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Bedeutet wörtlich
»Überlieferung«, im weiteren Sinne die Esoterik des Judentums seit der
Spätantike, im engeren Sinne eine im Mittelalter entstandene
mystisch-theosophische Richtung, die eine umfangreiche Literatur
hervorbrachte. Die Kabbalisten bezeichneten sich selbst gerne als Kenner der
»geheimen Weisheit« oder als »Meister des Geheimnisses«.
Die Kabbala verlangt eine persönliche Anleitung und Initiation in ihre
Lehren und Praktiken. Sie ist deshalb aus Büchern nur zu einem Teil
erlernbar. Die in das Ghetto verbannten jüdische Gelehrten versuchten nicht
selten, ihren engen Lebenskreis auf mystisch-magische Wege zu durchbrechen.
Einzige Grundlage dafür waren die heiligen Bücher, die nicht nur nach ihrem
unmittelbar erkennbaren Sinn, sondern nach schwerer zugänglichen,
verborgenen Inhalten durchforscht wurden, so etwa im Buch Sohar: »Jedes Wort
im Gesetz enthält einen tieferen Sinn und ein verborgenes Geheimnis; die
Erzählungen des Gesetzes sind nur das Gewand des Gesetzes, und wehe dem, der
das Gewand für den Kern selbst hält«. Worte und Zahlen stellen die
Bindeglieder zwischen der rein geistigen und der materiellen Welt dar; sie
können daher, richtig angewendet, auch magisch wie machtvolle Zaubersprüche
wirken, und zwar dadurch, dass die Namen der die Sphären der Welt
bewohnenden Geistwesen als bekannt gelten, welche wirksam angesprochen
werden können. Pythagoräisch-gnostisches Geistesgut dürfte dabei eine
beträchtliche Rolle spielen, ebenso jenes des Neuplatonismus. Das Alter der
kabbalistischen Schriften ist nicht genau zu definieren. »Grosse Teile
dieser Literatur reichen bis ins erste oder zweite Jahrhundert hinauf,
stehen damit in unmittelbarem Anschluss an die produktive Periode, in der
das rabbinische Judentum sich in der grossen religiösen Gärung jener
Jahrhunderte herauskristallisierte. Gewiss, nicht immer sind die Texte so
alt, wie sie beanspruchen. Aber auch in den Bearbeitungen reicht das
zugrunde liegende Material der Überlieferung bis in die genannte Periode
hinaus«, nach Scholem 1962. Für Schubert steht am Anfang ein Phänomen, das
als eine »jüdische - Gnosis« bezeichnet werden kann, die aber nicht im
strengen Sinn gnostisch ist, »weil sie weder absolut dualistisch war und
daher nicht die Welt als Produkt eines bösen Weltschöpfergottes verstand,
noch auch das jüdische Gesetz als Machwerk dieses Weltschöpfergottes zur
Versklavung der Menschheit ablehnte. Die 'jüdischen Gnostiker' suchten
hinter dieses Gesetz zu blicken und so den Sinn des Schöpfungszusammenhanges
zu verstehen. Ihr Ziel war die Schau der göttlichen Herrlichkeit auf seinem
himmlischen Thron inmitten der Mächte und Gewalten, die ihn umgeben und vor
unbefugtem Zutritt schützen«. Schubert erwähnt esoterische Traditionen über
die »Schöpfungsmächtigkeit der 22 Buchstaben des hebräischen Alphabets und
der 10 Zahlen der ersten Dekade. Die eigentliche Kabbala als historisches
Phänomen entstand etwa in der 2. Hälfte des 12.Jahrhundert in Südfrankreich.
Die gnostizierenden Tendenzen in der christlichen Umgebung, die in der
Katharer- und Albigenserbewegung ihren Ausdruck fanden, bewogen die
Kabbalisten, sich für eigene Traditionen solcher Art zu interessieren...«.
