|
Die Gestalt des Dr.
Mabuse beruht auf den Romanen von Norbert Jaques, der folgende Werke über
Mabuse veröffentlichte: Dr. Mabuse, der Spieler (1921/22); Ingenieur Mars
(1923); Mabuses Kolonie oder N.J. sucht Kristina (Romanfragment 1930); Das
Testament des Dr. Mabuse oder Mabuses letztes Spiel: Roman eines Dämons
(1932/1950).
Dass Mabuse zum Mythos wurde, lag jedoch weniger an den erfolgreichen
Mabuse-Romanen von Norbert Jaques als an den noch erfolgreicheren,
grossartigen Mabuse Verfilmungen von Fritz Lang, nämlich: Dr. Mabuse
derSpieler. "Teil 1: Der grosse Spieler - Ein Bilder der Zeit. Teil 2:
Inferno, ein Spiel von Menschen unserer Zeit (1921/22); Das Testament des
Dr. Mabuse (1932/33); Die 1000 Augen des Dr. Mabuse (1960).
Mabuse ist der Verbrecher als Genie. In ihm verbinden sich Magier und kalter
Rechner, Künstler und überragender Stratege des Verbrechens. Er mordet und
raubt nicht des blossen Besitzes wegen. Seine Bedürfnisse reichen weiter und
sind erlesener: Er will den Rausch der Macht und die sinnliche Befriedigung
durch das Verbrechen. Die in dem ersten Mabusefilm eingesetzten Texttafeln
greifen noch stärker als die Buchvorlage Mabuses Gedankennähe zu Nietzsches
Machtphilosphie und sein Tyrannentum auf.
So heisst es z.B.: „Es gibt keine Liebe / es gibt nur Begehren! Es gibt kein
Glück / es gibt nur Willen zur Macht! ...Jetzt soll die Welt erst erfahren,
/ wer ich bin, - ich! Mabuse! - ein Titan, der Gesetze urrd Götter
durcheinanderwirbelt wie dürres Laub!!“
Mabuses Psyche steht für eine ganze Reihe dumpfer, schwerer Triebe, aber
auch befeuernder Leidenschaften: für das wild Triebgebundene, schlechthin
das Atavistische, für die uneingeschränkte Gier nach Macht, Sadismus, Hang
zur Nekrophilie, Verbrechertum, Oralsex und Verschlingungstrieb, für das
Suggestive und Mediale, für seelische Verödung, Vereinsamung und
Psychopathie, für Suchtcharakter, Masslosigkeit, Grössenwahn, Spieler- und
Schauspielernaturell.
Der Schöpfer des Mabuse, Norbert Jacques, hat seiner Figur folgende Worte in
den Mund gelegt: „Ich bin ein Werwolf. lch sauge Menschenblut in mich! Jeden
Tag brennt der Hass alles Blut auf, das mir in den Adern läuft, und jede
Nacht sauge ich sie mit einem neuen Menschenblut voll.“
Die Gestalt des Dr. Mabuse entstand unmittelbar nach dem für Deutschland
verlorenen Ersten Weltkrieg und spiegelte damals die Seelenlage vieler
Menschen wider - ihre Angst vor einem dunklen Schicksal, das den Einzelnen
und die Gesellschaft zu verschlingen drohte. Mabuses Welt ist eine von
wilden Dämonen durchzuckte Welt. Dass die fiktive Gestalt des Dr. Mabuse in
München seine Verbrecherorganisation zur selben Zeit aufbaute, zu der Hitler
mit dem Parteiaufbau der NSDAP begann, wurde gerne dahingehend gedeutet,
dass in beiden Gestalten - der fiktiven wie der realen - verwandte Kräfte am
wirken waren. |