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Tiermenschen

Die Metamorphose von Menschen zu Tieren ist eine Fähigkeit, die bereits den Göttern und Helden der Mythologie, aber auch Zauberern und Eingeweihten zugeschrieben wurde. Der Gott Odin verwandelte sich in einen Adler, Zeus in einen Schwan, sein römischer Pendant Jupiter in einen Stier. Das Tier, in das sich der Mensch am häufigsten verwandelt, ist der Wolf bzw. Werwolf. Die Werwolflegende reicht zurück bis in die Zeit, in der der prähistorische Mensch begann, zur Jagd Tierverkleidungen anzulegen, um den Geist eines mächtigen Tieres zu beschwören, von dem er hoffte, dessen Stärke verliehen zu bekommen. Derartige Vorstellungen deuten zurück auf ein Sein, in dem der Rangunterschied zwischen Mensch und Tier noch nicht zum klaren Bewusstsein gelangt war. Der noch im engen Kontakt mit der Natur lebende Mensch fand zwischen sich und seinen tierischen Nachbarn soviel Gemeinsamkeiten bezüglich seiner Lebensweise und Bedürfnisse, Leidenschaft, Lust, Leid, Krankheit und Tod, dass er die Grenzen zwischen sich und dem Tier oft als fliessend erlebte.
Dieses noch Miteinanderverwobensein von Mensch und Tier mag mit zur Erschaffung jener geheimnisvollen Mischwesen wie den Sphinxen, Zentauren oder Stiermenschen geführt haben. Daraus wird auch verständlich, dass der frühe, mit magischen Vorstellungen durchtränkte Mensch daran glaubte, dass Menschenseelen in Tierleiber schlüpfen können oder gar, dass der Mensch sich in ein Tier verwandeln kann, das er wegen seiner Kraft und Schnelligkeit bewunderte. Der Glaube an eine solche Verwandlung ist für alle Naturvölker selbstverständlich und hat in vielen Hochkulturen weitergewirkt.
Neben einer freiwilligen Verwandlung in ein Tier oder Tierwesen kennen wir vor allem aus dem Bereich der Sage und des Märchens die Vorstellung einer unfreiwilligen Verwandlung des Menschen in Tiergestalt, meist aufgrund eines Verwunschenwerdens von einem bösen Zauberer oder einer Hexe. Manchmal kann die Tiergestalt aber auch als Strafe für ein schändliches Leben folgen. Besonders häufige Seelenerscheinungen sind Hund und Katze. Weisse Katzen sind verwunschene Prinzessinnen. Auch Kinder, die nicht vorschriftsmässig getauft wurden, sollen in dieser Gestalt erscheinen können. Der Hund, wenn in Wirklichkeit ein Mensch in ihm steckt, ist oft schwarz und hat feurig glühende Augen. Diese Gestalt nehmen angeblich bevorzugt Selbstmörder, Gotteslästerer und ledige Schlossjungfrauen an. Aber auch die Seele eines noch lebenden Menschen kann Tiergestalt annehmen und in dieser herumschweifen, während der Mensch schläft.

 

 

 

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