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NEUPLATONISMUS

Eine für das Verständnis der magischen Schriften des Abendlandes bedeutsame philosophische Richtung vor allem des 3.-6. Jahrhunderts, die letzte Ausprägung der griechischen Philosophie unter dem Einfluss des Synkretismus, innerlich verwandt mit der Gnosis: während diese jedoch in erster Linie Religion ist, muss man den Neuplatonismus als vorwiegend philosophische Richtung mit starken religiösen Momenten bezeichnen; steht bei den Gnosis der stark empfundene Dualismus zwischen Geist und Materie im Vordergrund, betont der Neuplatonismus die Ableitung auch der Materie aus dem Ur-Einen und führt daher eher zu einem monistischen Pantheismus. Auch hier wird die Materienwelt als negativ empfunden. Eine Stufenleiter verbindet jedoch sie mit dem Reich des Übersinnlichen, die bei entsprechender Reinigung und Tugendübung im Zustand der Ekstasis beschritten werden kann. Die Einordnung und Benennung der verschiedenen Stufen führte zu ausgeprägtem Systematisieren und Rubrifizieren eine Eigenart, zu der die sonst ausgeprägte Ekstatik des Neuplatonismus in einem sonderbaren Widerspruch steht. P. Rabbow nennt den Neuplatonismus »die Mystik des sinkenden Altertums, in dem die Psychagogie zur Mystagogie wurde«.
Als Begründer des Neuplatonismus wird Ammonios Sakkas bezeichnet, doch sind die bedeutendsten Exponenten dieser Richtung später einzuordnen: etwa die metaphysisch-spekulative Richtung mit Plotin, Porphyrios von Tyrus und Jamblichos. Die religiös-theurgische Richtung wird. Unter anderem vertreten durch Libanios und seinen Schüler, den Kaiser Julian Apostata, die »athenische Schule« durch Proklos und Marinos von Sichern. Bedeutsam ist schliesslich die alexandrinische Schule mit der 415 von christlichen Fanatikern ermordeten Hypatia und ihrem Schüler Synesios von Cyrene und der »lateinische Kreis« mit Boethius.
Dass die praktisch-religiöse Richtung des Neuplatonismus bei Mysterienfeiern auch vor der Verwendung von Gaukelwerk und Scheinwundern nicht haltmachte, beweist unter anderem J. Bidez in seiner Biographie des Julianus Apostata, wenn er dessen Initiation durch Maximus von Ephesos folgendermassen schildert: »Stimmen und Geräusche, Rufe, verwirrende Musik, berauschendes Räucherwerk, Türen, die von selbst aufspringen, Schatten, die sich bewegen, schweflige Nebel, Dämpfe und Gerüche, lichtstrahlende Springbrunnen, Statuen, die sich zu beleben scheinen und den Prinzen abwechselnd drohend oder liebevoll betrachten, bis sie ihm schliesslich zulächeln und in Strahlen und Flammen stehen. Donner, Blitz und Erdbeben, die Gegenwart des obersten Gottes, des unaussprechlichen Feuers, kündend...«, Kaiser Julian. Die Verquickung von Wunderreligion und Spekulation ist für den Neuplatonismus sehr kennzeichnend.
Das Hauptproblem des Neuplatonismus ist nach Bertholets Wettbewerb der Religionen, das Verhältnis des »über alles hinausgehenden, überseienden, überpersönlichen Urwesens zu allem Seienden. Die Lösung wird in einer Emanationslehre gesucht, die folgende Stufen kennt: Das Eine, Gute, nur negativ zu Beschreibende, Weltgeist, Weltseele, Natur, Materie. Zwischen dem höchsten Wesen und der Welt gibt es eine hierarchische Ordnung von Mittelwesen. Religiös handelt es sich um die Frage, wie der Mensch aus der Erscheinungswelt in die übersinnliche, das heisst wie die Seele zu Gott gelangen vermöge. Antwort: durch ekstatische Einswerdung mit ihm; der Weg dazu führt aber auch über Enthaltsamkeit, sittliche Vollendung, philosophisches Denken und mystische Schau«.
Die Ideologie des Neuplatonismus wirkte sich nicht nur auf die Lehren des Abendlandes aus, sondern auch auf jene des islamischen Raumes. In Europa setzte sich besonders M. Ficino damit auseinander.
Nomenklatorisch breit ausgearbeitet wird die Ordnung der Hypostasen besonders durch Jamblichos und Proklos, während Plotin besonders die Überwindung der Stufen behandelt. Seine Schriften enthalten eindringliche Bilder und Gleichnisse und zeigen häufig echt religiöse Begeisterung. Zahlr. Neuplatoniker befassten sich nicht nur mit rein philosoph. Fragen, sondern auch mit »praktischen«: etwa mit Mathematik und Astrologie Porphyrios von Tyrus, Syrianos mit den Orakeln, Marinos mit Geometrie und Arithmetik. Immer wieder wirkt zugleich Rationales und Irrationales, Spekulation und Intuition teils widerspruchsvoll, teils zu einer Synthese geführt. Viele geistesgeschichtlich wichtige Texte sind verloren, so etwa die vier Bücher des Damaskios über Wunder, zum Beispiel über das Erscheinen Verstorbener. Eine interessante Verbindung von nüchterner Philosophie und ausgeprägter Wunder- und Zaubergläubigkeit zeigen die Schriften des Asklepiodotos von Alexandria, um 480. So war in den ersten Jahrhunderten der christlichen Zeitrechnung der Neuplatonismus zusammen mit der Gnosis der stärkste Gegner des Christentums, machtvoll besonders dadurch, dass er die Anschauung vertrat, dass Gott sich bei vielen Völkern geoffenbart habe. Dadurch konnte der Neuplatonismus auch die als verehrungswürdig empfundenen Kulte der Frühzeit und des Orients in seine Welt einbeziehen und im platonischen Sinne ausdeuten. Die Faszination besonders der volkstümlichen Seite des Neuplatonismus mit theurgischen Zeremonien und der Pflege überlieferter magischer Riten war noch bis ins 5. und 6. Jahrhundert fühlbar. Die neuplatonische Schule zu Athen jedoch wurde 529 durch ein Edikt des Kaisers Justinian offiziell geschlossen. In philosophischer Hinsicht fand sie viele Erneuerungen, so etwa in der Lehre des »Avicebron« und in der Renaissance durch die 1459 in Florenz gegründete »Platonische Akademie«, die neuplatonische Geisteswelt wiedererweckte und unter anderem stark auf Agrippa von Nettesheim einwirkte.

 

 

 

 

 

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