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Von der sogenannten
Besessenheit dachte man, dass die davon betroffene Person von einer anderen
Wesenheit (Gottheit, Dämon, Verstorbener, aber auch lebender Mensch oder
Tier) dominiert wird, die mit ihren spirituellen Teilen in ihm „wohne“, in
ihr handle und sowohl durch als auch aus sie spreche. Dabei tritt ein
zweites Persönlichkeitsbewusstsein neben oder an die Stelle der
ursprünglichen Identität. Auch im Ausdruck (z.B. Mimik, Sprechweise)
verändert sich der Besessene – die Sprechinhalte gehören immer zur neuen
Individualität.
Im Fall der Besessenheit durch einen Toten sollen Angleichungen an dessen
Gebaren und Aussehen auftreten.
Bei der dämonischen Besessenheit sollen sowohl fratzenartiges Aussehen als
auch gewaltige motorische Leistungen vorkommen.
Besessene sind auffallend häufig junge, sexualabstinente Frauen, bei denen
das uneingestandene Bedürfnis erkennbar wird, mehr erleben zu wollen und
mehr Beachtung und Bedeutung zu erlangen als die Lebensumstände und die
eigene Persönlichkeit ermöglichen. Tritt in dieser Situation der erotisch
attraktive, aber unerreichbare Mann auf - sehr oft ein Priester! - so kann
das die Besessenheit auslösen. Hier zeigen sich deutlich Berührungspunkte
mit dem Hysteriker. Es kann aber auch, wenn das gesellschaftliche Umfeld
entsprechend „fluidal“ aufgeladen ist, zu Besessenheitsepidemien kommen, bei
denen mehrere Hunderte von Personen Besessenheitsphänomene erkennen lassen.
Der Glaube an die Besessenheit ist uralt. Im Neuen Testament treibt Jesus
die Dämonen von Besessenen aus.
Das Krankheitsbild der Besessenheit hat die Menschheit immer fasziniert: Der
Besessene wurde dabei entweder als Auserwählter scheu bewundert oder als von
Dämonen heimgesuchter Fremdkörper gefürchtet und ausgestossen. Gleichgültig
liess er jedoch nie, dazu war die Krankheit zu abgründig und geheimnisvoll.
Die christliche Kirche hat zur Beseitigung der Besessenheit eine eigene
religiöse Zeremonie ausgebildet: den Exorzismus. Er dient der Vertreibung
von Geistern, sowohl bei besessenen Personen als auch bei vom Spuk
befallenen Häusern.
Zum Exorzismus gehört ein besonderes Ritual, mit dem angeblich jeder Dämon
ausgetrieben werden kann, von dem man annimmt, dass er den Willen einer
Person beherrscht. Die Handlung wird meist von einem besonders ausgebildeten
Priester oder Geistlichen wahrgenommen. Ihr Ritual besteht aus Gebeten,
lauten Ermahnungen, aus dem Versprenkeln von Weihwasser und dem Abbrennen
von Weihrauch oder Kerzen. Es handelt sich hierbei eigentlich um eine
moderne Version des alten Gottesdienstes, der zur Exkommunikation führte:
Der Sünder wurde vom Priester von den weiteren Segnungen ausgeschlossen,
indem er eine kleine Glocke läutete und laut die Bibel schloss, nachdem er
die Verwünschung ausgesprochen und dann die heiligen Kerzen gelöscht hatte.
1971 erschien William Peter Blattys Bestseller Der Exorzist, der drei Jahre
später von William Friedkin verfilmt wurde und als „Terrorfilm des
Jahrhunderts“ nicht nur die Kinokassen klingeln liess, sondern auch die
Dämonen neu aktivierte. Zahlreiche, zumeist weibliche Besucher erlitten
während der Vorführung hysterische Schreikrämpfe und bedurften dann selbst -
wenn nicht eines Exorzisten, so doch zumindest eines Psychiaters.
Wenige Jahre nach dem Kinoexorzisten erregte der Fall von Anneliese Michel
grosses Aufsehen. Nach Auffassung ihrer Eltern, die von Vertretern der
katholischen Kirche geteilt wurde, galt sie als vom Teufel besessen. Der
daraufhin von katholischen Priestern durchgeführte grosse Exorzismus brachte
jedoch nicht nur die Dämonen in Bedrängnis, sondern in noch stärkerer Weise
Anneliese Hebel selbst. Sie starb 1976 im Alter von 24 Jahren, nicht zuletzt
an den Folgen ihrer Behandlung. Für die Teufelsaustreiber gab es ein
irdisches Nachspiel vor Gericht. |