|
Jeder der vielen
männlichen und weiblichen Götter steht für einen Lebensbereich; da sie nicht
systematisch erdacht sondern aus Erlebnissen gewonnen sind, überschneiden
sie sich häufig. Ihre Gestalt ist menschlich, manchmal mit Teilen von
Tieren, vor allem Tierköpfen, oder und häufig die Sonnenscheibe dienen als
Attribute zur Charakterisierung. Neben der in ganz Ägypten verehrten
Gottheit wie Amun, Re, Ptah, Hathor, Osiris, Isis u.a. stehen andere mit
rein lokaler Bedeutung. Durch ihren Wirkungskreis stehen manche bestimmten
Berufsgruppen nahe (z. B. Thot den Beamten). Die grosse grundsätzlich
unbegrenzte Zahl der Gottheiten entspricht den ebenfalls zahlenmässig
unbegrenzten Lebenssituationen (Zeugung, Geburt, Fruchtbarkeit des Feldes
und der Tiere, Krieg, Beamtenstaat, Königtum, Krankheit, Kindheit, Liebe,
Rausch, Tod. Echnaton, der König, ist die Gottheit auf Erden - ein Anspruch,
den in dieser Grösse kein Pharao vor oder nach ihm erhoben hat. Schöpfer der
Welt und des Lebens ist Aton, Leben und Geschicke der Menschen leitet der
König, der allein auch Gebetsbitten erfüllt. Nacht, Tod und Leid sind nur
noch gottferne Räume - für diese ewigen Fragen der Menschen findet Echnaton
keine Antwort. Seine Lehre beruht sowenig auf Offenbarung, wie die von den
klassischen ägyptischen Göttern: Auch er hat seinen Aton an dessen Wirken in
der Welt erkannt. Die ägyptische Religion ist keine Offenbarungsreligion,
auch wenn sie Theophanien kennt. Nach 17 Jahren stirbt Echnaton
(gewaltsam?), seine religiöse Revolution bleibt ohne Folgen, es seien denn
gewisse Reaktionen.
Die Gottheit kann in ihrem Tempel wohnen; sie dazu aufzufordern, damit sie
dem Lande und seinen Menschen nahe sei, ist der Sinn des Tempelbaus und des
Rituals. Es besteht aus Handlungen am Kultbild, aus Opfern materieller Art
und aus Gesängen von Hymnen; bei Festen treten Tänze und Umzüge mit dem
Kultbild dazu. Manche Tempel oder Kapellen sind Zielort für Wallfahrten aus
dem ganzen Land, in einigen erwarten die Pilger Heilung oder
Traumoffenbarung. Da die Tempel selbst in der Regel verschlossen und nur die
Priester eintrittsberechtigt waren, betete das Volk vor den Mauern, vor dem
grossen Tempeltor oder aber in kleinen selbsterrichteten Heiligtümern, die
allerdings nicht vom Staat mit Personal und Opferzuwendungen versehen waren.
Bestimmte Gottheiten waren wegen ihrer Orakel berühmt; die Antwort auf die
Fragen, die teils schriftlich, teils mündlich vorgebracht wurden, erfolgte
meist bei der Prozession, etwa durch unwillkürliche Schwankungen des
getragenen Gottesbildes, aber auch schriftlich oder mündlich mit Hilfe eines
dazu bevollmächtigten Orakelpriesters. Der Bereich der seit 1500 v. Chr.
belegten, im 1. Jt. blühenden Orakel geht von der Königsernennung bis zu
kleinsten Alltagssorgen. Ein enges persönliches Verhältnis des Gläubigen zu
einer Gottheit jenseits des offiziellen, vom Staat getragenen Tempelkultes,
aber nicht im Gegensatz zu ihm, ist für die ältere Zeit nur durch Namen
belegbar, die die Eltern ihren Kindern gaben („Den ich erbetet habe" u. ä.).
Um 1400 v.Chr. setzt dann die breite Bewegung ein, die man die „persönliche
Frömmigkeit" nennt. Texte und Bilder geben Nachricht von Gelübden für
Errettung aus Krankheiten und anderen Gefahren, wobei die Notlage auch als
Folge einer Versündigung erkannt wird. Viele Menschen erwählen sich eine
Gottheit, der sie allein vertrauen und der sie u. U. auch Vermögen
übereignen. Fälle von Gebetserhörung werden oft erwähnt, wobei der Erhörte
gelobt, die Macht seiner Gottheit überall zu verkünden. Diese Bewegung
erfasst Könige ebenso wie die Ärmsten, die oft nur imstande sind, aus Lehm
selbstgeformte Votivgaben dem Heiligtum zu opfern.
