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Priester, Der Abtrünnige

Die christliche Eucharistiefeier vollzieht ein Priester, ein Stellvertreter Gottes auf Erden. Durch das Zölibat bekundet er seine ausschliessliche Bindung an Gott, sein vorbildliches Leben soll seine Gemeinde zur Nachahmung anregen. Er verfügt über die Kraft, Hostie und Wein in Leib und Blut Christi zu verwandeln. Er besitzt also in einem gewissen Sinn Macht über Gott - eine Macht, die ihm mit dem Ablegen seiner priesterlichen Gelübde von Gott selbst unwiderruflich übereignet wurde. Diese Macht behält der Priester auch dann, wenn er wegen schwerer Verfehlungen aus der Kirchengemeinde ausgeschlossen oder exkommuniziert wird. Das macht die Unentbehrlichkeit eines abtrünnigen Priesters für die Schwarze Messe verständlich; denn wenn der Satanismus sich auch als eine eigenständige Religion wähnt, so hängt er mit seinem fanatischem Hass auf den Erlösergott doch von dem Glauben an ihn ab. Daher gelten von einem Priester gewandelte Hostien bei der Schwarzen Messe als unentbehrlich. Erst sie, die für die göttliche Präsenz stehen, ermöglichen den höchsten Grad der Versündigung an Gott. Und so wie die Schwarze Messe eine Pervertierung des christlichen Gottesdienstes darstellt, so erwartet man von einem abtrünnigen Priester auch, dass er ein besonders verwerfliches Leben führt. Hierin gleicht er übrigens dem Teufel - dem gefallenen Engel.
Aufgrund dieses Tatbestandes ist der abtrünnige Priester auch eine beliebte Figur in der Literatur des Schreckens. So ist z.B. in Gustav Meyrinks (1868-1932) Erzählung Meister Leonhard der Priester ein blutschänderischer Liebhaber seiner Schwester und zudem noch ein Muttermörder, der „sich in Schänken mit Dirnen und Strolchen“ berauscht.
Die Gedanken des geistlichen Ich-Erzählers in Franz Werfels (1890-1945) Romanfragment Die schwarze Messe umkreisen nur ein Thema: Die Wollust.
In Joris Karl Huysmans (1848-1907) Metaphysik des Bösen Tief Unten hat sich der Kanonikus Dorre mit aller Inbrunst der Lästerung des Heiligen ergeben: „Er beschwört den Teufel, füttert weisse Mäuse mit Hostien, die er geweiht. Seine schänderische Wut geht so weit, dass er sich auf die Fusssohlen das Zeichen des Kreuzes hat tätowieren lassen, um ständig auf den Heiland treten zu können.“
In Dennis Wheatleys (1897-1977) gelungenem Horrorroman The Devils ride out (Diener der Finsternis), ist es der ehemalige Priester Mocata, der mit Hilfe des Teufels und der Apokalyptischen Reiter nach irdischer Allmacht giert.
Der abtrünnige Priester ist eine Symbolfigur für das nicht seltene Scheitern des Menschen in dem Streben nach Licht, Heiligkeit und dem Guten. Sein Misslingen schlägt in Hass und finsteren Neid um. Weil der Weg zum Höchsten für ihn zu steil und dornig war, bereitet es dem abtrünnigen Priester besondere Wonne, im tiefsten Höllensud zu suhlen. Beim abtrünnigen Priester ist der Versuch, den Nachtseiten des Lebens und seinen eigenen Trieben abzuschwören, vollkommen fehlgeschlagen und gewissermassen nach hinten Iosgegangen. Gerade sein Wunsch, nur noch „heilig“, zu sein hat jede „Versuchung“ in ihm ins Monströse anschwellen lassen, bis endlich alle Dämme gesprengt waren und er vollkommen dem Bösen erlag.

 

 

 

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