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Wer jemals bewusst einen
Säugling beim Saugen an der Mutterbrust beobachtet hat, dem wird die
Behauptung, dass das Säugetier Mensch ein Vampir ist, vielleicht gar nicht
so absurd erscheinen.
Nach Sigmund Freud befindet sich das Kind im ersten Lebensjahr im
sogenannten oralen Stadium. Für den Neugeborenen ist dies die erste Phase
seiner sexuellen Entwicklung. Alle Vergnügungen werden dem Kind wesentlich
über den Mund und das Saugen vermittelt. Der Mund, besonders die Lippen sind
daher phantastische erogene Zonen, das Saugen und die Befriedigung des
Hungers verschaffen höchste Lust.
Der Psychoanalytiker Karl Abraham hat das erste Lebensjahr noch in zwei
unterschiedliche Perioden unterteilt: in das frühe orale Stadium von 0-6
Monaten, in dem alles Vergnügen gleichbedeutend mit Saugen ist, und in die
darauftolgende sadistische orale Phase, die mit dem Zahnen und der Lust zu
beissen einsetzt. Sadistische Beisslust, sexuelle Befriedigung beim
Einsaugen des „weissen Blutes“ aus der Mutterbrust, damit erfüllt der
Säugling gewissermassen die Grundvoraussetzung, um als Vampir zu gelten.
Es darf daher kaum verwundern, dass die Vorstellung vom Vampir als einem
Wesen, das vom Blut und der Kraft anderer Menschen lebt, uns weltweit
begegnet. Dabei war der Sauger keineswegs immer so attraktiv und
aristokratisch wie Bram Stokers Graf Dracula, der nicht zuletzt durch
zahlreiche Verfilmungen gewissermassen zum Prototyp des Vampirs avancierte.
Die Volkskundler haben herausgefunden, dass der Vampir Merkmale aus fünf
verschiedenen Kategorien magischer Glaubensvorstellungen in sich vereint:
Erstens die Wiedergänger; zweitens die alp-ähnlichen, nächtlichen
heimsuchenden Geister; drittens Wesen von der Art der blutsaugenden Stryx
des Altertums; viertens Hexen aus slawischen und balkanischen Gebieten, die
auch nach ihrem Tod noch Schaden anrichten, und fünftens die Werwölfe, das
heisst Personen, die die Gestalt eines Wolfes annehmen können, um Menschen
anzufallen und zu verschlingen.
Obgleich die Sagen und Mythen aller Völker von Vampiren bzw. von saugenden
und nagenden Geschöpfen berichten, haben diese Wesenheiten doch, wie die
oben genannten Grundkategorien belegen, verschiedene Ausprägungen und
Ursprünge aufzuweisen. Die Gruppe der Wiedergänger, also der Toten, die
Nachts ihre Gräber verlassen - und die gerade für die Ausbildung des
modernen westlichen Vampirs von entscheidender Bedeutung war - taucht z.B.
nur dort auf, wo die Erdbestattung üblich ist. Regionen, in denen die
Feuerbestattung Brauch ist, wie etwa in Indien, kennen diese Form der
wiederkehrenden Untoten nicht.
Seine weltweite Verbreitung und die Vielfalt an regionalen Überlieferungen
hat dem Vampir viele Namen gegeben. Mit den Worten Vrykolakes, brykilakas,
barabarlakos, boborlakos oder bourdoulakos kann man ihn allein im
Griechischen benennen. Das Sanskrit kennt die Worte katakhanoso oder baital
für ihn. Im Russischen nennt man ihn upiry, im Polnischen upiroy, im
Deutschen belegte man ihn einst vornehmlich mit der Bezeichnung Blutsauger.
In China nannte man einen bluttrinkenden Dämonen giang shi.
Der Ursprung des Wortes Vampir seibst gibt Rätsel auf. Wahrscheinlich ist
der Begriff nicht - wie lange Zeit angenommen - serbischen, sondern
makedonischen Ursprungs. Nach dieser Annahme wäre er aus dem Wort opyr - „
fliegendes Wesen“ - hervorgegangen. Dieser opyr wanderte dann in die
slawischen Sprachen als vanpir, vapir oder upiry ein.
Im Deutschen wurde erstmals 1725 in einem Bericht aus Serbien an die
kaiserliche Administration in Wien die Pluralform Vanpiri benutzt, also eine
latinisierte Wiedergabe des mittlerweile im slawischen bzw. serbischen
eingebürgerten Wortes Vanpir.
