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Alchemie, Geheimlehren, Mantik, Sterndeutung, Zauberkunst
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ALCHEMIE, auch Alchimie, Alchymie

Nicht bloss, wie in den meisten Nachschlagewerken angegeben, die »vermeintliche Goldmacherkunst«, sondern ein geistesgeschichtlicher, überaus interessanter und heterogener Ideenkomplex, der sich in erster Linie mit Läuterung und Veredelung, einerseits des Menschen selbst, andererseits, in Entsprechung dazu, der Natur, befasst.
Zwischen organischer und anorganischer Natur wird nicht streng geschieden, sondern vor allem den Metallen wird ein geheimes Leben zugeschrieben, das bewirken soll, dass sich im Laufe der Zeit aus »unedlen« Metallen »edle«, vor allem Gold, entwickeln.
Diesen Prozess sucht der Alchemist abgekürzt nachzuschaffen, wobei er sichtlich Symbole für eine subjektive, innere Reifung und Läuterung in die unbelebte Natur hineinprojiziert. Daraus ergibt sich, dass »die Lehre der Alchemisten keine bloss chemische Phantastik war, sondern ein philosophisches System, das sie auf den Kosmos anwandten, auf die Elemente und selbst auf den Menschen, und dass sie die Erzeugung von Gold aus unedlen Metallen nur als Teil einer allgemeinen Umwandlung aller Dinge in eine göttliche und unvergängliche Substanz anstrebten«. Die Erfolglosigkeit des alchemistischen Strebens konnte die Suchenden nicht abschrecken, so schreibt etwa Gerhard Dorn: »Obgleich nach vielgehabter Mühe, stinckenden und ungesunden empfangenen Dämpffen, Verlust nit geringen Unkostens, Ich endlich mühe und Arbeit verlohten befande, So hat gleichwol dieses alles mein Gemüht von solcher Kunst dennoch nicht Abwendig machen können«. Das beharrlich immer neu in Angriff genommene magnum opus soll den Weisen auch in die Lage versetzen, ein Allheilmittel herzustellen, das verschiedentlich als das eigentliche Ziel der Alchemie gilt, während die »Goldsynthese« nur als ein Nebenwerk angesprochen wird. Diese kann nicht aus den unedlen Metallen, besonders Blei und Quecksilber, direkt, sondern nur mit Hilfe eines pulverförmigen Extraktes, der als Motor der sonst unmerklich und langsam vor sich gehenden Metallreifung wirkt, in die Wege geleitet werden. Dabei ist es zunächst wichtig, die Ausgangsbasis für die Darstellung dieses »lapis«, die materia prima, aufzufinden bzw. als solche zu erkennen, obgleich sie immer nur in Allegorien und Metaphern umschrieben wird.
E. Ploss weist im Hinblick auf die Ansicht von der Transmutation der Metalle auf die Tatsache hin, dass viele Erze nicht metallisch aussehen; »Kupfer-, Zinn-, Blei-, Eisen- und Silbererze haben geradezu das Aussehen der Urmaterie, und vor der Verhüttung wurden sie noch zerstampft«. Wie dem Quecksilber durch Legierung mit Silber die Festigkeit verliehen wurde, so glaubte man an die Möglichkeit, einem weissen Metall durch Tingierung die Qualität der Gelbheit verleihen zu können.
Soweit die Phänomenologie der Alchemie in neuerer Zeit überhaupt Gegenstand wissenschaftlicher Untersuchungen ist, gehen diese meist von der Thematik der Naturwissenschafts-Geschichte aus und befassen sich nur wenig mit der ideologischen Fundierung der Doktrin. Diese ist eindeutig in der Ideenwelt der Gnosis verwurzelt, demgemäss »häretisch«. Das erhellt nicht nur aus der Grundvorstellung einer Läuterung und Erlösung der in der dunklen Welt der Erdhaftigkeit verborgenen Natur von Mensch und Welt, sondern auch aus der gnostischen Symbolik und Allegorik mit Androgyn, Ouroboros, der chemischen Hochzeit und der Bilderwelt, die mit dem Absterben der materieverhafteten Leiblichkeit als Voraussetzung des Aufstieges in reinere Regionen verbunden ist. Die umgebende Natur muss im Zuge einer Allegorese, eines Enträtselns und Aufschlüsselns der verborgenen Inhalte, ebenso dem Lichtreich zugeführt werden wie die Natur des Adepten selbst. Die geistige Arbeit des Rätsellösens ist dabei an sich verdienstlich und drängt die dunkle und belastende Materiewelt zurück. Dabei ist die für den heutigen Historiker dunkel und verwirrend wirkende Symbolsprache nicht ausschliesslich dem Wunsch nach »Ideenschutz« zuzuschreiben, sondern weitgehend mit den konventionell gebrauchten Symbolen und Formeln der Wissenschaft zu vergleichen. Freilich soll, nach Äusserung vieler Alchemisten, auch vermieden werden, dass Unwürdige in den Besitz der Geheimnisse gelangen und sie zu eigensüchtigen Zwecken gebrauchen. Es ist daher nicht abwegig, an eine Art von Arcandisziplin mit persönlicher Einweihung des »Adepten« durch seinen Lehrer und Meister zu denken, wodurch die schriftlich niedergelegten Erfahrungen für den Aussenstehenden nicht mehr aus sich heraus verständlich zu sein brauchten. Die Grundlage allen Strebens kann, neben der Anleitung durch einen Meister, auch göttliche Eingebung sein, so heisst es in dem paracelsischen »Manuale de lapide philosophico medicinali«
