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Lebende Vampire

Von der Sexualpathologie wurden diejenigen Personen als „lebende Vampire“ bezeichnet, deren Tötungs-, Verschlingungs- und Verschmelzungstrieb so stark ist, dass es nicht bei Phantasiespielen bleibt, sondern zur Tötung der von ihnen erwählten Opfer kommt. Der Tötungsvorgang ist häufig mit Beissen, Bluttrinken, Kannibalismus sowie nekrophil-sadistischen Handlungen verbunden.
Das 19. und 20. Jahrhundert verfügt über zahlreiche gut dokumentierte Aufzeichnungen derartiger Unholde. So berichtete im 19. Jahrhundert der italienische „Vampir“ Verzini: „Ich bin nicht verrückt, aber im Moment des Schlitzens sah ich nichts mehr. Nach vollbrachter Tat war ich befriedigt und fühlte mich wohl. Mir ist nie die Idee gekommen, die Genitalien zu berühren oder zu betrachten. Es genügt mir völlig, den Hals der Frau zu schlitzen und Blut zu saugen.“
Der Franzose Leger wiederum verlangte nicht nur nach dem Blut seiner Opfer, sondern auch nach derem Fleisch. Wie ein Wolf warf er sich auf ein Mädchen, vergewaltigte und tötete es, um dann ihre Brüste abzuschneiden das Herz herauszureissen, es zu essen und von dem Blut des Mädchens zu trinken. Leger wurde 1824 guillotiniert.
Ein Landsmann von ihm der 1922 guillotinierte Henri Desire Landru, der „Prototyp des Frauenmörders“, stand im Verdacht, 280 Frauenmorde begangen zu haben, von denen ihm aber lediglich elf nachgewiesen werden konnten.
Der Landwirt Karl Denke tötete zwischen 1902 und 1924 insgesamt 31 Menschen, pökelte sie ein, verzeichnete in einem Haushaltsbuch ihr „Schlachtgewicht“, ass vermutlich von dem Fleisch, verkaufte es und schnitt sich aus der Haut der Opfer Schnürriemen und Hosenträger. Als er verhaftet wurde, trug er ein Paar davon.
Dem Würstchenverkäufer Grossmann wurde 1921 der Prozess gemacht. Er hatte 14 Frauen zu Wurst verarbeitet.
Der 1931 hingerichtete „Vampir von Düsseldorf“, Peter Kürten, erklärte seinem Arzt: „Das Bluten kann ich hören .,. Das Blut ist ausschlaggebend in den meisten Fällen, das blosse Würgen genügt meist nicht, um zum Samenerguss zu kommen.“ Kürten war empfänglich für Wachträume und Autosuggestion. Seine ersten Opfer vvaren Tiere: „Sie können sich nicht vorstellen, Herr Professor, aber Sie müssen einmal probieren, einer Gans den Kopf abzuschneiden, wenn das Blut so ganz leise rauscht.“
In der Nacht vor seiner Hinrichtung 1949 schrieb John Haigh, der „Vampir von London“, seine Beichte nieder, in der er von der Faszination spricht, die Blut auf ihn ausübte. Bereits als Kind hatte er sich Wunden zugefügt, um das austretende Blut aufzusaugen. Als sein Blutdurst immer stärker wurde, lockte er Männer und Frauen in sein Atelier, ermordete sie und trank Blut aus ihrer Kehle. In der Bundesrepublik war es der Fall Jürgen Bartsch (1963), der die Gemüter erhitzte und pogromähnliche Stimmung hervorrief.
In den USA sorgte u.a. der Kannibale Jeffrey Dahmer für Schlagzeilen. Dahmer hatte zwischen 1978-1991 sechzehn, meist farbige junge Männer getötet, zerlegt und teilweise verspeist. Seine Wohnung glich einem surrealen Schlachthaus. Als die Polizei dort eindrang, fand sie Reste von elf verschiedenen Körpern: einen Thron aus Knochen, drei Köpfe, fünf Schädel, fünf Skelette, Schachteln mit abgetrennten Händen, die Genitalien eines Mannes in einem Hummertopf, Lungen, Nieren und Lebern in der Gefriertruhe. Ebenfalls dort: ein menschliches Herz, das Dahmer noch essen wollte. Er verspeiste die Herzen seiner Opfer grundsätzlich, damit sie ein Teil von ihm wurden. 1994 wurde Dahmer von einem Mithäftling der Schädel eingeschlagen.
