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GNOSIS, treffender »Gnostizismus«

Sammelbezeichnung mystischer Lehren der Spätantike im Sinne einer theosophischen Gläubigkeit. Ein nahassenischer Text sagt: »Anfang der Vollendung ist die Erkenntnis des Menschen, die unbedingte Vollendung aber ist die Erkenntnis Gottes«, wobei der Mensch selbst in die Höhen der Gottheit emporgehoben wird. Schon in vorchristlicher Zeit gebräuchlich, wird der Ausdruck Gnosis heute im engeren Sinne vorwiegend für die Glaubenswelt zahlreicher Sekten angewendet, die vorwiegend im nordafrikanisch-orientalischen Raum in der Spätantike blühten, besonders im 2.Jahrhundert nach Christus, und dabei synkretistisch jüdische, heidnisch-platonische und christliche Elemente verschmolzen. »Die Form der gnostischen Spekulation ist nicht der reine Begriff, sondern die phantastische Vorstellung, welche die einzelnen Momente des religiösen Prozesses zu fingierten Persönlichkeiten hypostasiert, so dass eine halbchristliche Mythologie sich ausbildete«. Im Sinne eines ausgeprägten Dualismus wird die Seele als Gefangene der als prinzipiell böse aufgefassten Materie angesehen. Die Schöpfung der Körperwelt dient nicht der Verherrlichung Gottes, sondern ist das Ergebnis eines Abstieges und daher nicht dem Urgott selbst, sondern einem Zwischenwesen zuzuschreiben. Der Erlöser, ein mit dem Schöpfer in keiner Weise identisches Geistwesen, ruft die vom göttlichen »pneuma« durchdrungenen Menschen auf, an der Überwindung der materiellen Welt mitzuwirken.
Im Sinne dieser Geisteswelt ist die menschliche Seele nicht Produkt eines Schöpfungsaktes, sondern hat als Geistwesen und Teil der göttlichen Substanz präexistiert, ehe sie ihre wahre Natur vergessend in die Körperwelt einging, jedoch mit dem nur dem Wissenden bewussten Auftrag, diese als Illusion zu erkennen und zugunsten ihrer geistigen Urheimat aufzugeben. »Die Leiblichkeit, die Vielheit und die Zeitlichkeit resorbieren sich unter dem Blick dessen, der da weiss. Man muss den Leib fliehen, um in unsere teure Heimat zurückzukehren. Ein Universum im Wechsel von Umwälzungen und Expansionen, mit unbegrenzten Degradationen und Regradationen«, referiert C. Tresmontant. Ein gutes Resüme über die Lehren der Gnosis findet sich bei L. Atzberger, Geschichte der christlichen Eschatologie, Neudruck Graz 1970: Der Autor erwähnt »die Verschiedenheit des höchsten Gottes vom Weltschöpfer, absolute Transzendenz des ersteren, Entgegensetzung von Erlösung und Schöpfung; die Trennung des höchsten Gottes vom Gotte des alten Testaments. Die Annahme von Aeonen, in denen sich die absolute Gottheit entfaltet. Die Anschauung, dass die gegenwärtige Welt aus einem widergöttlichen Unternehmen entstanden und das Produkt eines bösen oder mittleren Wesens sei. Die Auseinanderreissung der Person Jesu Christi in den himmlischen Aeon Christus, der eine bisher unbekannte Gottheit verkündet, und die menschliche Erscheinung desselben. Die Annahme eines von Natur gesetzten Unterschiedes der Menschen, für die Gegenwart konnte dem Gnostiker das Heil wesentlich nur erscheinen als der Besitz der rechten Erkenntnis und Aufklärung. Von der Zukunft konnte er nichts erwarten als die Befreiung des Geistes von der Materie und die Einführung desselben in das pneumatische Pleroma«.
Eine nicht unbedeutende Rolle spielen in den meisten gnostischen Systemen Spekulationen um die Qualitäten »Männlich« und »Weiblich« und die Frage, ob der Schöpfergott, der die Menschen einerseits »nach seinem Ebenbild« und andererseits »männlich und weiblich« schuf, zugleich als »Vater« und als »Mutter« aufzufassen sei, also als Androgyn. »Gnostische Quellen verwenden fortwährend sexuelle Symbole zur Beschreibung Gottes statt einen monistischen und männlichen Gott zu beschreiben, sprechen viele Texte von Gott als einer Zweiheit, die maskuline und feminine Elemente in sich vereinigt«. Beim Gnostiker Valentinos ist »das Schweigen« weiblich und empfängt gleichsam als Mutterschoss den Samen der »Unaussprechlichen Quelle«, und es bringt dann