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Der in der Alchemie nie
exakt benannte und immer nur vage umschriebene rohe Ausgangsstoff bei der
Herstellung des Steins der Weisen.
Der Begriff materia prima selbst stammt aus der scholastischen Philosophie
und bezeichnet dort die Materie »an sich«. In den alchemistischen Schriften
hingegen wird damit eine zwar allgemein bekannte, aber für den
Uneingeweihten nicht als materia prima erkennbare Substanz gemeint, aus der
sich das »magnum opus« beginnen lässt; in manchen Quellen steht für materia
prima auch die Bezeichnung »jungfräuliche Erde«, »philosophisches Ei«, auch
»Bitumen«, und es heisst, etwa »unser Stein« »ist ein Stein und doch nicht
ein Stein, sondern wir nennen es Stein, weil die vier Elemente darin
enthalten sind«. In der Sammelschrift »Hortulus olympicus aureolus« des
Benedictus Figulus heisst es: »Es wirdt unsere Materia Lapidis Philosophci
mit Namen genennet, wie folget: Viromulti, Multimori, Vilotrium, Lotrivium,
Mucilago, Triovilum«, wobei die meisten Worte anagrammat. Umbildungen von
Vitriol(um) sind, ähnlich Caspar Hartung vom Hof: »Maria Prophetissa nennet
jhn Gummi Hispani, so nenn ich jhn Sperma Viromulti, Todtenkopff/Vultimori«
usw..
In der paracelsischen Schrift »Secretum magicum, von dreyen gebenedeyten
Steinen« (1616) heisst es im 1. Kapitel: »Ich werde dir sagen von einem
Stein, und das ist kein Stein, es ist wie Wasserstaub, und es ist kein
Staub, es ist wie eine dicke geronnene Milch, und ist kein Milch. Es ist
auch kein Leim wie Leim, es ist wie ein grün giftig Ding, da die Frösche
darunter hocken, und es ist kein Gift, es ist eine Medizin; in summa, es ist
die Erd... davon Adam gemacht und geschaffen ist...«, nach Peuckert. In
seinem »Compass der Weisen« 1782 schreibt »Ketmia Vere«, die »mehresten
suchenden werden gemeiniglich so verwirret, dass sie das feuerbeständige
Korn, die wahre Grund und Wurzelfeuchte, den gesegneten Stein, und Lapidem
benedictum ausser dem mineralischen Reich, und Gott weiss wo, zu suchen sich
unterfangen. Eine grosse Menge dieser Hirnkranken suchet beständig solche
Materien, welche keine Mühe kosten, in die Fäulung gebracht zu werden als
Mayenthau, Regenwasser, Schlossen, Schnee und dergleichen.. Nichts desto
weniger sind derselben Essenzen in dem lockeren und flüssigen Gehäuse
dergestalt auseinander gedehnt, dass es schwer hält, solche zu sammeln«.
Laut Hermann Kopp wurde »durchprobirt, was dem Mineralreich angehört,
durchprobirt wurden verschiedenste Pflanzen und Pflanzensäfte, durchprobirt
wurde, was das Thierreich an Se- und Excreten bietet, auch das Ekelste, und
zwar Dieses mit Vorliebe. Mit weniger Vertrauen wurde Milch darauf
bearbeitet, ob sie nicht die richtige materia prima sei, als Speichel, und
oft dafür in Arbeit genommene Substanzen waren Fäces und der Harn von
Menschen; schon im 15. Jahrhundert zählte der Graf Bernhard von Trevigo in
seiner später als Opuscule tres-excellent de la vraye philosophie naturelle
des metaulx` gedruckten Schrift auch urine et fiente d'homme` in der
überlangen Liste von Substanzen auf, mit welchen allen er es versucht habe«.
Heinrich Khunrath nennt die materia prima »die schlammige Erde Adams«. Die
einst hochgeschätzte Schrift »Der kleine Bauer«, enthalten in der »Aperta
arca arcani artificiosissimi« des Johann Grasshof umschreibt die materia
prima folgendermassen: »Das Gute davon werfen die Leute hinweg und das
Schlechte behalten sie. Ist sichtbar und unsichtbar. Die Kinder spielen
damit auf der Gasse. Ist weich und schwer und an Geschmack süss und herb,
ist in seinem Wesen dreieckig und viereckig in seinen Eigenschaften. Ist ein
Stein und doch kein Stein usw.«
Wahrscheinlich bedeutete materia prima in den alten Texten zunächst nichts
anderes als »Stoff in statu nascendi, ohne besondere Eigenschaften, sondern
diese erst potentiell in sich bergend«. Da ihr die Tendenz zur
Verflüchtigung und Vergeistigung zukommen musste, wurde ihr ein
überwiegender Gehalt an Mercurius zugeschrieben, weshalb sie meist
simplifizierend »mercurius philosophorum« genannt wurde. Auch Sulphur
musste, wenn auch in wesentlich geringerem Ausmasse, in ihr enthalten sein,
und zwar als Prinzip der Energie, um den Motor der Evolution in Gang zu
bringen. Der Wunsch, die Läuterungstheorie mit Laboratoriumspraxis in
Zusammenhang zu bringen, erforderte vielleicht einen unklar umschriebenen
Ausgangsstoff, um nicht den ins Materielle transponierten Prozess dort als
undurchführbar zu erweisen.
Wie hartnäckig die Alchemisten nach der materia prima suchten, zeigt die
Tatsache, dass noch 1796 der bekannte Schriftsteller und Arzt Karl Arnold
Kortum zusammen mit einem Pfarrer namens Bährens allen Freunden der Alchemie
mitteilte, die materia prima wäre in Wahrheit die Steinkohle, und sie zum
gemeinsamen Laborieren aufrief. Schon früher hatte man mit Blut, Speichel,
Harn und sogar mit Fäkalien experimentiert. In Zedlers Lexikon wird die
Ansicht des Sendivogius zitiert, derzufolge die materia prima mit der Luft
identisch »oder durch die gantze Lufft ausgesäet«, sei, und zwar zugleich
»vegetabilischer, animalischer und mineralischer Natur«. Eine Möglichkeit,
diese Paradoxa zu lösen, sieht A. Siggel in dem Hinweis darauf, dass der
Salmiak bei den arabischen Alchemisten sehr geachtet war. Salmiak kommt
natürlich auf brennenden Halden von Steinkohlenfeldern und Klüften und
Spalten von Lavafeldern und Vulkankratern vor, und zeitweise als regulär
kristallisierende Verbindung. Der hellenistischen Alchemie war der Salmiak
offenbar nicht bekannt, umso mehr aber den arabisch-persischen Alchemisten,
die auch seine Fähigkeit erkannten, die Oxydschichten der Metalle zu
reduzieren. Da Ammoniak auch aus Fäulnisprodukten organischer Abfälle
entsteht und zu Ammonsalzen verarbeitet werden kann, ist der Hinweis auf den
»verachteten Stein, der kein Stein ist, auf dem Abfallhaufen gefunden wird«
usw. vielleicht als Umschreibung des Salmiaks aufzufassen. Damit lässt sich
zwar keine echte Transmutation durchführen, doch sind mit seiner Hilfe
metallurgische Operationen möglich. Die mit Fäkalien und aus ihnen
entstehenden Mineralien wie Guanit und Struvit experimentierenden
Alchemisten hiessen »Stercoristen«. |