Ab den dreissiger Jahres des 18.Jahrhunderts setzte sich in Deutschland -
nach einigen Variationen wie Vanrpyri oder vapiers - dann endgültig das Wort
Vampir durch und gelangte von dort aus in die übrigen germanischen bzw.
romanischen Sprachen.
Zunächst wurden mit dem Wort Vampir nur Verstorbene bezeichnet, die Nachts
ihre Gräber verlassen, um Lebenden das Blut auszusaugen. Doch noch im 18.
Jahrhundert weitete Voltaire den Begriff soziologisch aus, indem er auf die
„Blutsaugerei“ der Wucherer verwies. Im heutigen allgemeinen Sprachgebrauch
kann das Wort auf jede Form von parasitärer oder raubtierhafter Existenz
verweisen, gleichgültig ob damit ein widernatürlich weiterlebender Untoter
gemeint ist oder ein äusserst diesseitiges und vitales Ausbeuternaturell.
Der englische Okkultist Montngue Summers (1880-1948), der Ende der zwanziger
Jahre zwei materialreiche Bände zum Vampirismus verfasste – The Vampire His
Kith and Kin (1928); The Vampire in Europe (1929) - und damit einen
Grundstock zur Vampirforschung legte, definierte die Vampire als
Verstorbene, die ein Leben von mehr als normaler Intensität und ungezügelter
Schändlichkeit geführt haben. Menschen von unreinen, ungeheuerlichen und
selbstsüchtigen Leidenschaften, bösen Begierden, der Grausamkeit und dem
Blute frönend.
Über ihr Erscheinungsbild schreibt er: „Ein Vampir wird im allgemeinen als
ühermässig gross und hager, mit abstossendem Äusseren und Augen beschrieben,
in denen das rote Feuer der Verdammnis glüht. Hat er jedoch seine Lust auf
warmes Menschenblut gestillt, wird sein Körper grausig aufgebläht und
gedunsen, als wäre er ein grosser, bis zum Platzen vollgesogener und
gefüllter Blutegel. Kalt wie Eis oder auch fiebrig und brennend wie glühende
Kohlen, ist die Haut totenbleich, doch die Lippen sind sehr voll und
schwellend, schmatzend und rot; die Zähne weiss und glänzend und die
Fangzähne, die er tief in den Hals seiner Beute schlägt, um dort die
Lebensströme zu saugen, welche seinen Körper neu beleben und all seine
Kräfte stärken, scheinen bemerkenswert scharf und spitz.“
Summers, der diesen Untoten durchaus einen gewissen Realitätswert beimass,
hat sein Bild des Vampirs aus alten Quellen und Dokumenten zusammengetragen.
Eine Hauptquelle bildeten dabei historische Materalien über die Vampirpanik
zu Beginn des 18. Jahrhunderts, die im Südosten des damaligen
Habsburgerreiches aufkam. Die betroffene Bevölkerung dieser Region hielt den
Vampir für eine Realität. Damalige Ärzte, Theologen und Gelehrte haben sich
zu diesen Vorfällen in zahlreichen Veröffentlichungen geäussert. Bekannt
wurden vor allem folgende zwei Werke: Augustini Calmet: Gelehrte
Verhandlungen von denen sogenannten Vampiren oder zurückkommenden
Verstorbenen in Ungarn, Mähren, etc. (1746) und Michael Ranffts Schrift:
Über das Kauen und Schmatzen der Todten in Gräbern (1728).
Um sein pervertiertes Leben als Untoter fortführen zu können, benötigt der
Vampir vor allem eines: Blut. Blut galt gerade in den alten Kulturen als
Quelle allen Lebens. Deshalb glaubten die Krieger einiger
Naturgesellschaften, ihre eigene Lebenskraft stärken oder erneuern zu
können, wenn sie ihren Körper mit Blut beschmierten oder Blut tranken. Im
Alten Testament heisst es im Fünften Buch Mose (12.23).: „ ... das Blut ist
die Seele.“ Und in Bram Stokers Dracula ruft der dem blutsaugenden Grafen
verfallene Renfield aus: „Das Blut ist das Leben.“
Allerdings ist Blut eine Substanz, die sehr ambivalente Emotionen
hervorrufen kann. Vor allem dann. wenn es geflossen ist, erweckt es die
gegenteilige Assoziation von Leben - nämlich die des Todes. Ebenso
ambivalent wie der Stoff Blut ist auch die Farbe Blut: Die Elementarfarbe
Rot. Sie ist anziehend und abstossend zugleich, die Farbe von Begierde und
Entsetzen, von Lust und Untergang - und von der Lust am Untergang. Die Farbe
Rot ist die Farbe der Wollust und Sexualität. Wo die Geschlechtslust in das
Lasterhafte hinabsinkt, bildet sich ein „Rotlichtmilieu“.