Der in Deutschland bekannteste Fall von „lebenden Vampirismus“ ist der von Fritz Haarmann, der auch als „Vampir“ oder „Werwolf von Hannover“ bezeichnet wurde. Der 1879 ebendort geborene Haarmann wurde bereits in jungen Jahren wegen Unzucht mit Kindern und anderer Delikte auffällig und wanderte für einige Jahre ins Gefängnis bzw. in die Irrenanstalt. Aber als „Vampir“ wurde er erst unmittelbar nach dem ersten Weltkrieg tätig. 27 Morde gehen auf das Konto Haarmanns, 24 davon konnte man ihm nachweisen. Der homosexuelle Haarmann hatte sich daher ausschliesslich Jünglinge ausgesucht, meist entwichene Fürsorgezöglinge, Wanderburschen, Ausreisser und Arbeitslose. Im Zustand sexueller Raserei biss er seinen Opfern die Kehle durch und trank von ihrem ausströmenden Blut. Die Leichen hatte er daraufhin zerstückelt, das Fleisch sorgsam von den Knochen abgeschabt und wahrscheinlich davon gegessen und es auch als angebliches Tierfleisch weiterverkauft. Im April 1925 wurde Haarmann durch das Fallbeil hingerichtet.
Werwölfe und lebende Vampire sind fast ausschliesslich Männer. Frauen zählen neben den Jünglingen zur Hauptgruppe der Opfer. Doch gibt es Ausnahmen: Ähnlich wie Graf Dracula können auch diesseitige Lustmörder über eine weibliche Gefolgschaft verfügen. So beteiligten sich mehrere Frauen aus der „Familie“ des „Mordgurus“ Charles Manson an den von ihrem Oberhaupt angeordneten ekstatischen Menschenschlachtungen. Von einem anders gelagerten Fall von weiblichem Geschlechtssadismus konnte bereits der Sexualforscher Richard von Krafft-Ebing in seinem Klassiker Psychopathia sexualis (1896) berichten. „Ein verheirateter Mann stellte sich mit zahlreichen Schnittnarben an den Armen vor. Er gibt über den Ursprung derselben folgendes an: Wenn er sich seiner jungen, etwas nervösen Frau nähern wolle, müsse er sich erst einen Schnitt am Arm beibringen. Sie sauge dann an der Wunde, worauf sich bei ihr eine hochgradige sexuelle Erregung einstelle.“
Die vitalen und verdichteten Energien, die sich beim Lutmord entäussern, haben auch dazu geführt, dass Dichtung und Literatur und seit dem 20. Jahrhundert auch der Film ihren Blick auf ihn gerichtet haben. Bram Stoker liess sich bei der Abfassung seines Dracula von Berichten über Jack the Ripper inspirieren. Von Haarmann liess sich kein geringerer als Alfred Döblin zu seinem 1929 entstandenen Roman Berlin Alexanderplatz anregen. Erzählt wird dort die Geschichte des Verbrechers Franz Biberkopf, der in einem ähnlichen Milieu wie Haarmann aufgewachsen ist und eine verwandte psychische Struktur wie dieser aufweist. Auch Fritz Langs Filmklassiker M - eine Stadt sucht einen Mörder (1931), in dessen Mittelpunkt die Gestalt eines Kindermörders steht, verdankt seine Entstehung der Haarmann-Vorlage. 1972 zeigte Uli Lommel in seinem Film Die Zärtlichkeit der Wölfe einen von Blutdurst und Beisslust getriebenen Haarmann. Augenscheinlich um Authentizität bemüht ist Romuald Karmkars in seinem Film Der Totmacher (1995), in dem Götz George den Werwolf und lebenden Vampir Haarmann überzeugend wiederauferstehen lässt. Vorlage für das Drehbuch waren die Protokolle der psychiatrischen Vernehmung Haarmanns. Die Phantasie erregen aber auch die imaginären Verbrechen, die ein Marquis de Sade (1740-1814) ersonnen hat, in deren Mittelpunkt Lust und Mord stehen. Lust und Leid eines lebenden Vampirs behandelt Roderick Anscombe in Das geheime Leben des Laszlo Graf Dracula (1994).

 

 

 

 

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