|
In der älteren Literatur
vor allem Bezeichnung aller »paralogischen« und irrationalen Gedankengänge
im religiösen Bereich, also etwa »wahnwitziger Glaube«. Der ursprüngliche
Sinn deutet nicht auf »falschen«, sondern auf übertriebenen, übersteigerten
Glauben ohne echte Fundierung hin. In Schriften der Aufklärungszeit wird oft
darauf hingewiesen, dass der Ungläubige zuwenig, der Abergläubische zu viel
Glauben an trügerische oder inexistente Kräfte und Wesen an den Tag lege,
während die Glaubensbereitschaft des reifen Menschen in der Mitte liege.
Daraus ergibt sich, dass die Bewertung dessen, was als normal-vertretbarer
Glaube und was bereits als Aberglaube bezeichnet wird, vom weltanschaulichen
Standpunkt des Urteilenden abhängt. Der Atheist wird bereits die für den
Gläubigen akzeptablen Dogmen als Aberglaube einstufen, wenn er etwa mit Karl
Marx Religion als »illusorisches Glück des Volkes« bezeichnet. Im Sinne des
Kampfes gegen altertümliche Anschauungen wurde bereits im 17.Jahrhundert
statt »Aberglaube« auch das Wort »Affterglaube« gebraucht. Glaube wie
Aberglaube waren und sind seit Menschengedenken zwei schwankende, relative,
völlig abstrakte, stets aber mit einander kommunizierende Begriffe, die
ihren Stellenwert untereinander... häufig verändert und gelegentlich sogar
umgekehrt oder ausgetauscht haben... Der Aberglaube wird gelegentlich als
ein Glaube an die Wirkung und Wahrnehmung naturgesetzlich unerklärbarer
Kräfte definiert. Diesen Kräften werden dann durch die Geister, Dämonen oder
Hexen Wille und Gestalt verliehen. Der Aberglaube 'glaubt' nach unserer
Definition an geheime Zusammenhänge aller Dinge untereinander und bringt in
Form assoziativen Denkens die verschiedenartigsten, zufällig oder nach uns
unbekannten Gesetzmässigkeiten zusammentreffenden Dinge in einen [quasi-]kausalen
Zusammenhang. Für den Theologen M. Pfliegler ist der Aberglaube nicht nur
Ausdruck ausserreligiöser und vorchristlicher Traditionen, sondern »auch
Wildwuchs einer verwahrlosten Religiosität, zugleich auch verkehrte Religion
selbst und kann so zur Grimasse des christlichen Antlitzes werden«.
Bewertungen sind jedoch nicht Gegenstand der Religionswissenschaft, sondern
der Theologie, die vom festen Standpunkt einer verbindlichen, für die
Wissenschaft uneinsichtigen Offenbarung ausgeht.
Im 16. und 17.Jahrhundert findet sich auch die Form »Affterglaube«. Jacob
Grimm, Deutsche Mythologie, Kapitel XXXV, schreibt: »da, wo das christenthum
eine leere stelle gelassen hat, ... wucherte der Aberglaube oder Überglaube.
Niederdeutsch sagt man biglove, beiglaube, niederländisch overgelöf, bygelöf,
dänisch overtro, isländisch hiatru, die alle dem lateinisch superstitio
nachgebildet wurden«, nach F. Mauthner also eine »Lehnübersetzung«. Früher
wurde der Begriff Aberglaube für alle magischen Gedankengänge verwendet; da
er jedoch ursprünglich ein abwertendes Urteil enthält, wird er in der
neueren Literatur nur da gebraucht, wo ausdrücklich der Gegensatz zu einem
herrschenden und anerkannten Weltbild und Glauben, etwa dem christlichen,
zum Ausdruck gebracht werden soll. In diesem Sinn wird Aberglaube zum
Beispiel als »Produkt des irrenden Verstandes, des schwächlichen Willens und
des überreizten Gefühls« von R. Hofmann in der »Realencyklopädie,
geschildert. Es gibt jedoch »keine Argumente, die dafür angeführt werden
könnten, den Horizont kulturgeschichtlicher Betrachtungen deshalb
einzuengen, weil ein bestimmtes Thema den Bereichen des 'Aberglaubens'
zugerechnet wird. Die anthropologischen Wissenschaften, wie Folklore und
Ethnographie, haben einen solchen Standpunkt niemals eingenommen. In der
Geschichtswissenschaft... setzt sich der Verzicht auf eine Wertung, die von
persönlichen Anschauungen ausgeht, weit schwieriger durch«. In der
Volkskunde stellt der Aberglaube eine Fundgrube zum Teil uralter,
vorchristlicher Überlieferungen dar. Der sogenannte Aberglaube ist häufig
auch ein Sammelbecken von Gedankengängen, die im volkskundlichen Bereich
weiterleben, »offiziell« von der Wissenschaft jedoch ad acta gelegt wurden:
etwa das Denken in Entsprechungen anstelle von Kausalverbindungen; der
Glaube an das Vorhandensein okkulter, empirisch nicht nachweisbarer Kräfte,
die sich der Mensch dienstbar machen kann; eine animistische Weltsicht.
