| Mörike, Eduard |
| Einer der bedeutendsten deutschen Lyriker und Erzähler des 19. Jahrhunderts. Erlebte als Pfarrer in Cleversulzbach (bei Heilbronn) während seiner gesamten Amtszeit (1834-43) immer wieder Spukphänomene und berichtete darüber in Kerners Zeitschrift Magikon anhand seiner Tagebuchaufzeichnungen. Seine zum Teil ausserordentlich genauen Beobachtungen werden durch Untersuchungen und Zeugenaussagen gestützt. Vor Mörike hatte Kerner schon andere Darstellungen des Cleversulzbacher Spuks gebracht. Die Erlebnisse Mörikes, seiner Angehörigen und anderer Personen bestehen im wesentlichen aus Geräuschen (Klopfen, Pochen, Schlürfen, Tappen, Atmen) und Lichterscheinungen. Ausserdem, aber seltener, werden Berührungen und Bewegungen registriert. Einmal sieht Mörikes Schwester das Phantom eines Hundes. Bereits 3 Pfarrer vor Mörike wussten von derlei Phänomenen zu erzählen, die manche dem Geist eines gewissen Pfarrers Rabausch zuschrieben. Es scheint sich somit um einen ortsgebundenen Spuk zu handeln. Allerdings massierten sich die Phänomene im ersten und letzten Jahr von Mörikes Aufenthalt dort. Vielleicht doch ein Indiz für eine mediale Beteiligung Mörikes oder eines seiner Familienmitglieder. Der amerikanische Germanist Lee B. Jennings deutet auch an, dass das Verhältnis Mörikes zu Kerner die Erscheinungen beeinflusst haben könnte. Als Fallgeschichte ist Cleversulzbach wenig ergiebig. Dennoch ist Mörike von grossem Interesse für die Parapsychologie. Er ist kein Biedermeier-Idylliker, sondern ein Dichter, der die dämonischen Seiten der menschlichen Seele kannte und häufig Identitätskrisen erlebte, die er schreibend zu bewältigen suchte. Seine Werke sind deshalb nicht nur literarisch von Bedeutung, sondern auch unter dem Aspekt einer Autoanalyse, als ein Typus visionären Denkens. Mörikes graphisches Werk ist in diesem Zusammenhang ebenfalls wichtig. Von seinen psychologischen und okkultistischen Interessen zeugen die Texte Aus dem Gebiete der Seelenkunde (in Freya I, 1861) und Doppelte Seelentätigkeit (1909). Im ersten berichtet Mörike 2 eigene Träume: Der eine, ein präkognitiver Wahrtraum, bezieht sich auf den Tod eines Onkels. Beim anderen, einem telepathischen Traumerlebnis, wurde Mörike geweckt durch ein plötzliches Gefühl, als wenn mir kalte, schwere Tropfen gewaltsam in das Gesicht gespritzt würden. Ich glaubte ihren Fall zugleich auf dem Deckbett zu hören. Er stellte fest, dass, obwohl ich nie mit so viel Schein der Wirklichkeit geträumt zu haben glaubte, alles trocken war. Am nächsten Tag erwies sich, dass seine Verlobte zu derselben Zeit für ihn gebetet und (sie war Katholikin) Weihwasser in Richtung seiner Wohnung gesprengt hatte. Hiernach erklärte sich das Rätsel einfach aus einem momentanen Fernsehen der Seele im schlafenden, völlig gesunden Zustand. Die Seele bekam oder gab vielmehr sich selbst ihre Wahrnehmung sinnlich durch einen scheinbar äusseren Eindruck zu fühlen - eine Erklärung, der die Parapsychologie auch heute noch nichts hinzuzufügen vermag. In der Doppelten Seelentätigkeit erzählt Mörike einen Fall von Däumeln: Halb zum Spass, halb im Ernst befrug ich das Schicksal ... , indem ich ... den nächsten besten Teil des deutschen Shakespeare herunternahm, mit dem Daumen hineingriff und hier sogleich auf eine Stelle stiess, die wir als bejahende Antwort nahmen. Frappant, gewissermassen komisch-frappant, war sie dadurch, dass sie selber den Ausdruck Orakel, also die genaueste formale Beziehung auf meine Absicht, enthielt, Es handelte sich um den Dialog Achill Hektor in Troilus IV, 5: .Achill: ja, sag' ich dir. Hektor: Und wärst du, solches kündend, ein Orakel, Nicht glaubt' ich dir. Entweder ist es purer Zufall, oder kann ich es nur mit meiner alten Hypothese von einer doppelten Seelentätigkeit erklären ... Die Seele strahlt und wirkt von ihrer Nacht- oder Traumseite aus in das wahre Bewusstsein herüber, indem sie innerhalb der dunklen Region die Anschauung von Dingen hat, die ihr sonst völlig unbekannt blieben. Ihre Vorstellungen in der Tag- und Nachtsphäre wechseln in unendlich kleinen, gedrängten Zeitmomenten mit äusserster Schnelligkeit ab, so dass die Stetigkeit des wachen Bewusstseins nicht unterbrochen scheint. Ich kam auf diesen Gedanken durch den Versuch, das Geistersehen sowie die oft so erstaunlich treffenden Aussagen bei der Tischklopferei usw. natürlich zu erklären ... In dem Fall nun hätte die wissende Traumseele den Einfall, das Buch zu befragen, bei mir angeregt und mich im folgenden durchaus geleitet: das heisst ich verhielt mich in dem Augenblick bis auf den entscheidenden Griff meines Fingers hinaus partiell somnambül. Die wissende Traumseele nennen wir heute das Unbewusste, und wie Mörike verstehen wir die Trance (somnambül) als die Herrschaft des Unbewussten über das Bewusstsein. Bemerkenswert ist auch folgende Stelle, die vielleicht ein Erleuchtungserlebnis als den alles entscheidenden Augenblick definiert, wo gleichsam ein rascher Blitz des innersten Bewusstseins uns das, was wir besitzen und sind, in seiner ganzen Gestalt sehen lässt, in der überwältigenden Fülle seiner Wirklichkeit, während es dann scheint, als wäre man bisher nur in einem gewöhnlichen Traum befangen gewesen. In einem Brief an Theodor Storm (April 1854) erzählt er den närrischen casum, dass er für eine Novelle eine Handlung erfindet, die Uhland als alte Sage verifizieren kann. Ich war nicht wenig über das Zusammentreffen meines Scherzes mit dieser Erzählung erstaunt, da auch in den hintersten Kammern meines Gehirns nicht die leiseste Spur empfangener Überlieferung zu finden ist. Vernünftigerweise kann ich es mir freilich zuletzt nicht anders als auf solchem Wege erklären, oder wie? Hier ist ein Problem vorweggenommen, für das die Archetypen-Lehre eine Antwort bereithält, wo aber auch parapsychologische Deutungen möglich sind. |
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