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Fledermaus (Vampirfledermaus)

„Die tropische Vampirfledermaus muss täglich das Zehnfache ihres Eigengewichtes an Blut zu sich nehmen, sonst sterben ihre Blutzellen ab.“ Diese Aussage legt Francis Ford Coppola Dr. Abraham van Helsing in seiner gleichnamigen Verfilmung von Bram Stokers Dracula in den Mund. Eine vergleichsweise beachtliche Menge Blut, würde sich doch, nach den Berechnungen von Friedhelm Schneidewind, die dieser in seiner Schrift Carmilla -. und es gibt sie doch! anstellt, ein menschlicher Vampir mit einer Menge zwischen 0,7 und 3,5 Liter Blut pro Tag begnügen, was nur ein Bruchteil seines Eigengewichtes ausmacht. Die erstaunliche Blutgier der Vampirfledermaus ist dazu geeignet, uns an die dunkle Seite der Natur zu erinnern, die vollkommen gleichgültig Leben verschlingt, wenn sie dafür Leben erhalten oder neues Leben zu schaffen vermag.
Obgleich der Vampirismus in der Natur und im Tierreich weit verbreitet ist, hat er sich in der Vorstellung des Menschen vor allem an zwei Geschöpfen festgemacht: Am Wolf bzw. am Werwolf und ganz besonders an der Fledermaus.
Worin mögen nun die Gründe liegen, dass gerade die Fledermaus zum Synonym für den Vampir wurde? Zunächst gehört sie zur Gruppe der Nachttiere, die beim „Tagtier“ Mensch ohnehin leicht Ängste auslösen können. Vor allem aber zählen sie zur Gruppe der Nachtvögel, womit sie nicht nur das Dunkel symbolisieren, sondern zu den Geschöpfen gehören, die die Schwerkraft überwunden haben, was sie weit beweglicher als den Menschen macht. Kein Ort war vor ihnen sicher, und in ihrem lautlosen Flug erinnern sie an Geister und Dämonen, die über dem Gesetz von Zeit und Raum stehen. Nachtvögel gerieten daher im Glauben der Völker leicht zu Wesen, die den Geist der Finsternis darstellen und den Tod symbolisieren. Bei der Fledermaus kommt noch hinzu, dass sie sich tagsüber in gruftartigen Gewölben und Höhlen, mit dem Kopf nach unten hängend, zum Schlaf zurückzieht. Ihre Gestalt ist von abstossender Hässlichkeit, doch hat sie dabei Merkmale, die an den Menschen erinnern, weshalb sie für die Metamorphose eines lebenden Toten nicht gänzlich ungeeignet erscheint: Ihre Flügel sind deutlich als verlängerte, mit einer Flughaut versehene Arme und Beine zu erkennen. Der Kopf der Fledermaus ist wie der des Menschen aufgerichtet. Phylogenetisch betrachtet ist es nicht einmal auszuschliessen, dass die Fledermaus, ähnlich wie der Mensch, zur Gruppe der Primaten zählt.
Trotzdem darf nicht übersehen werden, dass die meisten Fledermausarten vollkommen harmlos sind. Die Ordnung der Fledermäuse (Chiropteren) besteht aus zwei grossen Unterordnungen: den Mikrochiropteren oder eigentlichen Fledermäusen mit 782 Arten und den Megachiropteren oder Flughunden mit 175 Arten, die nur in den Tropen Asiens, Australiens und Afrikas vorkommen. Ernährungsmässig teilen sich die Fledermäuse in drei Gruppen ein: in die Blütenbesucher und Fruchtsafttrinker, in die insekten und fleischfressenden Fledermäuse und in die kleinste, nur drei Arten umfassende Gruppe der bluttrinkenden Vampire.
Diese Vampirfledermäuse kommen ausschliesslich in Zentral- und Südamerika vor und traten erstmals in das europäische Bewusstsein, als sich die spanischen Konquistadores daran machten, sich die Neue Welt zu unterwerfen und vampirgleich auszusaugen. Die Verwandlung des Vampirs in eine Fledermaus nahm hier ihren Ursprung, nicht, wie häufig angenommen, in dem Glauben der Balkanvölker.
