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Hexenwesen, Hexerei, Magie
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Weisse Hexe

Hexe, die sich ihrer magischen Kräfte einzig und allein zu guten Zwecken bediente. Bereits Jahrhunderte vor der Entwicklung des Hexenwesens an sich spezialisierten sich die Kräuterkundigen und „weisen Männer” oder „weisen Frauen” in den Dörfern auf solche nützliche Magie, und die Grenzen zwischen Volksmagie dieser Art und der Hexenkunst selbst waren verschwommen. Obwohl Zauberei und Hexerei zu nützlichen Zwecken im Mittelalter von der Obrigkeit häufig geduldet wurden, machte man in der Zeit des nach-mittelalterlichen Hexenwahns keine solchen Unterschiede mehr, denn um in den Besitz magischer Kräfte zu kommen, musste eine Person einen Pakt mit dem Teufel geschlossen haben; eine sogenannte weisse Hexe war deshalb in den Augen vieler Gerichte genauso schuldig wie jemand, der seine übernatürlichen Kräfte für offenkundig schändliche Ziele eingesetzt hatte.
Die ersten gesetzlichen Schritte gegen die „weisse” Hexerei wurden bereits im zehnten Jahrhundert unternommen, als jedem, den die Obrigkeit einer solchen Aktivität überführt hatte, neben verschiedenen geringeren Strafen auch die Exkommunikation drohte. Im Laufe der folgenden fünf Jahrhunderte verhärteten sich die Meinungen über weisse Hexen - und die Praktiker der schwarzen Magie - allmählich. Einige Autoritäten kamen zu dem Schluss, dass sie sogar gefährlicher waren als der Hexentyp, dessen Bosheit sich offener zeigte, weil ihre Magie gut zu sein schien, obwohl sie doch aus der gleichen Quelle gespeist wurde wie die Magie der schwärzesten Sorte - von Satan persönlich. William Perkins schrieb 1608:
Zwar waren die Hexen in vieler Hinsicht nützlich und taten keinem weh, sondern bewirkten viel Gutes, dennoch ist der Tod ihr Los, das ihnen Gott gerecht zuteil werden lässt, weil sie Gott, ihren König und Herrn, verleugnet und sich durch andere Gesetze dein Dienst an den Feinden Gottes und seiner Kirche verpflichtet haben: Sie sollen nicht leben.
Die Allgemeinheit jedoch betrachtete die weissen Hexen mit Sympathie; in Notzeiten wandten sie sich an sie und riskierten damit sogar ihr Leben. Manche Experten versuchten sogar, die „weisse” Hexerei theoretisch zu rechtfertigen.
Nach Francesco-Maria Guazzos Ansicht beispielsweise kamen die Kräfte für solch nützliche Magie von Gott und nicht vom Teufel, und es bestand daher kein Anlass, juristisch dagegen vorzugehen. Viele weisse Hexen riefen bei ihren Zaubereien tatsächlich Gott an. Häufiger jedoch betrachteten die Dämonologen Magie jeglicher Art mit scheelem Blick und sahen alle Zauberer und Praktiker der Magie - und auch jene, die sie um Rat fragten - als notwendigerweise böse an. So manche weisse Hexe, die beteuerte, die Magie nur zu guten Zwecken zu nutzen, endete am Galgen oder auf dem Scheiterhaufen, weil man sie bezichtigt hatte, ihre Magie für Übeltaten eingesetzt zu haben.
Obwohl viele behaupteten, die magischen Kräfte an ihre Nachkommen nicht einfach durch Geburt weitergeben zu können, waren weisse Hexen für ihre Betätigung doch meist „geboren” und nicht selbsternannt. Manche von ihnen behaupteten, ihre Fähigkeiten aus übernatürlichen Quellen erhalten zu haben. Ein Hexer aus Yorkshire erklärte 1653 in einem Gespräch mit John Webster, wie sich eines Nachts einige Feen seiner angenommen hätten, als er auf dem Nachhauseweg gewesen sei, voller Sorge darüber, wie er seine Familie ernähren solle. Die Feen hätten ihm ein weisses Pulver gegeben, mit dem er Kranke hätte heilen und damit seinen Lebensunterhalt verdienen können. Der Mann wurde aufgrund dieser Behauptungen als Hexer vor Gericht gestellt, doch da ihm niemand eine Übeltat nachweisen konnte, die er mit Hilfe seiner besonderen Fähigkeiten vollbracht hatte, wurde er freigesprochen.
