| Parapsychologie |
| Sozialwissenschaft, die sich als Teilgebiet der Psychologie versteht. Die Bezeichnung hat sich in den meisten westlichen Ländern eingebürgert und Ausdrücke wie wissenschaftlichen Okkultismus und andere abgelöst. Daneben werden in gleicher Bedeutung oder mit geringer anderer Akzentuierung von einigen Autoren noch die Begriffe Grenzwissenschaften, Metapsychik, Psychische Forschung und anderes gebraucht. Das Wort Parapsychologie wurde von Dessoir 1889 vorgeschlagen. Bezeichnet man nach Analogie von Wörtern wie Paragenesis, Paragoge, Paragraph, Parakope, Parakusis, Paralogismus, Paranoia, Parergon usf. mit Para- etwas, das über das Gewöhnliche hinaus- oder neben ihm hergeht, so kann man vielleicht die aus dem normalen Verlauf des Seelenlebens heraustretenden Erscheinungen parapsychische, die von ihnen handelnde Wissenschaft Parapsychologie nennen. Das Wort ist nicht schön, aber es hat meines Erachtens den Vorzug, ein bisher noch unbenanntes Grenzgebiet zwischen dem Durchschnitt und den pathologischen Zuständen kurz zu kennzeichnen. Und mehr als den beschränkten Wert praktischer Brauchbarkeit beanspruchen ja solche Neubildungen nicht. Auch unter den Forschern, die ihr Gebiet Parapsychologie nennen, besteht keine einhellige Meinung über Wesen und Grenzen ihrer Disziplin. Die Dessoirsche Definition wird nicht von allen akzeptiert - vielleicht liegen die zu untersuchenden Phänomene gar nicht zwischen Norm und pathologischem Extrem: Man kann sie auch in einer dritten Position neben diesen sehen. Ausserdem betrachtet Dessoir entsprechend seiner Definition auch Phänomene der Mystik, psychische Automatismen und andere als Gegenstände der Untersuchung. Manche Parapsychologen beschränken die Parapsychologie aber auf jene Erscheinungen, die ASW- oder PK-Elemente enthalten (wieder andere auf solche, bei denen ASW und PK gekoppelt auftritt). Gemeinsam jedoch ist diesen Abgrenzungsversuchen, einen Bereich von Phänomenen abzustecken, die nicht auf Bekanntes zurückgeführt werden können. Dagegen gibt es Parapsychologen, die den Gegenstand der Parapsychologie als vorläufig nicht klassifizierbar betrachten. Danach hat die Parapsychologie die Aufgabe, Phänomene zu erhellen, damit sie der Psychologie, Physik oder Chemie zugeordnet werden können, um dort weiter untersucht zu werden. Ist diese Arbeit der Zuweisung einst getan, müsste sich die Parapsychologie als wissenschaftliche Disziplin auflösen. Noch verwirrender wird das Bild der Parapsychologie unter dem anthropologischen Aspekt. Fast alle Parapsychologen gehen von einem impliziten oder expliziten Menschenbild aus: Idealistische, materialistische, animistische und spiritistische Hypothesen stehen hier kaum versöhnbar nebeneinander. Verbindend bleibt nur der Vorsatz, das Wissen vom Menschen zu erweitern, und dazu wurden von allen parapsychologischen Richtungen bedeutende Beiträge geleistet. Aufgabe der Parapsychologie ist es also, die jahrtausendealten und in allen Kulturen anzutreffenden Berichte von übernatürlichen Geschehnissen auf ihren rationalen Kern hin zu untersuchen. Dazu wird vorausgesetzt, dass sie in einer geordneten Welt auftreten, d. h. regelhaft sind. Positivistisch und induktiv werden Geschehenstypen aufgezeigt und ihre Gesetze formuliert. Forschungsmöglichkeiten sind
1. das Studium überlieferter Berichte 2. die Untersuchung spontan auftretender Phänomene und 3. das Experiment im Labor. War es für viele Jahrzehnte Anliegen der Parapsychologie, ihren Gegenstand erst einmal als existent zu beweisen, so ist das mittlerweile, zumindest nach Ansicht weiter wissenschaftlicher Kreise, gelungen. Die nun zu untersuchenden Phänomene betreffen im wesentlichen 2 Bereiche:
1. Erfahrungen in Gestalt bewusster psychischer Inhalte, die nicht durch sinnliche Wahrnehmung vermittelt scheinen, und Verhaltensweisen, die so beschaffen sind, als ob ihnen solche Inhalte zugrunde lägen (ASW) 2. Wirkungen mechanischer Natur auf Körper oder materielle Systeme, die vorderhand nicht physikalisch-chemisch erklärbar sind (PK). In beiden Fällen wird als Ursache der extrasensomotorischen Phänomene eine psychische Kraft vermutet, der man den Namen Psi gab. Über die Frage, ob es sich um eine Kraft oder mehrere Kräfte handelt, gegebenenfalls über die Art ihrer Beziehungen, ob diese Kraft ein materielles Substrat hat oder rein geistig zu denken ist, wurde bisher nichts Sicheres ausgemacht. In ihren Methoden folgt die Parapsychologie der Psychologie: Selbstbeobachtung und Fremdbeobachtung, experimentelle Beobachtung und Beobachtung eines spontanen Ereignisses (Sonderfall: erwartende Beobachtung) sowie Befragung. Der Aufbereitung der so gewonnenen