Vampirfledermäuse aus Transsilvanien sind eine Erfindung Bram Stokers, der die verschiedenen Vampirlegenden und Berichte geschickt miteinander verknüpfte. Immerhin war auch den Spaniern der Vampirglaube so geläufig, dass sie die bluttrinkenden Fledermäuse nach den Vampiren benannten. Berichte von Vampirfledermäusen, von deren Raubzüge unter dem Vieh und ihren gelegentlichen Angriffen auf den Menschen, gelangten schon verhältnismässig früh nach Europa. Nicht selten wurde dabei übertrieben, so sollen sie nach Missionarsberichten aus dem 13. Jahrhundert ganze Herden vernichtet haben.
Der am häufigsten vorkommende und interessanteste Vampir unter den Fledermäusen ist der Desmodus rotundus, der vom Säugerblut lebt, während die selteneren Arten Diphylla und Diaemus hauptsächlich Vogelblut zu sich nehmen. Lange Zeit glaubte man, dass der grofie Vampir, Vampyrus spectrum, sich ebenfalls durch Blutsaugen ernähre, doch seit dem 19. Jahrhundert weiss man, dass diese Spezies mir einer Flügelspannweite von annähernd 70 Zentimetern ausschliesslich von Früchten lebt. Der „Hauptvampir“ der Fledermäuse bleibt also der Desmodus rotundus, der jährlich in Millionenzahl von Argentinien bis zur Südgrenze der USA vorstösst und als Überträger von Tier- und Menschenseuchen sehr gefährlich sein kann. So ist seine Art beispielsweise an den Tollwutepidemien der Menschen in Mexiko und auf Trinidad schuld gewesen. Diese blutsaugenden Fledermäuse sind gute und lautlose Flieger. Sie landen stets in der Nähe ihres Opfers und kriechen dann zu diesem hin bzw. klettern an ihm hoch. Hier schlagen sie, mit bodenwärts gerichtetem Kopf, blitzschnell zu, so dass ihre messerscharfen Zähne ein Loch in die Haut schneiden. Daraufhin dreht sich der Vampir um - den Kopf aufwärts gerichtet- und presst seine zu diesem Zweck speziell geformten Lippen fest um die Wunde und befördert das heraustretende Blut durch pumpendes Lecken in seine dünne Speiseröhre. Anders als Dracula saugt also der Desmodus rotundus das Blut nicht aus seinen Opfern heraus, sondern schleckt es in sich hinein. Sowohl der Schnitt, zumeist am Rücken oder Nacken des schlafenden Opfers, als auch die Blutabnahme durch die Vampirfledermaus geht auf geheimnisvolle Weise schmerzlos vor sich. Nachdem die Fledernmus ihre Mahlzeit beendet hat, blutet der Einschnitt gewöhnlich weiter. Menschen, die in tropischen Ländern von dieser Vampirart überfallen wurden, stellen beim Aufwachen fest, dass ihr Bettlaken blutverschmiert ist.
Unter diesen Umständen fiel es der Vampirfledermaus nicht schwer, in unsere Träume, und mit Bram Stoker, auch in die phantastische Literatur einzuwandern. Sie begegnet uns seitdem in eiskalten Thrillern ebenso wie in nebelverhangenen Fantasyepen. In Danilo Mainardis Fledermäuse küssen nicht (1993) ist es ein sinistrer Killer, der den Desmodus rotundus zum Töten abgerichtet hat, und in Tolkiens neu geschaffener Mythenwelt gehören die blutsaugenden Fledermäuse zu den bösen Geschöpfen, die der hochmütige Melkor in den Zeiten der Finsternis züchtete. Als positive, aber gleichwohl dunkel geheimnisvolle Gestalt ist die Fledermaus in die Figur des Übermenschen Batman eingeflossen.

 

 

 

 

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