Manche Leute, die keine ausgesprochenen Hexen waren, praktizierten nicht notwendigerweise ihre Magie, sondern waren „magisch” an sich. Zu ihnen gehörte jeder siebente Sohn eines siebenten Sohnes - der besondere Kräfte auf dem Gebiet der Heilkunde haben sollte -, Frauen, die den gleichen Geburts- und späteren Familiennamen trugen sowie Menschen, deren Namen eine besondere, tiefere Bedeutung hatten. Auch Schmieden sagte man häufig besondere Kräfte nach; sie sollten das sehr geschätzte und ganz geheime „Wort des Pferdeflüsterers” kennen, das, wenn es ausgesprochen wurde, selbst die wildesten Pferde beruhigen sollte. Eine andere Kategorie von Heilern waren die „Besprecher”, die sich in der Regel auf die Behandlung eines bestimmten Leidens spezialisierten. Diese Fähigkeiten wurden oftmals in einer Familie von Generation zu Generation weitergegeben, die für ihr Wissen um die Therapie bei Erkrankungen des Blutes, der Augen oder anderer Leiden in ihrer Umgebung mitunter grossen Ruhm genoss.
Die eigentlichen weissen Hexen boten eine Vielzahl von Diensten an, die von Massnahmen gegen Schadenzauber und dem Verkauf von Liebestränken bis hin zur Behandlung kranker Tiere und der Herstellung zauberkräftiger Heilmittel für körperliche Gebrechen reichten. Sie konnten Häuser vor Blitzeinschlägen schützen, verlorene oder gestohlene Besitztümer aufspüren, durch Regenzauber das Wachstum der Feldfrüchte fördern, Hexen, die auf dem Weg zu ihrem Sabbat waren vom „Hexenritt” auf dem Vieh der Bauern abhalten und neben tausenderlei anderen Dingen die Zukunft voraussagen, den Matrosen günstigen Wind verkaufen und Diebe entdecken. Mussten sie eine böse Hexe identifizieren, die jemanden mit einem bestimmten Zauber belegt hatte, dann weigerten sie sich in der Regel, den genauen Namen der Übeltäterin oder des Übeltäters zu nennen und zeigten dem Ratsuchenden statt dessen, wie er die Identität der Person enthüllen konnte; zu diesem Zweck riet die weisse Hexe meist, zu einer gewissen Zeit einen gewissen Ort aufzusuchen, um zu sehen, wer dort erschien. Manche weissen Hexen waren auch bereit, Zauber zu bewirken, die einer Person, welche den Rat-suchenden behext hatte, grosse Pein bereiten sollten. War durch Zauberei ein Tier verendet, dann konnte eine weisse Hexe empfehlen, das Herz dieses Tieres zu verbrennen, was den Schuldigen dann unwiderstehlich zum Feuer hinziehen und damit verraten sollte.
Erfahrene weisse Hexen konnten auf ein grosses Repertoire an Behandlungsmethoden für Krankheiten verweisen; sie wurden häufig um Rat gebeten, wenn herkömmliche Arzte keine zufriedenstellende Therapie bieten konnten. In manchen Fällen versuchten sie, das Leiden auf eine andere Person, ein Tier oder einen Baum zu „transferieren”. In anderen Fällen wiederum nutzten sie die Magie der „Assoziation” und verbanden die Krankheit symbolisch mit einer Bohnenhülse, einem Stück Fleisch oder etwas ähnlichem und befahlen, dass mit dem Verwesen des Gegenstandes auch die Krankheit schwinden solle. Bei einer dritten Methode spielte die Magie der Opferung eine Rolle. Hierbei wurde ein kleines Tier rituell getötet, um die Geister, die das Leiden überhaupt erst verursacht hatten, zu besänftigen.