Der Glaube an ein Fortleben nach dem Tode ist für Ägypten zentral. Vorbild
ist der auferstandene Gott Osiris, jetzt Herrscher im Jenseits und Richter
aller Toten. Dieses Jenseitsgericht legte an alle Verstorbenen, auch Könige,
gleichen Massstab an. Alle hatten ein Formular-„Bekenntnis" zu einer
sündenfreien Lebensführung abzulegen, das dann an der Realität gemessen
wurde, und zwar mit Hilfe einer Waage, auf deren einer Waagschale das Symbol
der gottgewollten Ordnung, auf deren anderer das wissende Herz des
Verstorbenen lag; bei jeder Übertretung, die der Tote begangen hatte, sank
das Herz hinab, die Waage machte einen Ausschlag. Das Urteil lautete nur
„gerechtfertigt", worauf Seligkeit in Gottesnähe und in paradiesischen
Gefilden folgte, oder „sündig", was Verschlingen durch den Höllenrachen
eines „Fresserin" genannten Untieres und damit Existenzvernichtung zur Folge
hatte. Daneben stehen andere Vorstellungen des Jenseits, etwa in Höhlen
unter der Erde, die nur eine Stunde allnächtlich von der von Westen nach
Osten fahrenden Sonne erhellt wurden und in denen die Verurteilten danteske
Höllenstrafen zu erleiden hatten. Im Gegensatz zum Gottesglauben, an dem
keine Zweifel aufgekommen zu sein scheinen, begegnen solche Vorstellungen
vom Jenseits ausgesprochener Skepsis, was nicht Zweifel an der Fortexistenz
nach dem Tode bedeutet, nur Kritik an den Ausmalungen davon. Die Welt war
bedroht von den Mächten des Chaos, der Unordnung, aus der sie der
Schöpfergott als Lebensraum für die Menschen ausgegrenzt hatte; die Wüste
auf beiden Seiten des Niltals, das Meer, die Nacht und der Tag galten als
Bereiche dieses Chaos (dessen Personifikation der Apophis-Drache war), und
so galt es, für die Verstorbenen diese Chaosbedrohung abzuwehren - auch
diese Gebiete zu ordnen. Dazu dienten die ausführlichen und wohlgebauten
Grabanlagen. Opfer, wurden dort dargebracht. Dazu diente auch die
Mumifizierung, die den Leib vor dem Vergehen retten und für ein Fortleben
konservieren sollte. Ein erheblicher Teil der Sorge der Ägypter war auf die
Überwindung der Gefahr beim und nach dem Tode gerichtet, die rechte
Grabausstattung, auf die Begräbnisriten, die Riten am Grabe in der
Bestattung, aber auch auf eine gottfällige Lebensführung, um im Gericht
bestehen zu können.
Das Königtum verbindet die göttliche mit der menschlichen Welt, insofern der
König kraft Amtes um den Willen der Gottheit weiss und deren Weisungen
empfängt. Andererseits ist er als Mensch fehlbar, sterblich, keinesfalls
allwissend - Diese Doppelstellung wird im Advaita dadurch ausgesagt, dass
der Pharao Gott in einer irdischen Frau gezeugt also an beiden Naturen
Anteil hat. Tempelkult ist im Prinzip Aufgabe des Königs, die er freilich an
Priester delegiert. Des weiteren obliegt ihm, die Gott gewollte Weltordnung,
die immer wieder gestört wird, zu wahren oder wiederherzustellen, womit er
innenpolitischer Wahrer des Rechts wird. Wie für Kult, so hat der König auch
für den Tempelbau zu sorgen, was eine Erweiterung der bestehenden Tempel
einschliesst. Das Amt steht unter göttlicher Leitung von der Person des
Königs. So können selbst Usurpatoren und Kaiser, deren übler Lebenswandel
durchaus bekannt war und die nie ägyptischen Boden betreten haben, als
„Pharao" gelten und in den Tempeln als Vollzieher des Kultes dargestellt
werden. Auch als Amtsträger ist der König nicht Gott: Er betet zu den
Göttern, geniesst aber keinen Kult.
|