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Rais, Gilles de

Kampfgefährte Jeanne d'Arcs, der später zum Schwarzmagier und Kinderschlächter wurde.
Gilles de Rais (1404-1440), der als „heiliges Ungeheuer“, „französischer Dracula“ und Ritter Blaubart in die Schreckensmythologie einging, entstammte dem bretonischen Hochadel. Im französischen Freiheitskampf gegen die Engländer war Gilles de Rais beständiger Begleiter und Leibwächter von Jeanne d'Arc, die später von der katholischen Kirche selig- und heilig gesprochen wurde. Anlässlich der Krönungsfeierlichkeiten von Karl VII. in Reims (1429) erhielt Gilles, erst fünfundzwanzigjährig, von dem neuen und mit ihm befreundeten König den Rang eines Marschalls von Frankreich verliehen.
Vier Jahre später zog er sich jedoch bereits auf seine Güter zurück und begann ein Leben der Verschwendung und Ausschweifung. Der Krieg hatte Gilles Gelegenheit geboten, seine leidenschaftliche Natur auszuleben. Den Rausch der Schlacht pflegte er noch durch einen ausschweifenden Alkoholkonsum zu steigern. Sobald er jedoch aufhörte, Krieg zu führen, nahm sein Leben einen beklagenswerten Verlauf. Sein exzessiver Charakter konnte sich jetzt nicht mehr im Krieg verwirklichen, sondern musste sich neue Ventile suchen, die ihn unversehens auf die Bahn des Verbrechens führten. Wie gering der Sprung vorn umjubelten Kriegshelden zum gemeinen Mörder sein kann, deutet eine Äusserung von C.G. Jung an, der betonte, es sei anhand von Charakter und Anlage eines Menschen oft schwer zu sagen, ob er ein tüchtiger Fleischermeister, ein nationaler Kriegsheld oder ein Massenmörder werde, da die menschlichen Voraussetzungen für diese Berufe stärkere Parallelen aufweisen. Nachdem Gilles kein Held mehr sein konnte, wurde er ein Schlächter von Kindern. Doch bevor es soweit kam, lebte sich Gilles leidenschaftliches Wesen zunächst in einer beispiellosen Verschwendung aus. Er liess sich nach seiner Ernennung zum Marschall von Frankreich ein geradezu königliches Wappen bewilligen, inszenierte gewaltige dramatische Aufführungen, bei denen verschwenderisch Speisen und Getränke verteilt wurden, und wenn er auf Reisen ging, musste ihn eine umfangreiche und prunkvolle Eskorte begleiten.
Als ihm bei diesem Lebensstil das Geld ausging, suchte der französische Edelmann einen Pakt mit dem Teufel. Gemeinsam mit einigen Helfershelfern übte er sich in der Beschwörung von Dämonen und in alchemistischen Praktiken, um Gold zu erzeugen. Aber weder Gold noch Teufel stellten sich ein, obwohl Gilles bald zum äussersten Mittel griff und ein Kind dem Satan opferte. Doch der Höllenfürst verschmähte auch weiterhin ein Rendezvous mit dem „heiligen Ungeheuer“. Obwohl Gilles also in jeder Beziehung leer ausgegangen war, offenbarte das Böse bald auf andere Weise seine Magie an ihm. Es zeigte seine Suggestionskraft gerade darin, dass es um seiner selbst Willen getan werden wollte. Gilles de Rais tötete weiter, und je mehr er tötete, desto stärker traten die Satansanrufungen zurück, wurden nur noch schmückendes Beiwerk und vordergründige Legitimation. Bald tötete, schlachtete und quälte er seine unschuldigen Opfer nur noch aus der pervertierten Lust am Bösen selbst.
In Joris Karl Huysmans (1848-1907) Roman Tief Unten (1891) verfasst der Held der Geschichte, Durtal, eine Studie über Gilles de Rais. Dort lässt er verlauten, dass das Böse, des Bösen willen zu tun, im Grunde genommen nicht abwegiger sei als das Gute des Guten willen. Es seien lediglich zwei entgegengesetzte Pole der Seele, die sich im 15. Jahrhundert exemplarisch in den beiden ehemaligen Kampfgefährten, der Heiligen Johanna von Orleans und dem rasenden Satansjünger Gilles de Rais verkörperten. Gilles de Rais gab sich alle Mühe, den dunklen Pol vollkommen zu besetzen. Er war ein manischer Sadist, ein exzessiver Nekromane, ein Rasender des Bösen. Die Köpfe, die er seinen Opfern abschlug, zeigte er gelegentlich seinen Helfern, um zu fragen, welcher der schönste sei: der von heute, der von gestern oder der von vorgestern. Die genaue Zahl der Opfer Gilles de Rais' ist unbestimmbar. Mindestens 140 Morde können ihm jedoch nachgewiesen werden. Das Alter der getöteten Kinder lag in der Regel zwischen 7-15 Jahren. Das Geschlecht variierte, doch zweifellos zog der Homosexuelle Gilles Knaben vor. Ein wichtiges Auswahlkriterium für die Opfer bildete neben Alter und Geschlecht die körperliche Schönheit.
Die Verbrechen des Gilles de Rais, der von seinen Häschern ganze Landstriche nach geeigneten Opfern durchforsten liess, konnten nur deshalb so lange ungesühnt bleiben, weil sich die Eltern der geraubten Kinder vor Repressalien von ihrem Feudalherrn, dem Marschall von Frankreich, fürchteten. Erst der Bischof von Nantes konnte das langjährige Wüten beenden. Sowohl von einem kirchlichen als auch von einem weltlichen Gericht wurde Gilles de Rais 1440 zum Tode verurteilt. Die Anklagepunkte lauteten, dass er „Ketzer, Rückfälliger, Zauberer, Sodomit, Beschwörer böser Geister, Divinateur, Würger Unschuldiger, Apostat, Götzendiener, vom Glauben abgewichen und feind, Wahrsager und Hexenmeister war und ist.“ Unter Reuebekenntnissen, Schluchzen und einer derartigen Flut von Tränen, dass er selbst das bei seiner Hinrichtung anwesende Volk, worunter sich auch die Eltern der zahlreichen Opfer befanden, rührte, schritt das „heilige Ungeheuer“ in den Tod. Trotzdem müssen seine Verbrechen wie ein Fluch auf seiner Familie gelegen haben. 1502 war das Haus von Rais vollkommen ausgestorben. Ein zeitgenössischer Kommentator äusserte dazu: „Schliesslich hatte Gott der Schöpfer kein Gefallen mehr an diesem Haus, das einst einmal so mächtig war, so dass keine Kinder mehr daraus hervorgingen und es dem Verlöschen anheimfiel.“

 

 

 

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