Ebenso polar wie das Blut und die Farbe rot ist auch der Geschlechtstrieb.
Er ist der Garant für die Schaffung neuen Lebens, in seiner Übersteigerung
und Enthemmung steht er jedoch für Krankheit und Tod. Der Vampir, wie wir
ihn aus Mythos und der phantastischen Literatur kennen, ist die Verkörperung
dieser dämonischen Seite der Sexualität. Der Biss des Vampirs besitzt eine
unleugbar sexuelle Komponente. Dämonisch, d.h. zerstörerisch, können beide
Geschlechter sein: Dracula, das männliche Raubtier, vergeht sich mit
Vorliebe an jungen, geschlechtsreifen Frauen, und damit Frauen, die fähig
wären, neues Leben zu empfangen. Der weibliche Vampir, eng verwandt mit der
Femme fatale oder dem Vamp, saugt den Männern ihr letztes Blut aus, was hier
auch gleichbedeutend sein kann mit Sperma. Sperma galt häufig als eine noch
konzentriertere Form der Lebensenergie als das Blut. Die Sexualität, die dem
Mann das Sperma raubt, gefährdet in entfachter Liebestollheit somit seine
Kraft. Der Vamp ist dabei nie Mutter, das Sperma fällt bei ihr auf
unfruchtbaren Boden. Die Femme fatale personifizierte also eine „Krankheit
zum Tode“,
Die starke Verbindung, die der Vampir mit der Sexualität eingeht, aber auch
mit anderen Leidenschaften wie Macht, Sucht, Ausbeutung, Krankheit,
Verbrechen, hat ihn - was in Norbert Borrmanns Buch Vampirismus oder die
Sehnsucht nach Unsterblichkeit (3. Aufl. 1999) umfassend dargestellt wird -
für die phantastische Literatur zur attraktivsten Verkörperung des „Bösen“
werden lassen, und zwar mit soviel Erfolg, dass er darin mittlerweile selbst
Gottes offiziellen Widerpart, den Teufel, an Popularität übertroffen haben
dürfte. Unübertrefflich ist der Vampir auch als Schreckensgestalt auf der
Leinwand, denn die Gattung des Horrorfilms „nährt“ sich vortrefflich vom
Vampirmythos, und die Figur, die am häufigsten in diesem Genre dargestellt
wurde, ist die des Grafen Dracula.
Der britische Filmpublizist David Pirie sieht in seinem Buch Vampir Filmkult
(1977) den Grund dafür dass dem Leinwandvampir ein so glänzender Erfolg
beschieden ist in folgenden Ursachen: „Wohl kaum eine andere übernatürliche
und religiöse Konzeption entspricht mehr der zweiten Hälfte des zwanzigsten
Jahrhunderts als der Vampir. Im Zusammenhang mit dem Schwinden religiöser
Überzeugungen ist der Vampirismus weiterhin die sinnlichste, am wenigsten
vergeistigte aller überwirklichen Offenbarungen. Er stellt den Triumph des
Geschlechtlichen über den Tod, des Fleisches über den Geist und der Materie
über das Unsichtbare dar. Er negiert fast alles ausser der rein physischen
Sinnesbefriedigung. Von allen denkbaren Kosmologien ist er die
materialistischste ... Gerade wegen dieser sinnlich wahrnehmbaren,
dreidimensionalen Beschaffenheit wurde er zu einem derart
vielversprechenden, finanziell ergiebigen Filmgegenstand. Gespenster,
Werwölfe, Polstergeister und sonstige überwirkliche Erscheinungen sind auf
der Leinwand häufig unbefriedigend und zuweilen lächerlich. Sie lassen sich
viel leichter literarisch behandeln. Der Vampir lebt jedoch geradezu von dem
Stoff, aus dem sich Wunschdenken und Träume, die Urbestandteile des
Filmerlebnisses zusammensetzen. Er oder sie wird zum Brennpunkt all unserer
lebhaftesten, tiefverdrängten Phantasien. In dieser Beziehung ist der Vampir
den gigantischen Phantasiegestalten, die uns die Filmgesellschaften als
Stars darbieten, nicht ganz unähnlich.“ |