|
Der Glaube an Nachzehrer
war vor allem in Niedersachsen, Ostpommern/Westpreussen und im Hannoverschen
Wendland verbreitet.
Der Nachzehrer ist ein naher Verwandter des Vampirs. Allerdings verlässt er
nicht sein Grab, um das Blut der Lebenden auf direktem Wege zu trinken,
sondern er bleibt als Iebender Leichnam in seinem Grab liegen und saugt oder
kaut an seinem Leichenhemd, seinem Totenlaken, seinen Händen oder anderen
Dingen. Dadurch kann er seinen lebenden Angehörigen oder anderen Menschen,
auf die er seine Gedanken richtet, per Fernwirkung das Blut und die
Lebenskraft entziehen. Davon nährt er seine unheimliche Existenz und zieht
seine Opfer zu sich ins Grab nach. Der Glaube an Nachzehrer basiert auf der
Angst, ein Toter könne Lebende zu sich holen, was vor dem Hintergrund von
ansteckenden Krankheiten oder Epidemien erklärlich wird. Besonders beim Tod
von Wöchnerinnen fürchtete man das Nachzehren.
In einer um 1600 in Lauban gehaltenen Predigt des Pastors Martin Böhm heisst
es: „Man hat in Pestilenzzeiten erfahren, dass tote Leute, sonderlich
Weibespersonen, die an der Pest gestorben, im Grabe ein Schmätzchen
getrieben, als eine Saw, wenn sie isset: und dass bey solchem Schmätzen, die
Pest heftig zugenommen und gemeiniglich im selben Geschlecht die Leute
häufig nach einander gestorben.“ Selbst Kinder, die bei der Geburt noch die
Embryonalhaut (Mütze, Glückshaube) auf dem Kopf tragen - was in anderen
Gegenden häufig als glückliches Zeichen gedeutet wurde -, sollen nach dem
genannten Volksglauben zum Nachzehrer werden. Auch Säuglingen, die mit
Zähnen auf die Welt kommen - was immer und überall als suspekt galt - stand
angeblich ein Nachzehrertum bevor.
Das Nachzehren versuchte man mit verschiedenen Mitteln zu bekämpfen. Eine
beliebte Methode war, dem Toten einen Pfahl durch die Brust zu schlagen, den
Kopf abzutrennen und ihn zwischen die Beine zu legen, den Leichnam zu
fesseln oder mit Dornengesträuch zu bedecken. Als wichtig wurde erachtet,
dass nichts in die Nähe des Mundes kam, woran dieser saugen könnte. In
einigen Gegenden war der Nachzehrer auch unter der Bezeichnung Neuntöter
bekannt. |