|
Vorläuferinnen der
christlichen Hexen waren altgermanische Zauberinnen und sogenannte
nachtfahrende Weiber, die mit der keltischen Naturgöttin Diana in Verbindung
standen.
Im 10. und 19. Buch seiner Decretorum libri viginti gibt Burchard von Worms
(960-1025) eine eingehende Beschreibung zum Wesen der Zauberinnen.
Das Wort hagazussa, eine der ältesten Bezeichnungen für Hexe, taucht
erstmals in althochdeutschen Glossen des 9. und 10. Jahrhunderts auf.
Hagazussa ist zusammengesetzt aus hag, was soviel wie Zaun, Einfriedung,
Dornengestrüpp, Hecke, heisst, und dem germanischen Wort tusjo, das einen
weiblichen Dämon bezeichnet. Die hagazussa ist also diejenige, die auf dem
Hag sass, der hinter den Gärten verlief und das Dorf von der Wildnis
abgrenzte. Somit war sie ein Zaungeist, ein halbdämonisches Wesen, das zum
Teil der menschlichen Gesellschaft, zum Teil anderen bedrohlichen und
unberechenbaren Gesetzmässigkeiten angehörte.
Im 13. und 14. Jahrhundert verbreitete sich die Vorstellung von der Hexe als
Teufelsbuhlerin, die Gott abgeschworen hat. Aus ihrem Ritt auf dem Zaun
wurde im Mittelalter ein Ritt auf dem Besen. Ein Münchener Nachtsegen des
14. Jahrhunderts erwähnt erstmals den Hexenflug zu einem Versammlungsort auf
einem Berg. 1540 wird in einem Hexenprozess der Brocken auf dem Blocksberg
im Harz zu dem offiziellen Versammlungsort der Hexen ernannt. Etwa im 13.
Jahrhundert wird hagazussa mit dem lateinischen strix, striga in der
Bedeutung von Hexe übersetzt. Aus den ursprünglich dämonischen Naturwesen
wurden in der Vorstellung zunehmend mehr menschliche Frauen, die sich mit
Wahrsagerei und bösartigen Zauberkünsten beschäftigten.
Interessant am Hexenglauben ist, dass er sich erst mit und nach dem
Aufkommen des Buchdruckes zu einem Wahn entwickelt hat. Das mit dem
Buchdruck gewachsene technische Können, das die Verbreitung der Schrift
ermöglichte, wirkte also nicht im Sinne eines aufklärerischen Ansatzes,
sondern hatte zunächst einmal die gegenteilige Wirkung. Die frühen
Printmedien führten nachgerade zu massenhysterischen Hexenverfolgungen, die
ihren Höhepunkt zwischen 1500 und 1700 erreichten. In diesem Zusammenhang
ist vor allem das fatale Werk der Hexenhammer (Malleus maleficarum) (1489)
der beiden päpstlichen Inquisitoren Heinrich lnstitoris und Jakob Sprenger
zu nennen. Diese Schrift bildete die Grundlage der Hexenprozesse und hatte
für viele Menschen, meist Frauen, schreckliche Auswirkungen. Man warf den
der Hexerei angeklagten Frauen vor, mit dem Teufel in einem buhlerischen
Verhältnis zu stehen. Hexerei galt dabei als nicht angeboren, sondern man
nahm an, die Frauen hätten aufgrund ihrer eigenen Schlechtigkeit und
Lüsternheit einen Pakt mit dem Teufel gewählt. Neben den weiblichen Hexen
gab es noch die männlichen Hexenmeister.
Die Walpurgis-, Oster- und Johannisnacht, aber auch die zwölf Rauhnächte
sowie der Georgs- oder Andreastag galten als besonders günstige Zeiten für
Hexen. In solchen Nächten, vor allem während der Walpurgisnacht, sollen die
Hexen mit ihren Besen an geheimnisvolle Versammlungsorte geflogen sein, um
dort bei einem Hexensabbat dem in Bocksgestalt anwesendem Teufel mit
allerlei Unzucht zu huldigen. Im normalen Alltag war Schadenszauberei ihre
Hauptbeschäftigung, sie verhexten Mensch und Tier, machten die Milch sauer
und konnten Unwetter erzeugen.
Die volkstümlichen Vorstellungen über das Aussehen der Hexen schildert J.N.
Alpenburg in seinen 1857 erschienen Mythen und Sagen Tirols folgendermassen:
„Ihr Antlitz ist fahl, die Augen liegen tief drinnen; wenn sie weinen, haben
sie keine Tränen; je röter und aufgeschwollener die Augen einer Hexe sind,
desto mehr ist sie zu fürchten. Ihr Leib ist schlapp und welk, ein
schlotterndes Beingerippe; denn sie wurde zu häufig vom Teufel geritten.
