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Im Wohnraum der
germanischen Völker etwa ab Christus Geburt belegte und in Nordeuropa bis in
die Neuzeit sporadisch verwendete Buchstaben, wohl aus Norditalien entlehnt
und eigenständig umgebildet, wurden in erster Linie zu magischen Zwecken und
erst sekundär für schriftliche Mitteilungen im üblichen Sinne verwendet.
»Von der Macht der Schrift hat nie ein Volk grösser gedacht und sie höher
gestellt als die Germanen«. So K. Müllenhoff, 1875.
Über die Bedeutung der Runen wurde von zahlreichen Autoren geschrieben,
häufig mehr phantastisch als wissenschaftlich ernst zu nehmen. Für die
germanischen Völker, noch in frühgeschichtlicher Zeit teilweise schriftlos,
scheint die Obertragbarkeit von Mitteilungen an räumlich oder zeitlich
Entfernte an sich wie Magie gewirkt zu haben, daher die Heilighaltung der
Runen und ihre Verwendung im Zauber. »Jede Rune trug einen Namen, durch den
sie einen konkreten Gegenstand vertrat. Das Runenbild war somit der
Gegenstand selbst«, nach Arntz 1935. In Island wurden die Runen zu magischen
Zwecken noch im 17. Jahrhundert verwendet, und erst der Hexenglaube gab den
Anstoss zu ihrem Verschwinden. Das erste Opfer eines in Island 1622
durchgeführten Hexenprozesses war ein Mann, in dessen Besitz ein einziges
Runen-Zeichen als »Indicium Magiae« gefunden wurde. Ein Verbot der
Runen-Schrift durch geistliche und weltliche Behörden erfolgte um 1639.
Damit fand der Komplex der »Sieg-Runen«, »Schutz-Runen«, »Brandungs-Runen«,
»Ast-Runen«, »Rede- und Denk-Runen«, »Binde-Runen«, »Bier-Runen«, usw. ein
Ende. Zahlreiche Literaturbelege bei H. Arntz, Handbuch die Runen-Kunde,
Halle 1935. Ausführlich bibliographische Angaben bei J. de Vries: »Eine
Kunst, die nur von wenigen gekannt und geübt wurde, war schon deshalb für
das gewöhnliche Volk Gegenstand der Ehrfurcht und des Staunens. Segen- und
Fluchformeln bekamen eine noch viel höhere Kraft, sobald sie in einen Stab
eingeritzt wurden und daher eine fast unbegrenzte Zeit hindurch ihre Wirkung
ausüben konnten... Man hat auch auf Runensteinen die Spuren eines roten
Farbstoffes gefunden und man darf wohl annehmen, dass sie ursprünglich mit
dem Blut eines geopferten Tieres besonders gekräftigt wurden«. Die Herkunft
der Runen aus dem Mittelmeergebiet wird heute nicht mehr ernsthaft
bestritten. In diesem Sinne siehe F. Focke, der auf die Runenbezeichnung »thurs«
für hinweist, als einen Beleg für die »Kenntnis der tyrsenisch-mediterranen
Schreibkunst, im Norden anfangs als Zauber- und Fluchmittel empfunden«, so
etwa im Skirnir-Lied der Älteren Edda: »Einen Thurs ritz ich dir/ und drei
Stäbe: Argheit, Irrsinn und Unrast«.
In dem Vorstellungskomplex von der »Heiligkeit des Schriftzeichens und
dessen magischer Manipulierbarkeit also nicht nur in der Erscheinungsform
der Runen scheint der Einfluss spätantiker mediterraner Buchstaben- und
Zahlenmystik wirksam zu sein. Hier wie dort handelt es sich in den
wesentlichen Bedeutungskomponenten um 'angewandte Symbolik', da die Zeichen
in dem, was sie nach dem Glauben bewirken, für das gehalten werden, mit dem,
was sie bezeichnen, bedeutet ist« |