|
Ägyptisches Steinbild
eines am Boden liegenden Löwen mit Menschenhaupt.
Manchmal trägt das Antlitz der Sphinx die Porträtzüge eines Königs. Die
Sphinx soll die Gräber und Tempel bewachen. In den Strassen von Karnak
tragen die Sphinxen den Kopf eines Hammels, des geheiligten Tieres des
Gottes Ammon. Am bekanntesten ist die grosse Sphinx von Gizeh bei den
Pyramiden in Kairo. Im Neuen Reich (um 1551-712 v.Chr.) galt die Sphinx als
Abbildung des Sonnengottes Horus und stand auch in kultischer Beziehung zu
ihm. Alleen von Sphinxen führten bei ägyptischen Tempeln zu den
Eingangsbauten. In ihrer monumentalen Schweigsamkeit scheinen sie Hüter
eines zu Stein gewordenen Geheimnisses zu sein.
Auch die assyrische und hethitische Kunst kennt Sphinxe als Wächter von
Palasteingängen. In Griechenland, wohin durch die orphyischen Mysterien
ägyptische Einflüsse gelangten, nahm die Sphinx eine eindeutig weibliche
Gestalt an. Sie erscheint hier als geflügelter Löwenkörper mit den Brüsten
und dem Kopf einer Frau.
Die Sphinx mutiert in Griechenland zu einem mörderischen Wesen. Nicht
umsonst ist der Name Sphinx, den ihr erst die Griechen verliehen haben, vom
griechischen sphiggo = würgen, abgeleitet. Man berichtet, eine Sphinx habe
das Land Theben verwüstet, indem sie den Männern Rätsel aufgab, und
diejenigen, die sie nicht lösen konnten, verschlang. Ödipus, den Sohn der
Jokaste, fragte sie einst: „Welches Wesen hat vier Füsse, zwei Füsse oder
drei Füsse und ist, je mehr Füsse es hat, um so schwächer?“ Ödipus war der
einzige, dem es gelang, die richtige Antwort zu finden: Der Mensch, der als
Kind auf vier Füssen kriecht, als Erwachsener auf zwei Füssen geht und sich
im Alter auf einen Stock stützt. Daraufhin stürzte sich die Sphinx - die
anscheinend eine schlechte Verliererin bei ihrem Fragespiel war - vom Gipfel
ihres Berges in den Abgrund. Zweifellos hat der griechische Mythos mit dazu
beigetragen, in der Sphinx ein ewiges Rätsel zu sehen, das hinter ihrem
eigenartigem Lächeln verborgen liegt. Der Schwarzmagier Aleister Crowley
deutete die Sphinx als eine Metapher der Menschheit. |