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Die ethnische,
sprachliche und religiöse Vielfalt der Bevölkerung des indischen
Subkontinents (Hindus, Buddhisten, Muslime, Jaina, Sikhs) spiegelt sich in
einem reichen Schatz an Mythen, Legenden und Märchen.
So berichten z.B. die indischen Veden von faunartigen Buhlgeistern,
Gandharven genannt, die Frauen im Schlaf heimsuchen. Diesen ähnlich sind die
Pisachas, von denen August Wilhelm Schlegel (1767-1845) in seiner Indischen
Bibliothek zu berichten weiss: „Sie sind feindselige Wesen, lüstern nach
Fleisch und Blut lebendiger Kreaturen und büssen ihre grausame Lust an
Weibern im Zustande des Schlafes, der Trunkenheit und des Wahnsinns.“
im indischen Jaipur sitzen nachts alte Weiber auf den Dächern und saugen
mittels eines herabgelassenen Garns dem Schläfer Blut aus den Adern, um
damit ihr eigenes angefaultes Leben zu verlängern.
Früh fand auch der Vampir Eingang in die indische Literatur. Beispielsweise
berichten die in Sanskrit abgefassten Legenden über den König Vikram von
dessen Abenteuern mit dem Vampir Baital - Pachisi.
Unheilvollen Ruhm erntete die schreckliche Göttin Kali, die dem brennenden
Auge Shivas entsprungen sein soll und Tod und Vernichtung über die Welt
bringt.
Bekannt wurden ebenso die Nagas: Schlangen und Drachen, die auch in
menschlicher Gestalt erscheinen können. Eine Legende, die der Pilger Fa
Hsien zu Beginn des 5. Jahrhunderts in Indien vernahm, berichtet folgende
Geschichte von einem Naga: „König Asoka kam zu einem See, in dessen Nähe
sich ein Turm befand. Er gedachte, diesen niederreissen zu lassen, um einen
anderen, höheren zu bauen. Ein Brahmane forderte ihn auf, den Turm zu
betreten, und als er darinnen war, sagte er ihm: „Meine menschliche Gestalt
ist eine Täuschung; ich bin in Wirklichkeit ein Naga, ein Drache. Meine
Sünden haben mich dazu verdammt, in diesem schrecklichen Körper zu wohnen,
aber ich befolge das von Buddha befohlene Gesetz und hoffe, mich zu erlösen.
Du darfst dieses Heiligtum zerstören, wenn du dich fähig wähnst, ein
besseres zu errichten.“ Er zeigte ihm die Kultgefässe. Der König betrachtete
sie mit Staunen, denn sie waren gänzlich anders als diejenigen, die die
Menschen herstellen, und so sah er von seinem Vorhaben ab.
Um Schutz vor den vielen Dämonen und Geistern zu finden, ist es in Indien
Brauch, für Geister Schreine zu errichten, in denen kleine Geschenke wie
Blumen und Speisen gelegt werden. Diese Gaben sollen dafür sorgen, dass
einen die Geister unbehelligt lassen. Wird man dennoch von einem Geist
belästigt, kann man sich an einen Shaycana wenden, ein ehrwürdiger alter
Mann, der die Fähigkeit haben soll, Geister zu verjagen. |