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Das Anwenden von Zaubern
zu guten wie schlechten Zwecken hat seit jeher im Mittelpunkt der
Hexenmythologie gestanden. Hexen sollten zwar auch Dämonen beschwören oder
Hausgeister mit der Ausführung verschiedener Taten beauftragen können, doch
die herkömmlichen Beschreibungen einer europäischen Hexe zeigten diese
Männer und Frauen über einen wallenden Kessel gebeugt, über dem sie
unheimliche Sprüche murmelten und bei dem Gedanken an die Folgen ihrer Magie
hässlich lachten.
Nach Auffassung der Dämonologen gab es verschiedene Kategorien von Zaubern,
die jeweils ganz bestimmte Ziele verfolgten. Diese Ziele spiegelten die
fragwürdigsten Beschäftigungen der Hexen und ihrer Klienten wider, die meist
gegen körperliche Leiden - die vielleicht selbst von Hexerei herrührten -
helfen, die Liebe eines Menschen gewinnen oder einem Feind Schaden oder gar
den Tod bringen sollten.
Zauber, die ihre Opfer mit schweren körperlichen Behinderungen oder dem Tod
und deren Vieh oder Besitz mit Vernichtung und Zerstörung bedrohten,
flössten der Bevölkerung Angst und Grauen ein. Zu solch üblen Zwecken wurden
alle möglichen Mittel von Wachsbildern oder Puppen bis hin zu Gift und dem
bösen Blick angewendet. Eine der einfachsten Prozeduren, mit denen man
jemanden zu töten beabsichtigte, war das Vergraben eines Gegenstandes, der
dem Opfer gehörte oder das Opfer darstellte. Sollten mit einem Zauber die
Felder eines Bauern verwüstet oder die Ernte gestohlen werden, dann baute
die Hexe einen winzigen Pflug und liess ihn von einem Krötengespann ziehen.
Von diesem Zauber berichtete die schottische Hexe Isobel Gowdie in ihrem
Geständnis.
Es gab auch andere Schadenzauber, die weniger schwere Folgen hatten und dazu
bestimmt waren, einem Feind Unannehmlichkeiten eher banaler Art zu bereiten.
Typisch dafür war ein Zauber, zu dem sich 1645 Alicia Warner, eine Hexe aus
Suffolk, bekannte. Mit ihm hoffte sie, zwei Frauen, die sie nicht mochte,
böse Geister schicken zu können, die die beiden mit Läusen infizieren
sollten. Das Gericht stellte dann fest, dass die beiden Frauen in der Tat
verlaust waren.
Es gab auch viele Zauber, die in einem widerstrebenden Partner Liebesgefühle
wecken sollten. Zu diesem Zweck bereiteten die Hexen auf Bitten ihrer
Klienten - oder für ihre eigenen Ziele - entweder einen Liebestrank zu oder
boten einen anderen Zauber an, der dasselbe bewirkte. Eine der ältesten
Formen war das Anfertigen einer Puppe aus reinem Wachs, das mit
Körperausscheidungen der gewünschten Person vermischt sein musste. Mit
einigen Blutstropfen aus dem dritten Finger der linken Hand schrieb man den
Namen des geliebten Menschen auf die Stirn und den Namen des Liebenden auf
die Brust der Puppe. In den Rücken, den Kopf, das Herz und das Becken der
Puppe wurden vier neue, unbenutzte Nadeln gestossen, dann bestreute man die
Puppe mit Salz und Senfsamen und legte sie in ein Feuer. Das Feuer musste
zuvor mit einem Stück Papier entzündet worden sein, das mit einer
Schriftprobe des geliebten Menschen versehen war. War das Feuer
niedergebrannt, dann schrieb man den Namen dieses Menschen noch einmal in
die Asche, um sicherzugehen, dass sich der Zauber nicht auf eine falsche
Person richtete.
Andere Zauber waren dazu bestimmt, Probleme zu lösen, die sich aus der
Befriedigung sinnlicher Begierden ergaben. Dabei ging es insbesondere um den
Abbruch unerwünschter Schwangerschaften. Diese Zauber wirkten meist so
zerstörerisch auf den gesamten Körper, dass eine Schwangere dadurch
ernstlich erkrankte und mit grosser Wahrscheinlichkeit eine Fehlgeburt
erlitt. Es bestand jedoch auch immer die Gefahr, dass die Frau daran starb.