Bedeutung als in die Breite wirkende geistige Bewegung erhielt die
Kabbalistik im Zuge der Vertreibung der Juden aus Spanien, 1492 und
Portugal, 1497, da sie Antwort auf die Frage nach dem Sinn der Zerstreuung
unter die Völker der Welt versprach: sie war die Konsequenz eines »Bruches
in der Natur der sich in den Sephirot offenbarenden Gottheit
selbst«,Schubert 1983. Exponent dieser Richtung ist besonders Isaak Luria :
»Nicht nur Israel ist im Exil, sondern auch Gott selbst. Dem Exil Israels
auf Erden entspricht ein Exil Gottes im Kosmos«, da die »Gefässe der unteren
Sephirot« das in sie einströmende göttliche Licht nicht fassen konnten und
zerbrachen. »So vermischte sich nun das göttliche Licht mit dem, was nicht
göttlich ist; das göttliche Licht wurde von den Schalen des Aussergöttlichen
umfangen und ist von ihnen gefangen. Die Wiederherstellung der
ursprünglichen Ordnung im Wesen Gottes, von den Kabbalisten 'Tigqun'
genannt, ist somit ein wesentliches Ziel der Schöpfung selbst«. Sünden der
Menschen bedeuten eine »Intensivierung des Exils göttlicher Strahlen und
Lichtfunken unter den Schalen. Der Mensch ist von Gott zum Werkzeug für den
Tiqqun auserwählt und berufen. Doch der erste Adam hat seine Aufgabe
verfehlt, indem er das Paradiesesgebot nicht erfüllt hat. Hätte er dies
getan, wäre er eigentlich schon der Messias gewesen. Durch seine Sünde
verlor die Menschheit das Paradies, ihre Situation entspricht nunmehr der
Gefangenschaft göttlicher Strahlen unter den Schalen der Finsternis. Die
Menschheitssituation zu erkennen und den Tiqqun für die Menschheit zu
vollziehen, ist somit die eigentliche Aufgabe der Erwählung Israels. Sein
Verlangen nach messianischer Erlösung ist letzthin nur ein Hinweis auf seine
eigene Aufgabe, jenen Tiqqun zu vollbringen, durch den die ganze Schöpfung -
und damit auch Gott selbst wieder ins rechte Lot kommen kann«, Schubert
1983. Es ist naheliegend, die Tigqun-Idee der lurianischen Kabbala von der
Ideologie der Gnosis abzuleiten und sie in engen Zusammenhang mit jener der
Alchemie zu bringen, deren Läuterungsideen geradezu als (para-)chemische
Praxis der lurianischen Lehren interpretiert werden könnten, wenn sich
historische Zusammenhänge grösseren Umfangs exakt nachweisen liessen.
Immerhin soll schon Nicolas Flamel das Buch eines Juden Abraham erworben
haben, was zumindest auf vor-lurianische kabbalistische Einflüsse auf
alchemistische Doktrinen schliessen lasst.
In neuerer Zeit fand die geistige Welt der Kabbala besonders in dem Kreis
des Exzentrikers Jakob Frank, der sich als Re-Inkarnation der Messias-Seele
verstand, sowie im Chassidismus Osteuropas Beachtung.
Echt magische Gedankengänge spielen immer wieder eine Rolle, doch wird die
Magie vorwiegend als ein Nebenphänomen der Mystik bezeichnet, und es wird
betont, dass sie von den eigentlichen Zielsetzungen des Strebens nach teils
intuitiver, teils spekulativer Erkenntnis nicht ablenken sollte. Mystik und
Magie fliessen oft untrennbar ineinander über. Von der Geisteswelt des
Neuplatonismus scheint die Seelenlehre der Kabbala beeinflusst zu sein. Die
Seelen der Menschen existieren bereits vor dem Erdenleben, sie wurden schon
bei der Weltschöpfung ins Dasein gerufen und warten in einem besonderen
Himmelsraum auf ihre Verkörperung. Ihre Bestimmung ist die Läuterung, und
wenn sie nicht erreicht wird, können sie neuerlich geboren werden. Bis zum
Eingehen in einen neuen Körper weilt die Seele körperlos auf Erden. Die
Seele eines Weisen kann sich nach dessen Tod in mehrere »Seelenfunken«
spalten, und diese haben die Möglichkeiten, ungeläuterten Seelen auf dem Weg
zur Vollkommenheit und zum Eingehen in das absolute Sein beizustehen.
In der Renaissance versuchten christliche Gelehrte wiederholt, die Lehren
der Kabbala dem Abendland zu vermitteln. Etwa Pico della Mirandola, Postel,
Agrippa von Nettesheim, Johannes Reuchlin, Johannes Pistorius, Fludd, Knorr
von Rosenroth. |