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Der noch unbestattete
Körper eines Verstorbenen.
Die Leiche wird als unheimlich empfunden, da sie auf einen Zustand
hindeutet, der den Lebenden einerseits noch bevorsteht, andererseits aber in
seiner Unbekanntheit mit Spekulationen und Ängsten verbunden ist. Zudem
trennt die Leiche des frisch Verstorbenen nur ein kurzer Zeitraum von seinem
Status als noch Lebender.
Gerade von den ersten drei Tage nach dem Tode nahm man an, dass die Seele
des Verstorbenen sich noch in der Nähe seines Körpers aufhält und alles
sehen und hören kann, was darum herum geschieht. Selbst die Unterschrift der
Leiche hatte Geltung, wenn sie mit noch warmer Hand geführt wurde.
Leichenteile konnten als Fetisch oder zum Zauber dienen, im allgemeinen
jedoch galt die Leiche als unrein. Man befürchtete auch, die Leiche könnte
die noch Lebenden nachholen, wogegen man sich mit rituellen Massnahmen zu
schützen pflegte. So sollte man die Augen des Leichnams schliessen, damit er
sich nach niemandem umsehe, der ihm folgen könnte. Zu diesem Zwecke legte
man z.B. Kastanien, Pferdebohnen oder Geldstücke darauf. Die Geldstücke
wurden dann kurz vorm Begräbnis entfernt und einem Bettler geschenkt. In dem
Brauch, den Mund des Leichnams mit Hilfe einer Kinnbinde zu schliessen,
steckt mehr als nur das Bedürfnis, den Verstorbenen in eine würdigere Lage
zu bringen. Im Hintergrund bestand auch immer irgendwo die Angst, der Töte
könnte sonst noch jemanden zu sich rufen. Bei Leichnamen, wo man aufgrund
eines üblen Lebenswandels Böses befürchtete, versiegelt man vorsichtshalber
Ohren und Nase mit Watte, so dass die Seele nicht aus dem Körper entweichen
konnte. Dadurch wollte man sich vor einem späteren Umgehen der Seele
schützen.
Man versuchte auch aus dem Aussehen des Leichnams Vorhersagen über das
Schicksal der noch Lebenden abzuleiten. War die Leiche blühend und rosig,
galt das als schlechtes Omen, da ihr bald jemand folgen müsse. War der
rechte Fuss der Leiche länger als der linke, würde bald ein Mann sterben
müssen, war der linke länger, eine Frau.
Auch im Sterbehaus mussten bestimmte Riten eingehalten werden. Oft war es
üblich, Spiegel mit schwarzen Tüchern zu verhängen, damit die Seele des
Verstorbenen sich nicht darin verfangen könne. Solange die Leiche im Haus
war, sollte alle Arbeit liegenbleiben, da diese die Ruhe des Verstorbenen
stören könnte. Wäscht man etwa Wäsche, so wird der Tote nass.
Um Aussenstehenden den Sonderstatus eines Sterbehauses zu vermitteln, war es
zum Teil Brauch, mit Skeletten bemalte Bretter vors Haus zu stellen oder
einen Trauerflor an die Tür anzubringen. In Sizilien pflegte man die ganze
Haustür schwarz zu färben. Die Menschen mieden ein Sterbehaus, da sie eine
Leiche oft als unheilbringend fürchteten. Das äussert sich auch in der alten
Seemannsvorstellung, eine Leiche an Bord könne das Schiff zum sinken bringen
oder jedenfalls so sehr beschweren, dass man das dreifache an Zeit braucht,
seine Route zurückzulegen.
Die Leiche, die einem im Traum erscheint, kann doppelte Bedeutung haben: Sie
kann für Hochzeit und eine grosse Freude stehen, aber ebenso für Tod. |