Ihre Haare sind zerzaust, wurzelig, unausgekämmt und ekelhaft anzusehen. An
den Armen haben die Hexen dunkle Flecken, das sind Spuren der Griffe des
Teufels oder der bösen Geister bei ihren Tänzen und nächtlichen Gelagen; am
sichersten erkennt man sie an dem Bock- oder Geissfuss, der ihnen rückwärts
am Kreuz eingebrannt ist; dieses ist des Teufels Siegel, welches er ihnen
mit dem Hintern aufdrückt und soviel bedeutet als: er drückt aufs Kreuz der
Hölle Zeichen, oder: obgleich durch's heilige Kreuz die Seele erlöset wurde,
hat der Fürst der Finsternis sie wieder gewonnen - es ist die Verhöhnung des
heiligen Kreuzes.“
Papst Innozenz VIII. erliess 1484 die Hexenbulle, die die Hexenverfolgungen
noch anheizte, was eine wahre Hochflut von Hexenprozessen nach sich zog. Die
durch die Folter unterstützte Gerichtsbarkeit brachte die unglücklichen
Beschuldigten in fast allen Fällen zu Geständnissen, die in erster Linie die
haarsträubenden Phantasien der Befrager zum Ausdruck gebracht haben dürften.
Ausgesprochen irrational waren die sogenannten Hexenproben. So durfte bei
der häufig angewendeten Waagenprobe die als Hexe beschuldigte Person nicht
leichter sein als es für eine Frau ihrer Statur üblich war. Ein
Fliegengewicht galt offensichtlich als Teufelszeichen. Eine für die
Betroffene „todsichere“ Prüfung war die berüchtigte Wasserprobe. Hier erwies
sich die Unschuld einer Verdächtigen, wenn sie gefesselt im Wasser unterging
und ertrank. Konnte sie sich hingegen über Wasser halten, so galt das als
Zeichen von Schuld, was zur Folge hatte, dass sie als Hexe verbrannt wurde.
Innerhalb von Europa gab es Regionen, in denen sich die Hexenverfolgungen
anhäuften, so z. B. das Bistum Würzburg. In Lothringen verurteilte allein
ein einziger Richter im 16. Jahrhundert 800 Hexen zum Tode. Daneben gab es
auch Gebiete, wo der Hexenwahn glimpflich verlief. So etwa in Wien, wo nur
eine einzige Hexe verbrannt wurde, nämlich die 70jährige Elisabeth
Plainacher im Jahre 1583. Insgesamt wurden zwischen 1500 und 1680 ungefähr
100 000 vermeintliche Hexen verbrannt, davon 10% Männer. Der letzte
Hexenprozess fand 1782 im Schweizer Kanton Glarus statt.
Als Ursache der Hexenverfolgungen kamen sicherlich einige Komponenten
zusammen. Da die Besitztümer von verurteilten Hexen eingezogen wurden, waren
sicherlich Neid und Missgunst starke Motive für eine Beschuldigung. Dass
Neid eine entscheidende Rolle bei Hexenverfolgungen spielte, wird auch an
dem Umstand offenbar, dass man sich mitunter junge und besonders schöne
Frauen als Opfer suchte. Psychologisch nicht uninteressant ist übrigens,
dass Neid zu den bösen Haupteigenschaften zählt, die man gerade den Hexen
zuschrieb. Es darf also vermutet werden, dass der ganze Hexenwahn stark im
Ressentiment und Neid wurzelte. Hinzu kam die Sexualfeindlichkeit der
Kirche, die auch eine unterschwellige Frauenfeindlichkeit enthielt. Im
Rahmen der feministischen Bewegung, aber auch der Esoterikwelle, kam es zum
Teil zu einer Verklärung des Hexenwesens. Die „neuen Hexen“ erblickten in
ihren verbrannten Schwestern kräuterkundige und weise Frauen, die gerade
wegen ihres grossen Wissens den Argwohn und die Rache der Kirche auf sich
gezogen hatten. Aber eine solche Erklärung erscheint zu monokausal. Ein
Grossteil der vermuteten Hexen waren einfache Frauen, die wenig Ahnung von
Kräuterkunde hatten, und sie wurden zumeist auch nicht von
Kirchenvertretern, sondern häufig von anderen Frauen angezeigt. Jahrhunderte
währende Pathologien und Ausbrüche von Massenwahn lassen sich nicht in ein
vorgefertigtes Freund-Feind Schema pressen und sind nur schwer „eindeutig“
zu erklären. Vermutlich trifft hier am ehesten Goethes kluge Beobachtung:
„So lange der Wahn währt, besitzt er eine unüberwindliche Wirklichkeit.“
|