweisung und Verheissung, weil in
der einmaligen Geschichte Jesu von Nazaret eine antizipatorische Gestalt des
Eschatologischen vorgegeben ist. Der Erweis der Wahrheit steht aus bis zur
endgültigen Offenbarung.
Schliesslich stellt sich die Frage nach der religiösen Qualität der Kunst
unabhängig von Religion und Philosophie. Seit sich im Westen mit dem
Durchbruch zur Moderne in den verschiedenen Zweigen der Kunst auch eine
Emanzipation der Kunst von der Religion ohne Beispiel vollzog, scheint das
Beziehungsverhältnis von Religion und Kunst ein für allemal negativ bestimmt
zu sein. Beide Phänomene beanspruchen ihre je eigene Autonomie. Nicht selten
versteht sich Kunst gar als „Kunstreligion", d. h. als postreligiöse
Offenbarungsinstanz, die als vorzügliche oder gar einzige Instanz noch in
der Lage ist, die menschliche Vernunft vor ihrer instrumentell-systemischen
Selbstverschliessung zu bewahren. Der moderne Kunst- und Museumsbetrieb
scheint daraus die Konsequenz gezogen zu haben: Solange ein Werk in
religiösen Kontexten steht, darf es nicht als Kunst angesprochen werden;
sobald es daraus gelöst und ins Museum gestellt ist, wird es in
nicht-religiöser Hermeneutik als Kunstwerk betrachtet, das der religiösen
Qualität gerade entbehrt.
5. Sosehr ein Vergleich der verschiedenen religiösen Traditionen der
Menschheit anhand der bereits hervorgebrachten ästhetischen Objektivationen
noch aussteht, so sehr wäre auch zu fragen, ob in den Phänomenen autonomer,
post-religiöser, ja antireligiöser Kunst nicht doch u. a. auch genuin
religiöse Anliegen der Menschheit offengelegt werden, die ihre Suche nach
Wahrheit und Versöhnung (Heil), aber auch ihre Sackgassen und ihre
Zerstörungswut betreffen. Wenn autonom gewordene Kunst vielleicht nicht
„sagen" kann, was schliesslich zum endgültigen Durchbruch kommen wird,
scheint Kunst im Bereich der Religion gegen alles Dämonische auf die
Wahrheit des Heiles zu setzen. Dies besagt freilich nicht, dass die heute
sich nicht mehr nur als „schön" verstehende Kunst ipso facto Ausdruck des
Dämonischen wäre. Gerade die christliche Dialektik von Schönheit und
Nicht-Gestalt im leidenden Jesus kann zeigen, dass eine Ästhetik des
Bruches, des Nicht-Harmonischen sehr wohl die tiefsten Tiefen des Mensch-
und Gottseins im Leiden zum Ausdruck bringen kann. Die Wahrheits- und
Versöhnungsdebatte im Bereich der philosophischen Ästhetik rückt die autonom
gewordene Kunst wohl nicht von ungefähr in die Nähe des religiösen Diskurses
und dessen ästhetische Hintergrunderfahrungen.
|