die Emanationen des göttlichen Seins hervor, die in der Folge in den harmonischen Paaren von Wesenheiten aus männlicher und weiblicher Energie im Sinne des Weltenplanes wirken. Die kultische rituelle Praxis der verschiedenen gnostischen Systeme umfasste ein breites Spektrum von Verhaltensweisen, die von konsequenter Askese als Mittel einer Beendigung des Abstiegs in die geistfeindliche Materiewelt und einer Rückkehr in das Reich des reinen Geistes bis zu orgiastischen Exzessen reichen. Diese sollten nicht zu normalen Zeugungen und einer Fortsetzung der Kette des Lebens in der Materiewelt führen, sondern durch Pervertierung der Sexualität die vom Geist wegführende Körperwelt schwächen und ad absurdum führen. Vielfach wurde in neuerer Zeit die Ablehnung der Geschlechtlichkeit in den patristischen Epochen des sektenfeindlichen orthodoxen Christentums als konsequente Reaktion auf die exzessiven Richtungen der Gnosis aufgefasst. Da die Chronisten vorwiegend aus dem »feindlichen« Lager stammen, ist quellenkritisch kaum zu klären, in welchem Ausmass der Vorwurf einer pervertierten Sexualität, der zahlreichen gnostischen Richtungen gemacht wurde, berechtigt war. Die echten gnostischen Texte, etwa jene aus dem Nag-Hammadi-Fund, ab 1950 publiziert, lassen eine Unterscheidung von allegorischen und wörtlich gemeinten, in die Ritualpraxis übernommenen Inhalten kaum zu. Sie »repräsentieren eine solche Vielfalt gnostischer Denk- und Verhaltensweisen, wie wir sie bisher nur ahnen konnten. Die Herausbildung der Orthodoxie war ein langwieriger Prozess, der aus einer vielfalt frühchristlichen Denkens und Handelns herauswuchs. Diese gleichberechtigte Vielfalt, zu der auch die christlich-gnostische Richtung gehörte, wurde erst im Laufe der Auseinandersetzung zu Ketzerei und Häresie erklärt«, Rudolph 1980. Viele gnostische Texte lehnen Rituale orgiastischen Charakters, in deren Verlauf mit Menstrualblut und Sperma manipuliert wurde, ausdrücklich ab. Die einschlägige Symbolik lebte jedoch unverkennbar in der Doktrin der Alchemie fort.
In der volkstümlichen Ausprägung dieser Lehren spielen Zahlenmagie und -mystik, Wortmagie, ein ausgeprägter Dämonenglaube und Nachklänge altorientalischer Astrologie eine grosse Rolle. Wichtige Quellen sind die Neutestamentlichten Apokryphen, wie zum Beispiel die Apokryphen Johannis, aus dem frühen 2.Jahrhundert und die »Pistis Sophia«, ein koptisch aufgezeichnetes Dokument aus dem 3.Jahrhundert, das den Leidensweg der in die Finsternis verschlagenen Weisheit schildert, das »belangreichste, aber doch schon endlos weitschweifige, wirre und schemenhafte Buch«, Schultz 1910. In dem betroffenen Schrifttum, besonders der Verfallszeit, vereinigt sich Zaubergläubigkeit und Systemstreben zu höchst komplizierten Synthesen; »man ordnete den Weltherrschern, Engeln und Dämonen Schätze, Türen, Schlösser, Siegel, Geheimnisse zu und liess die Gläubigen mystische, meist völlig sinnlose Namen auswendig lernen, die ihnen die Türen öffnen, die Siegel lösen, die Schlösser erschliessen, die Geheimnisse offenbaren und die Schätze zu eigen machen sollten. Auch liess man sie dabei Amulette verwenden, auf denen geheimnisvolle Zeichen eingegraben waren«, »mittels welcher die gefährlichen überirdischen Gewalten gebannt werden sollten«, Schultz 1910.
Die Gnosis drohte zeitweilig das gesamte Christentum zu überfluten, und ihre Begriffswelt ist in den Schriften von Clemens von Alexandrien, circa 150-215, Origenes, circa 185-254 und Tertullian, circa 150-220, nachweisbar. Erst die innere Festigung des Katholizismus und die entschiedene Stellungnahme der »Häresiologen« konnte die in sich uneinige Gnosis überwinden. Starke Anklänge an ihre Geisteswelt finden sich im Neuplatonismus und Manichäismus, und viele ihrer Elemente lebten noch lange bei Bogumilen und Katharern, in der Magie des mittelalters und besonders in der Alchemie fort, was wohl in erster Linie die dort feststellbare absichtlich verhüllende Allegorik erklärt.

 

 

 

 

 

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