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Frankenstein

Geschöpf der englischen Schriftstellerin Mary Wollstonecraft Shelley (1797-1851).
Der 1818 erstmals erschienene Roman Frankenstein or A modern Prometheus zählt neben Bram Stokers Dracula zu den beiden ganz grossen Mythenschöpfungen der phantastischen Literatur. Trotzdem ist er weit weniger ein reisserischer Horrorroman - wie der heutige Leser aufgrund der zahlreichen Frankenstein-Filme und Comics annehmen könnte - als eine häufig eher trockene Abhandlung über die menschliche Hybris.
Zum Inhalt: Der aus Genf stammende Viktor Frankenstein wird von seiner Familie zum Studium nach Ingolstadt geschickt. Dort unternimmt er, von der Chemie und Anatomie fasziniert, bestimmte Forschungen, die ihn zur Entdeckung des Geheimnisses des Lebens führen. Alle moralischen Bedenken hintansetzend und von der Vorstellung besessen, einen besseren und glücklicheren Menschen zu kreieren, beginnt er, ein neues Wesen aus zusammengenähten menschlichen Körperteilen zu erschaffen. Das Geschöpf, das er entworfen har, ist fast zweieinhalb Meter gross und soll wunderschön werden. Doch die Schaffung des strahlenden Übermenschen misslingt. Das Geschöpf wirkt abstossend, und Frankenstein entzieht sich seiner Verantwortung durch alle möglichen Fluchtreaktionen und Verdrängungsmechanismen. Das ausgestossene Frankenstein-Geschöpf entwickelt sich innerhalb eines Jahres vom „edlen Wilden“ zum gebildeten, aber ungeschlachten und durch ständige Zurückweisung verbitterten „Monstrum“. Seine unerwiderte Liebe wird zu Hass. Verzweifelung treibt es nach Genf, wo Dr. Viktor Frankenstein sich mittlerweile als angesehener Bürger niedergelassen har. Das Monstrum fordert nun unerbittlich sein Recht auf Glück und Liebe von seinem Schöpfer. Doch Frankenstein ist weder fähig noch willens, die Bedürfnisse seines Geschöpfes zu befriedigen und wird jetzt zum Opfer seiner eigenen Hybris: Vier Jahre einer gnadenlosen Verfolgung zwischen Schöpfer und Geschöpf beginnen. Die Jagd führt von Genf in die Eiswelt des Mont Blanc, über England und Schottland bis zur entlegensten der Orkney-Inseln und wieder nach Genf zurück, um schliesslich im Packeis des nördlichen Polarmeeres zu enden. Viktors engster Freund, seine ganze Familie und schliesslich er selbst werden Opfer seines Geschöpfes. Das verstossene Monstrum verschwindet in den Tiefen der Eiswüste.
Das Thema des künstlichen Menschen scheint beinahe zu modern und auch zu profan, um sich für einen Schauerroman zu eignen. Aber trotz dieser Modernität verweist auch Frankenstein auf ein älteres Genre. Künstliche Menschen verschiedenster Fabrikationsart durchwanderten bereits vor ihm als (Golems, Homunculi, Androiden oder belebte Statuen und Bilder) die Mythenwelt und Literaturgeschichte. In der Vorstellung wurden dabei drei verschiedene Praktiken entwickelt, um künstliches Leben zu erzeugen: eine magisch-mythische, eine mechanische und eine biologische.
Der älteste Weg war der magisch-mythische, aus ihm stammt z.B. der Golem, ein aus Lehm und Staub geschaffenes Wesen, das in einem magischen Ritual unter Zuhilfenahme vom Gottes Namen zu einem Halbleben erweckt wurde. Der mechanischen Methode haben Denker wie Descartes, Bayle und vor allem La Mettrie mit seinem L'Homme machine die Bahn geebnet. Der dritte Weg zum künstlichen Menschen, der durch die Gentechnik an Aktualität gewonnen haben dürfte, ist der biologische. Er versucht, die Natur ganz direkt nachzuahmen.
Viktor Frankensteins Ansatz ist ein biologisch-mechanischer: Sein Wesen wird aus toten Menschenteilen zusammengeflickt. Doch im Grunde interessiert sich die Autorin des Frankenstein, Mary Shelley, für das technische Problem der Herstellung des künstlichen Menschen nur am Rande. Ihr ging es weniger um wissenschaftliche bzw. pseudowissenschaftliche Details zur biologischen Erzeugung ihres „Monsters“, als vielmehr um dessen geistige Menschwerdung. Dabei steht der grosse Monolog des namenlosen Geschöpfes im Mittelpunkt des Romans (Kap.Xl-XIV). Hier wird das langsame Erwachen der Sinne geschildert, der Prozess der Bildung.
Man hat Frankensteins Geschöpf mit der Figur des edlen Wilden verglichen, die in der Geistesgeschichte des 18. Jahrhunderts durch den Einfluss Jean Jacques Rousseaus (1712-1778) eine grosse Rolle spielt. Der edle Wilde diente als Demonstrationsobjekt für alle Theorien, die beweisen wollen, dass der Mensch im Urzustand gut ist, dass nur die Gesellschaft ihn verdirbt. Mary Shelleys Roman ist ein spätes Beispiel dieser Theorien. Das Monster ist nicht nur biologisch ein Geschöpf „aus der Retorte“, sondern auch soziologisch, es ist ein unbeschriebenes Blatt, in das die Gesellschaft das Zeugnis ihrer eigenen Verderbtheit einprägt. Unter diesem Gesichtspunkt betrachtet, ist Frankenstein auch ein radikal pessimistischer Roman.
Doch der modernste Aspekt des Romans ist nicht die Erschaffung des namenlosen Monsters oder gar der naive Glaube an den edlen Wilden, sondern die Verantwortung der Wissenschaft und des Wissenschaftlers vor der Schöpfung. Viktor Frankenstein ist, wie der Untertitel des Buches angibt, „ein moderner Prometheus“. Prometheus - der den Menschen aus Lehm geformt haben soll und ihm später das Feuer auf die Erde brachte - trieb der Wunsch, den Göttern das Geheimnis des Lebens zu entreissen, um selbst zu sein wie Gott. Als rebellischer Verkünder eines von den Göttern unabhängigen Heils wird er schwer bestraft. Er wurde von Zeus an einen Felsen des Kaukasus gefesselt, und ein Adler frass ihm täglich die Leber ab, die nachts nachwuchs. Und wie Prometheus, aber auch ähnlich wie Faust muss Frankenstein seine Hybris und Masslosigkeit bitter bezahlen.
Genauso wie Draculau wurde Frankenstein seit seinem Erscheinen im Jahr 1818 immer wieder neu aufgelegt. Aber trotz hoher Buchauflagen gelang Frankenstein - auch hierin zeigen sich biographische Ähnlichkeiten mir Dracula - der Sprung zum weltumspannenden Mythos vor allem durch seine Adaption von Bühne, Film und Comic. Mit der Popularisierung des Stoffes trat eine Verschmelzung von Schöpfer und Geschöpf ein, die den Mythos noch verstärkte: Aus dem namenlosen Monstrum der Mary Shelley wurde nun in der allgemeinen Publikumsvorstellung Frankenstein selbst. Der Schöpfer wurde von seinem Geschöpf verschlungen. Bereits bei Mary Shelley findet sich der bemerkenswerte Satz: „Du bist mein Schöpfer, doch ich bin dein Herr.“

 

 

 

 

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