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Alles was für die
Menschen bedrohlich und nur schwer erklärbar war, wurde in das Reich der
Dämonen verwiesen. Hierzu zählte gerade auch das weite Feld der Krankheiten.
Viren, Bakterien und andere Erreger waren noch unbekannt, dennoch bestand
das intuitive Gefühl, eine Krankheit könne einen anfliegen oder in
irgendeiner Form von einer böswilligen Macht zu einem geschickt werden.
Besonders bei plötzlich auftretenden Krankheiten glaubte man, ein
dämonischer Pfeil sei auf den betreffenden Menschen abgeschossen worden,
eine Vorstellung, die heute noch an der Bezeichnung Hexenschuss deutlich
wird. Bei Zahnschmerzen stellte man sich einen Zahnwurm vor, der die Pein
verursacht, bei Unterleibsbeschwerden der Frau wurde die Gebärmutter
dämonisiert, von der man ohnehin annahm, sie würde ein geheimnisvolles
Eigenleben führen und als Kröte oder Stachelkugel im Leib der Frau toben.
Bei den grossen Volksseuchen wie der Cholera und vor allem der Pest, die als
Schwarzer Tod ganze Landstriche entvölkerte, glaubte man, sie seien durch
menschengestaltige Dämonen eingeschleppt worden. Gefürchtet war das
Pestmännlein, das kurz vor Ausbruch der Seuche gesehen worden sein soll und
das erste Opfer der Krankheit angesprochen hat. Als Variation dazu gibt es
auch die Pestfrau. Aber auch der Vampir wurde mit dieser Krankheit in
Verbindung gebracht. Daneben herrschte die Vermutung, dass Krankheiten als
Nebel, Hauch, Wolke, Flämmchen oder Fliege Einzug halten können. Dagegen
versuchte man sich durch Opfergaben, Gebete oder magische Rituale zu
schützen. Vom Einsperren, Verbannen oder Verpflöcken eines dergestaltigen
Krankheitsdämons in einen hohlen Baumstamm, in ein Mauerwerk oder sonst eine
andere Öffnung versprach man sich ebenfalls Rettung.
Von folgenden Überlieferungen aus den Pestzeiten berichtet H. Freudenthal in
seinem Buch Das Feuer im deutschen Glauben und Brauch (1931): „In den Jahren
1597 bis 1599 entvölkerte die Pest im Kirchspiel Ankum die Dörfer. Manches
Bauernhaus starb völlig aus; auf einem Hof in Ahausen lebten nur noch Bauer
und Bäuerin; aber auch der Bauer erkrankte. Als er verschied, so berichtet
die Sage, stieg eine blaue Flamme aus seinem Munde und fuhr in ein `Pluggenloch`;
flugs stopfte die Bäuerin das Loch mit Werg aus und verkeilte es später, und
von dem Augenblick an hörte die Seuche auf. Ebenso soll man an der Sakristei
der Stadtkirche zu Erbach im Odenwalde ein Pestflämmchen eingemauert haben,
und in der Trierer Gegend erzählt man sich, dass einst eine wütende Pest
plötzlich erloschen sei, als ein Mann ein Mauerloch, in das er eine kleine,
blaue Flamme hatte einfahren sehen, verschloss; sieben Jahre darauf aber sei
die Seuche wieder ausgebrochen, nachdem dieser Mann das vermauerte Loch aus
Fürwitz wieder geöffnet habe.“
Vorstellungen von Krankheitsdämonen finden sich auch in einigen
literarischen Beispielen wieder, so in Jeremias Gotthelfs befremdlicher,
aber eindrucksvoller Novelle Die schwarze Spinne (1842) oder in Werner
Bergengruens Der Tod von Reval (1939). |