Zu den giftigen Substanzen, die diese Art Zauber in der Regel erforderte,
gehörte unter anderem Mutterkorn.
Zauber wandte man auch an, um in die Zukunft zu schauen, um die Luft zu
vergiften und damit Seuchen zu verbreiten oder um das Wetter zu
beeinflussen. Im Volksglauben existierte die Vorstellung, dass Hexen mit
Hilfe ihrer Zauber auch Feuer ausbrechen lassen, Menschen in den Wahnsinn
treiben und Ehepaare unfruchtbar machen konnten, dass sie in der Lage waren,
Butter und Bier zu verderben und den Kühen die Milch zu stehlen. Für
letzteres Kunststück „molken” sie angeblich Seilstücke, Strohhalme oder den
Stiel einer in der Wand steckenden Axt.
Die Vorbereitung von Zaubern konnte einfach oder auch ausgesprochen
kompliziert sein, erforderte umfassende Kenntnisse in den Zauberkünsten und
Zugang zu einem Zauberbuch, das genaue Auskunft über die verschiedenen
Prozeduren gab. Verschiedenartig waren auch die Zutaten für die
Hexengebräue: Kräuter und andere Pflanzen, Wurzeln, tierische Organe und
Teile menschlicher Leichen - besonders von Kindern und Gehenkten. Aus
Tränken, die mit dem tödlichen Nachtschatten, mit Fledermausblut, Alraune,
Schlangengift und anderen ungewöhnlichen Zutaten angereichert waren,
gewannen die Hexen der Überlieferung zufolge eine mächtige Zauberkraft.
Typisch für die geheimnisvollen Rezepturen, die die Hexenkunst empfahl, war
ein Wundheilmittel aus dem siebzehnten Jahr-hundert, das unter anderem aus
pulverisierten Würmern und Hämatiten, ranzigem Schweinefett und Moos aus
einem alten Menschenschädel bestand.
Damit ein Zauber auch wirkte, musste eine Hexe nicht nur die richtigen
Zutaten einsetzen, sondern darüber hinaus eine Verbindung zwischen dem
jeweiligen Zauber und dessen Zielperson schaffen. Das war besonders wichtig,
wenn das Opfer mittels eines Wachsbildes angegriffen werden sollte. Die
grösste Wirkung sollte erzielt werden, wenn die Hexe in das Bild oder den
Zauber materielle Spuren vom Körper der zu behexenden Person - entwendete
abgeschnittene Fingernägel, Zähne und Haarlocken, Körperflüssigkeiten,
Kleidungsstücke oder gar Stroh von der Schlafstatt des Opfers - einbezog.
Selbst ein Fussabdruck konnte gegen die Person, von der er stammte,
verwendet werden. Eine typische Prozedur war das Einschlagen eines alten
Sargnagels in den Abdruck, was der Zielperson solange furchtbare Schmerzen
bereiten sollte, bis der Nagel entfernt wurde. Die Verbindung zwischen
Zauber und Opfer liess sich auch herstellen, indem man während der
Vorbereitung der Prozedur mehrmals den Namen der Person aussprach, gegen die
sich der Zauber richtete.
Da die Hexen hinsichtlich ihrer magischen Kräfte auf den Teufel angewiesen
waren, wurde für gewöhnlich die Geisterwelt um Beistand angerufen, damit ein
bestimmter Zauber auch in der gewünschten Weise wirkte. Das tat man am
besten im Schutz eines magischen Kreises, da die beschworenen Geister ihren
bösen Sinn ohne weiteres auch gegen den Magier richten konnten, der es
gewagt hatte, sie zu stören. Viele Hexen erklärten, dass der Teufel und
seine Untergebenen ihnen wirklich gezeigt hätten, wie sie bei ihrer Magie
vorgehen müssten und ihnen auch die dazu notwendigen Materialien geliefert
hätten. |