Zitat von Peuckert 1956: »got gibts wem er will, lasst sich mit gewalt nichts abnöten; wem aber Gott es nicht beschert, der wird es nie und nimmer erlangen«.
Über die Symbolsprache in den alchemistischen Büchern äussert sich Fischart Bodin sehr grob: »Entweder schreib, dass man versteh/ Oder des Schreibens müssig geh: Willst schreiben, dass man nicht soll wissen/ So last das Papir wol unbeschissen«.
Ist die Idee der Entsprechung von innerer und äusserer Veredelung auch magisch, so führte die praktische Arbeit mit den verschiedensten Substanzen, ungeachtet des nicht-wissenschaftlichen Ausgangspunktes, immer wieder in die Nähe der naturwissenschaftlichen Forschung und bildete tatsächlich in vieler Hinsicht das Fundament der neuzeitlichen Chemie und Physik, während sich der immer mehr seiner realen Basis entkleidete spirituelle Teil der Alchemie als durch faszinierende Bilder illustriertes Läuterungsstreben in den Bereich der Theosophie, der Gold und Rosenkreuzer und in manche Systeme der Freimaurerei rettete.
Die Geschichte der Alchemie kann hier nur kurz angedeutet werden. Die Anfänge sind wohl in Ägypten zu suchen, werden aber erst in ptolemäischer Zeit greifbar; auch der Name wurde hypothetisch auf eine ägyptische Wurzel zurückgeführt. In der Zeit des Hellenismus wird das alchemistische Streben durch jüdische, griechische und orientalische Züge bereichert. Aus diesem Synkretismus ergeben sich die neuplatonisch-gnostischen Elemente, die noch in der abendländischen Alchemie des Mittelalters und der Neuzeit fortwirken und wahrscheinl. für das Suchen nach Ausdruck in für Aussenstehende unverständliche Sinnbilder mitverantwortlich sind. Im Orient überlebte die Tradition der Alchemie die Islamisierung, und die von Arabern überlieferten bzw. neu verfassten Texte trugen dazu bei, dem Abendland die Geisteswelt der Alchemie zu vermitteln. Noch bedeutungsvoller ist die Alchemie der mesopotamischen, Sabier von Harrän und der Mandäer, wo antiker Gestirnkult und die Lehre von den Metall-Planeten-Sympathien noch bis ins l0.Jahrhundert lebendig blieb. Mazal erwähnt, dass die Alchemie wohl im Ägypten des 2.-3. Jahrhunderts nach Christus entstand. »In ihr kreuzten sich wissenschaftliche und metawissenschaftliche Strömungen. Durch die Vorstellung der allwaltenden Sympathie erfuhr die Technik der Veränderung und Umwandlung von Stoffen, speziell Metallen, eine scheinbar philosophische Fundierung. Für die griechische Alchemie waren die Erfindung des Destillationsapparates und die Entdeckung der chemischen Eigenschaften des Schwefels im 3. Jahrhundert massgeblich. Auch der Islam übernahm eine reiche spätantike Tradition und baute diese aus. Selbst in Byzanz lebte die Alchemie fort, wie etwa eine Schrift des Michael Psellos über Goldherstellung zeigt. Zahlreiche Rezepte und Traktate dokumentieren das Interesse an der geheimen Kunst. Durch Rückströmen arabischer Texte in den Westen wurde die Alchemie im Westen wieder besser bekannt und konnte trotz kirchlicher Opposition nie mehr verdrängt werden, da sie als Teil der Naturerforschung angesehen wurde und den Bedürfnissen nach Sublimation, Läuterung und Beherrschung der Natur entgegenkam. Die Zunahme chemischer Kenntnisse in der Renaissance hing mit der Entwicklung neuzeitlicher Technologie und latrochemie zusammen; aber die alchemistischen Versuche bereiteten auch den Boden für die moderne Chemie.« Dennoch wäre es irrig, die Alchemie lediglich als eine noch unentwickelte und fehlerhafte Vor-Chemie anzusehen, ohne das andersartige spirituelle Fundament der Doktrin zu berücksichtigen.
Viele Details der alchemistischen Allegorik dürften aus dem Bereich der Sabier stammen. Im Abendland befassten sich mit der Alchemie nicht nur grosse Gelehrte, sondern, besonders in der Renaissance, auch zahllose Glücksritter und Scharlatane, was das ganze System immer mehr in Verruf brachte. Dennoch wurden auf traditioneller Grundlage noch in neuerer Zeit alchemistische Experimente durchgeführt. Gessmann 1922 erwähnt weiters F. Wurzer, W. G. Kastner, W. F. Wackenroder, den Baron Hellenbach und andere.
Der Betrugsprozess des deutschen Schwindlers Tausend zeigt, dass die Faszination der Alchemie auch im 20. Jahrhundert nicht erloschen ist.

 

 

 

 

 

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