Daten dient die Statistik. Um den 3 Hauptfehlerquellen in der Deutung parapsychologischer Beobachtung -Täuschung, Betrug, Zufall - zu begegnen, modifizierte die Parapsychologie geistes- und naturwissenschaftliche Methoden und entwickelte daneben eigene. Die dialektische Analyse: Hierbei werden in Betrachtung des bisherigen empirischen Materials bei Hintansetzung sämtlicher vorwissenschaftlicher Denkmodelle und Theorien auf rein phänomenologischer Basis Begriffe gesucht, die zu den parapsychologischen Phänomenen gehören (phänomenologische Methode). Die so gewonnenen Begriffe werden miteinander verglichen und zu dialektischen Begriffspaaren geordnet. Sodann sucht man zu jedem Begriff geeignete Messmethoden. Begriffe, für die keine geeigneten Messmethoden gefunden werden können, werden modifiziert oder weggelassen. Begriffe, von denen man erwartet, dass sie nicht komplementär zueinander sind, werden jeweils mit ihren komplementären Begriffen zu Klassen und deren komplementären Klassen zusammengefasst. Nun wird versucht, alle Messgrössen einer Klasse in einem (!) Experiment zu messen. Falls es sich herausstellt, dass sich innerhalb einer Klasse doch noch komplementäre Grössen befinden, so müssen diese ermittelt und ausgeschaltet werden. Die komplementäre Klasse von Grössen muss dann ebenfalls in einem (!), mit möglichst gleichen Voraussetzungen beginnenden Parallelexperiment gemessen werden. Stehen nun genügend Messresultate zur Verfügung, so kann versucht werden, durch die sinnvolle Verknüpfung von Begriffen eine Theorie zu entwickeln. Die Geschichte der Parapsychologie unterteilte Richet in 4 Phasen. Er unterschied:
In dieser letzten Phase seit 1872 konstituierten sich die wichtigsten parapsychologischen Organisationen mit ihren Publikationsorganen: A.S.P.R. (American Society of Psychical Research) (Journal und Newsletter), Foundation for Research into the Nature of Man (Journal of Parapsychology), The Parapsychological Association, The Parapsychical Foundation (parapsychologisches Review), The Psychical Research Foundation (Theta), S.P.R. (Society of Psychical Research) (Proceedings und Journal) und viele weitere nationale und lokale Organisationen. Mehrere internationale Konferenzen und Kongresse fanden in jenen Jahren statt. Die akademische Integration der Parapsychologie vollzog sich nur zögernd: 1857 untersuchten 3 Harvard-Professoren die Geschwister Fox (Hydesville). 1882 boten 4 amerikanische Universitäten (darunter Harvard) parapsychologische Vorlesungen an. 1893 wurde an einer französischen Universität eine Dissertation mit parapsychologischem Untersuchungsgegenstand vorgelegt. 1912 führte John Coover ASW-Untersuchungen an der Stanford University (Kalifornien) durch. Entsprechende Experimente folgten 1916 in Harvard. Die niederländ. Psychologen Heymans, Weinberg und Brugmans kamen 19²0 zu positiven Ergebnissen bei Telepathieversuchen an der Universität Groningen. In Deutschland setzten sich damals Driesch und Oesterreich für die Parapsychologie an den Universitäten ein. In den 30er Jahren arbeitete Bender experimentell parapsychologisch an der Universität Bonn. Zu der Zeit gab McDougall seine Psychologiedozentur in Harvard zugunsten eines Rufs an die Duke University (Durham, NC.) auf und errichtete dort ein parapsychologisches Laboratorium, das 1934 unter der Leitung Rhines eröffnet wurde. Der Welt erste Dozentur für Parapsychologie erhielt 1934 Tenhaeff an der Reichsuniversität Utrecht. Die Dozentur wurde 1953 zum Lehrstuhl erhoben. In Freiburg i. Br. ist Bender seit 1950 Leiter eines von ihm gegründeten parapsychologischen Instituts. Die Psychologie und ihre Grenzgebiete vertritt er auch in der akademischen Lehre. An der Universität Leningrad wurde 1960 ein Institut zur Erforschung der psychischen Fernwirkung eingerichtet. Sein erster Leiter war Wassiliew. Dem 1964 gegründeten parapsychologischen Laboratorium der Universität von Santiago de Chile steht Prof. Onetto Baechler vor. Ihren ersten Lehrstuhl für Parapsychologie erhielten die USA 1969 an der University of Virginia (im Fachbereich Psychiatrie, Inhaber war Ian Stevenson). Mittlerweile gibt es in Grossbritannien, Indien, Argentinien und in anderen Ländern parapsychologische Einrichtungen auf akademischer Ebene. Mit Genugtuung registrierten Parapsychologen in der ganzen Welt, dass 1969 die angesehene American Association for the Advancement of Science die Parapsychological Association als Mitglied aufnahm. Allmählich wird Parapsychologe zum akademischen Beruf: 1973 zählte man in den USA 15 hauptberufliche und rund 200 nebenberufliche Parapsychologen. |
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