Hochblütezeiten des Aberglaubens sind fast immer geistige Krisenperioden, in
welchen der Mensch seine Umwelt mit rationalen Mitteln nicht bewältigen zu
können glaubt und Zuflucht im Irrationalen sucht: also etwa dann, wenn ein
bestehendes Weltbild in Auflösung begriffen ist, aber noch kein neues an
seine Stelle gesetzt wurde; so etwa in der Spätantike. Während im frühen
Mittelalter der Glaube an die Realität von Wetterzauber, Beschwörung der
Dämonen, von magischen Philtren und teuflischen Verblendungen als Aberglaube
mit Kirchenbussen belegt wurde, änderte sich diese Einstellung gegenüber der
traditionellen Volksmeinung, als sich die Ansicht von der Realität der die
Erde bedrängenden Dämonenwelt etwa im 13. Jahrhundert in der kirchlichen
Lehrmeinung durchzusetzen begann. Bis etwa zum 11.Jahrhundert war das
Fürwahrhalten des auf altheidnischen Anschauungen beruhenden Zauber- und
Hexenwesens, »so vor allem der Glaube an nächtliche Hexenfahrten und an die
teuflische Verwandlung der menschlichen Gestalt in eine andere, namentlich
auch in eine tierische« von der Kirche verworfen worden.
Charakteristisch für die abwertende Einstellung der »Aufklärer« aller Zeiten
ist etwa das Zitat von Joh. Christoph Gottsched aus seiner Zitatensammlung
»Der Biedermann« 13. September 1728, wo es unter anderem heisst: »Nicht nur
die grobe Abgötterey ist eine solche Thorheit; auch die gemeinen
Einbildungen von Hexereien, von Gespenstern, von Träumen, vom Wahrsagen, vom
Schatzgraben und andern solchen Alfanzereien, sind lauter Arten des
allerdümmsten Aberglaubens. Gleichwohl herrscht der meiste Teil davon mitten
in der christlichen Religion. Man glaubt Erscheinungen der Geister und
abgeschiedenen Seelen: Man hält davor, dass es Wettermacher, Crystallseher,
Traumdeuter, Seegensprecher, Hexenmeister, Beschwörer und Teufelsbanner
gebe. Man fürchtet sich vor Kometen und andern natürlichen Dingen. Man hält
gewisse Tage und Stunden für glücklich und unglücklich. Man schreibt
gewissen Figuren, Zeichen und Charakteren eine geheime Kraft zu. Man legt
gewissen Worten, die etliche male wiederholt werden, eine unbegreifliche
Wirkung bei. Man punktiert, man cabbalisiert, chiromantisiert, prophezeit
und schwärmt auf tausendfältige andre Weise, die man unmöglich alle namhaft
machen kann. Und das tun nicht nur die Einfältigsten unter uns. Nein, auch
diejenigen, die sich ihres Standes und Vermögens halber, klug düncken; ja so
gar viele, die sich Gelehrte nennen lassen, sind in solchen Grillen
ersoffen. Ist das nun nicht Aberglaubens genug? Schickt sich das vor
Christen, vor das auserwählte Volk, vor den Anbetern des wahren Gottes?
Sollte man da wieder nicht schreiben, predigen, eifern und streiten? Sollte
da nicht billig eine grosse Menge gründlich gelehrter Männer aufwachen und
mit vereinigten Kräften diesem Unheile zu steuren suchen?« |