| Aberglaube |
| Ein Glaube wider bessere Einsicht. Bei den Griechen bezeichnete deisidaimonia die Haltung, dem Göttlichen nicht vernünftig verehrend gegenüberzutreten, sondern ihm aus Furcht übertrieben und unwürdig zu begegnen. Denselben Sinn hat das lateinische superstitio (unbeschadet davon erschien den Griechen die römische Religion als Aberglaube). Der Begriff Aberglaube kam ins Deutsche entweder über das holländische overgeloof, Überglaube (dem widerspricht nicht unbedingt die Deutung Afterglaube = falscher Glaube), oder es wurde im 15. Jahrhundert dem lateinischen superstitio direkt nachgebildet. Aberglaube bezeichnet einen Glauben an die Wirkung wissenschaftlich nicht nachweisbarer, oft personifiziert gedachter Kräfte, die auch die jeweils herrschende Religion nicht anerkennt. Die Prädikatisierung stellt also immer ein relatives Urteil dar. Jacob Grimm schreibt in der Deutschen Mythologie: ... da, wo das christentum eine leere stelle gelassen hat, .. . wucherte der aberglaube oder überglaube. Tatsächlich finden sich im Aberglauben oft Survivals (Überlebsel) vergangener Glaubenslehren, die im neuen Kontext fehl am Platze sind. Solche Reste können als Handlungen, deren Ursprung und Sinn kaum mehr bekannt sind (dreimal auf Holz klopfen usw.), als missverstandenes Element in der offiziellen Glaubenswelt (etwa Germanisches im Christentum) oder als Vorurteil überleben (andererseits mögen auch Vorurteile mit pseudoreligiösen Argumenten gerechtfertigt werden). Für die Volkskunde ist der Aberglaube eine Fundgrube alter, zum Teil vorchristlicher Überlieferungen, die sich in Gebräuchen, in Zauberei, Orakel, in Abwehr oder Herbeiführung von Unheil erhalten haben. Diese abergläubischen Vorstellungen und Praktiken finden sich auch in aussereuropäischen Kulturen, deshalb wird das Wort Aberglaube in der Völkerkunde durch Volksglauben ersetzt oder tendenziös abwertend verwandt, nur selten bezeichnet es hier die religiösen Survivals. Für die Parapsychologie erscheinen beide Bezeichnungen sinnvoll: Volksglaube für das wichtige Reservoir vorwissenschaftlicher Erklärungen des Paranormalen, Aberglaube für eine Position, die die Parapsychologie ihrem aufklärerischen Selbstverständnis entsprechend dadurch bekämpfen will, dass sie ihr in „positiver Kritik des Aberglaubens“ die irrationale Legitimation entzieht. Diese psychohygienische Zielsetzung muss allerdings berücksichtigen, dass der Aberglaube vielfältige soziale Funktionen hat, so kann z. B. ein sozial schädlicher individueller Wahn aufgefangen werden durch Integrierung in ein kollektives, vom Aberglauben bestimmtes System Im Zuge der Aufklärung wurden gelegentlich alle nichtwissenschaftlichen Vorstellungen und die Inhalte traditioneller Wissenschaften zum Aberglauben gerechnet. Die Folge dieses Vorurteils war, dass Volks- und Völkerkunde hinter Aussagen, die auf ein paranormales Geschehen hinzuweisen schienen, nur selten einen historisch oder naturwissenschaftlich wahren Kern vermuteten. Die reichen Falldarstellungen dieser beiden Disziplinen müssen deshalb für die parapsychologische Kasuistik erst noch erschlossen werden. Eine scheinbar partiell antiaufklärerische Position wurde für die Theologie bereits von Horst (1830) vollzogen: Aus dem Dunkel des Aberglaubens geht oft das Licht der Wahrheit hervor, und dessen Unterlage beruht häufiger als wir glauben auf dem untergegangenen Rechtglauben. Und Lecomte du Noüy (1947) sieht im Aberglauben schlicht den Vorläufer des Glaubens. |
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