Weisse Hexen behandelten Warzen durch „Besprechen” und behandelten neben solchen Gebrechen wie Rheumatismus - wobei sie Weidenrinde als Zutat zu ihrem Heilmittel bevorzugten -, Kopfschmerzen und Impotenz auch schwerere Erkrankungen aller Art. Mitunter erlangten die weisen Männer oder Frauen durch diese ihre Fähigkeiten beträchtlichen Ruhm. Eine der bekanntesten unter ihnen war Bridget Bostock, zu deren Haus in Church Coppenhall, Cheshire, es um die Mitte des achtzehnten Jahrhunderts viele Patienten hinzog, wie 1748 im Gentleman's Magazin nachzulesen war:
Sie kuriert Blindheit, Behinderungen aller Art, Rheuma, Skrofulose, hysterische Anfälle, Fallsucht, Atemnot, Wassersucht, Lähmungen, Lepra, Krebs und, um es kurz zu machen, fast alles ausser der Franzosenkrankheit, mit der sie sich nicht befasst, und die Mittel, die sie zum Heilen benutzt, sind nur das Bestreichen mit ihrem Speichel und das Beten für sie ... die Armen kommen in Scharen ... so viele feine Leute kommen jetzt zu ihr, dass mehrere arme Landleute ihr gutes Auskommen haben, indem sie deren Pferde halten. Kurz, Arme, Reiche, Krüppel, Blinde und Taube beten alle für sie und segnen sie, doch die Doktoren verfluchen sie.
Viele von den weissen Hexen empfohlene Kräuterheilmittel besassen eine schlaffördernde oder narkotisierende Wirkung und gelten heute als Vorläufer der modernen Drogen. Als Zutaten verlangten die Rezepturen unter anderem Mandragora, Fingerhut - der Lieferant des Digitalis, Mohn - aus dem Opium gewonnen wird, den tödlichen Nachtschatten - dessen Beeren Belladonna liefern und der Mutterkornpilz - der das Mutterkorn entstehen lässt. Belladonna und auch Mutterkorn verursachten wahrscheinlich Halluzinationen, wenn sie durch die Haut in den Körper aufgenommen wurden. Weniger wirksame Zutaten waren Russ und Fett.
Die Anwendung des Kräuterwissens war nur eine von vielen Formen, auf die eine weisse Hexe zum Nutzen ihrer Klienten zurückgreifen konnte. Auch die Methoden variierten von einer Region zur anderen. Die weissen Hexen in Deutschland und in Teilen der USA beispielsweise machten ihre Patienten häufig durch Flüstern bestimmter Worte oder Gesang wieder gesund, während ihre Berufsgenossen in Italien Knoten in Schnüre knüpften und diese auf Friedhöfen verbrannten, um ihre Patienten von körperlichen Gebrechen zu befreien.
Wie die Praktiker der schwarzen Magie, so konnten auch die weissen Hexen den Bildzauber anwenden, um bestimmte Ergebnisse zu erreichen. Dazu stellten sie von ihren Patienten Wachsbilder her, um mit deren Hilfe die Kranken von ihren Leiden und sonstigen Problemen zu kurieren. Eine Prozedur zum Besänftigen eines Geistes beispielsweise verlangte, dass die Hexe ein Bildnis von der verstorbenen Person anfertigte, dieses dann feierlich begrub und die Person, die den Geist zu Gesicht bekommen hatte, mit Wasser zu waschen.
Die Erzählungen über schwarze Hexerei sind in der Hauptsache Geschichte und gehören in frühere Jahrhunderte, doch es gibt noch immer viele Menschen, die von sich behaupten, Fähigkeiten der sozial akzeptablen weissen Hexen zu besitzen. Nicht wenige von ihnen arbeiten unentgeltlich, da die Annahme einer Bezahlung sie ihrer Ansicht nach verpflichten würde, ihre Magie nach den Bedürfnissen und Wünschen der Patienten durchschaubar zu machen.

 

 

 

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