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Der Werwolf gilt als ein
Mensch, der sich nachts, entweder freiwillig oder unter irgendeinem Zwang,
in einen reissenden Wolf verwandelt und darauf aus ist, eine Beute zu finden
und zu töten.
Die Vorsilbe Wer ist vom lateinischen vir (Mann) abgeleitet, woraus deutlich
wird, dass Werwölfe fast ausschliefsslich männlichen Geschlechts sind. Fast
in allen Teilen der Welt finden sich dabei Wesen, die dem Werwolf
entsprechen: Wertiger in Indien, Werleoparden, Werhyänen und sogar
Werkrokodile in Afrika, ausserdem Werbären in Russland.
Der Glaube an Werwölfe hat tiefe Wurzeln: Die Werwolflegende reicht zurück
bis zu der Zeit, in der der prähistorische Mensch begann, zur Jagd
Tierverkleidungen anzulegen, um den Geist eines mächtigen Tieres zu
beschwören, von dem er hoffte, dessen Stärke verliehen zu bekommen. Sie
deutet zurück auf ein Sein, in dem der Rangunterschied zwischen Mensch und
Tier noch nicht zum klaren Bewusstsein gekommen war. Dieses noch miteinander
Verwobensein von Mensch und Tier hat den Glauben, dass sich Menschen in
Tiergestalten verwandeln können mit hervorgebracht. Dieser Glaube ist für
alle Naturvölker selbstverständlich und hat sich in die Hochkulturen
weitervererbt. Die Lykantrophie (gr.: lykanthropia, von Lykus = Wolf;
anthropos = Mann, Mensch) ist dabei die verhreitetste Vorstellung einer
Verwandlung.
In der Antike glaubten Vergil, Plinius, Agriopas, Herodot, Varro, Pomponius,
Mela, Solinus, Ovid, Strabon, Petronius, Apuleius, dass es tatsächlich
Lykanthropen, also Wolfsmenschen, gebe, lm Mittelalter taucht der Glaube in
ganz Europa von neuem auf. Die Kirche untersuchte das Phänomen und gab vor,
Hexenmeister gefunden zu haben, die sich mit Hilfe einer Hexensalbe in
Werwölfe verwandeln könnten. Jagte man den Wolf und brachte ihm Wunden bei,
fand man diese Wunden an dem Menschen, in den sich der Wolf zurückverwandelt
hatte.
Zahlreich waren die Fälle, in denen sich Menschen vor Gericht verantworten
mussten, weil man sie für Werwölfe hielt. Der erste Werwolfprozess fand 1521
in Besancon statt. Die Angeklagten Pierre Burgot und Michel gestanden, sich
durch Salben in Wölfe verwandelt und mehrere Menschen, besonders junge
Mädchen, getötet zu haben, um erst in ihrem Blut zu schwelgen und sie
daraufhin zu verschlingen. Ferner gaben sie zu, mit Wölfinnen unter höchster
Lust kopuliert zu haben. Nicht alle Geständnisse der „Werwölfe“ entsprangen
dabei der Folter, nicht selten zeigte sich bei den Angeklagten eine Lust zur
Selbstbezichtigung.
„Haare, Mond und Blut“ bilden, so Cecil Helrnan in seiner Schrift Körper
Mythen (1991), den Kern des Werwolfmythos. Das lange Haar ist ein Symbol der
weiblichen Geschlechtlichkeit, das kurze zottelige Haar des Werwolfes
symbolisiert den Wunsch des Menschen nach der Praktizierung einer
bestialischen Sexualität, die keiner moralischen Hemmung unterworfen ist,
und zugleich die Angst vor ihr. Der Mond verweist auf das weiblich
Unbewusste, aber auch auf das Triebhafte und damit auch wieder auf die
Sexualität. Das Blut endlich erhält durch die Menstruation der Frau
ebenfalls eine weiblich-geschlechtliche Note, zugleich verweist es aber auch
auf die unersättliche Fressgier des Werwolfes.
Ein Geschöpf mit solch symbolischer Kraft wirkte auf viele Menschen derart
suggestiv, dass sie unter Befolgung komplizierter Rituale versuchten, sich
in Werwölfe zu verwandeln. Dass dieser Versuch zumindest im Geiste
erfolgreich sein könnte, darf nicht bezweifelt werden. Die Suggestionskraft
des Werwolfes hat natürlich auch auf die Kunst und hier insbesondere auf die
Literatur abgefärbt. Dort ist er seit der Antike in Sage und Erzählung
bekannt. Einen Aufschwung hat die Werwolfserzählung in der Romantik
erfahren.
Die Struktur der Werwolfsgeschichten ist häufig nach folgendem Grundraster
aufgebaut: Warum wurde jemand zum Werwolf (Pakt mit demTeufel, Fluch), wie
und wann geht die Verwandlung vor sich, wie und wann findet die Tötung des
Werwolfs (durch eine Silberkugel) statt, die zugleich seine Erlösung
bedeutet.
Eine weitere Quelle für den Glauben an Werwölfe mag vor allem in den
gelegentlich bei Menschen auftretenden biologischen Atavismen zu suchen
sein. Einen wichtigen Atavismus bilden hier die sogenannten „Haarmenschen“
oder Löwenmenschen, bei denen der ganze Körper, einschliesslich dem Gesicht,
behaart ist. Eine andere äussere Anregung hat man wahrscheinlich in den
verwahrlosten, „wilden Kindern“ gefunden. Dieser Begriff umfasst Kinder, die
milieubedingt kaum eine Erziehung genossen haben, oder die seltenen Fälle
von „Wolfskindern“, bei denen es sich wahrscheinlich um ausgesetzte oder
verlorene Kinder handelt, die von Wölfen angenommen und grossgezogen wurden.
Eine Mixtur aus Werwolflegende, Haarmensch und Wolfskind begegnet uns bei
der im Mittelalter weit verbreiteten Vorstellung vom Wilden Mann. Der sich
auf allen Vieren fortbewegende wilde Mann bricht in menschliche Siedlungen
ein und soll sich in erster Linie von geraubten Kindern ernähren. |