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Hexenwesen, Hexerei, Magie
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St. Osyth, Hexen von

Vierzehn Frauen, gegen die 1582 in Chelmsford ein berüchtigter Massenprozess geführte wurde. Das Dorf St. Osyth in der Nähe von Brightlingsea, Essex, litt in der Zeit des Hexenwahns, der im späten fünfzehnten und noch einmal im siebzehnten Jahrhundert über den Osten Englands hereinbrach, mehr als andere Ortschaften in Essex und Ostanglien. Dokumente von dem Chelmsforder Prozess aus dem Jahre 1582 belegen, dass damals vierzehn Frauen aus St. Osyth wegen Hexerei angeklagt waren. Zehn davon beschuldigte man, jemanden zu Tode gehext zu haben, was die Todesstrafe nach sich zog.
Der Prozess, bei dem der Richter Bryan Darcy den Vorsitz führte, scheint seinen Ursprung in einer Reihe von Racheaktionen im Dorf gehabt zu haben, die sich aus banalen Streitereien ergeben hatten und eskaliert waren. Im Mittelpunkt der Angelegenheit stand Ursula Kempe, eine verarmte Dorfbewohnerin, die ihre Dienste als Hebamme und Kindermädchen anbot und in dem Ruf stand, Menschen, die fürchteten, unter dem Einfluss eines Schadenzaubers zu stehen, „enthexen” zu können.
Zeugen bestätigten, dass Mutter Kempe den kleinen Davy Thorlowe von seiner Krankheit durch Zaubersprüche geheilt, doch dann Anstoss daran genommen habe, dass Grace Thorlowe, die Mutter des Jungen, es abgelehnt hatte, sie als Kindermädchen für ihre kleine Tochter zu beschäftigen. Als das Baby bald darauf aus seinem Kinderbettchen fiel und sich dabei den Hals brach, fiel der Verdacht sofort auf Ursula Kempe, obwohl niemand sie öffentlich beschuldigte. Die Gerüchte ignorierend, liess sich Grace Thorlowe von der Frau eine Behandlung ihrer Arthritis vorschlagen. Ursula Kempe empfahl eine Methode, die sie von einer alten „weisen Frau” kannte, und die Frau Thorlowe später vor Gericht folgendermassen beschrieb:
Nimm den Kot und die Leiche eines Igels, tu sie zusammen und halte sie in der linken Hand; nimm in die andere Hand ein Messer und stich damit dreimal in die Medizin und wirf dieselbe dann ins Feuer; nimm besagtes Messer und mache damit drei Schnitte unter den Tisch und lass das Messer dort stecken. Nimm danach drei Salbeiblätter und genauso viel Johanniskraut, lege sie in Bier und trink es abends als letztes und morgens als erstes; und das Einnehmen der Medizin hat die Lahmheit gelindert.
Die Patientin indes weigerte sich, Ursula Kempe die Gebühr von zwölf Pennies zu zahlen, worauf sich ihr Zustand wieder verschlechterte.
Zu diesem Zeitpunkt entschloss sich Grace Thorlowe, bei der Obrigkeit eine Beschwerde einzureichen, und man kam überein, die Sache bei der nächsten Grafschaftsgerichtssitzung vorzutragen. Bei dem folgenden Prozess gegen Ursula Kempe überredete der Richter Bryan Darcy den achtjährigen unehelichen Sohn der Angeklagten, Thomas Rabbet, über die Aktivitäten seiner Mutter als Hexe zu erzählen, und versprach dann der Frau, Milde walten zu lassen, wenn sie ihre Schuld eingestünde. Mutter Kempe nahm die Gelegenheit wahr und bestätigte „in Tränen ausbrechend” den Bericht ihres Sohnes.
Ihren eigenen Angaben zufolge hielt Ursula Kempe vier Hausgeister in Gestalt zweier Kater, einer Kröte namens Pigin und eines weissen Lammes mit Namen Tyffin - was der Überlieferung widersprach, dass sich Hausgeister nicht als Lämmer materialisieren konnten. Diese Kobolde habe sie mit Weissbrot oder Kuchen und mit Bier sowie einigen Tropfen von ihrem Blut gefüttert, das sie bei Nacht aus ihrem Körper gesaugt hätten. Der schwarze Kater Jack habe den Tod von Ursula Kempes Schwägerin verursacht, während das Lamm das Kind der Thorlowes aus dem Bett geworfen habe. Die Angeklagte ergab sich dem Gericht auf Gnade und Ungnade und ergänzte ihr Geständnis, indem sie eine Anzahl anderer Frauen aus St. Osyth nannte, die wie sie selbst auch Hexen seien. Hier sollte erwähnt
werden, dass Ursula Kempe oder jemand anders an keiner Stelle behauptete, diese Frauen hätten gemeinsam als organisierter Hexenzirkel gehandelt. Ursula Kempe wusste ihren Angaben zufolge von den Aktivitäten ihrer Nachbarinnen nur, weil sie heimlich in deren Fenster geschaut habe und die Geheimnisse der Frauen von ihrem Lamm erfahren habe.
Als die Frauen - Elizabeth Bennet, Alice Newman und deren Schwester Margery Sammon - vor Richter Darcy gebracht wurden, folgten sie Ursula Kempes Beispiel und berichteten nicht nur ausführlich von ihren Hausgeistern, sondern wiederholten die Vorwürfe gegeneinander und benannten noch mehr Komplizen. Alice Hunt bestätigte, dass ihre Schwester eine Hexe sei und zog dann Joan Pechey in den Fall hinein, während Margery Sammon mit gleicher Münze zahlte und ihre Schwester sowie auch Joan Pechey bezichtigte, Hexen zu sein. Alice Newman wiederum belegte in Einzelheiten Elizabeth Bennets Schuld. Ebenfalls in den Prozess verwickelt wurden Agnes Glascock und Cicely Celles, denen man vorwarf, jemanden durch Hexerei zu Tode gebracht zu haben; Joan Turner, die angeblich den bösen Blick gegen jemanden gerichtet hatte; Elizabeth Ewstace, die den Tieren eines Nachbarn Schaden zugefügt hatte; Annis Herd; Alice Manfield und Margaret Grevell, die beide wegen relativ geringfügiger Vergehen vor Gericht standen.
Am Ende sassen vierzehn Frauen - hauptsächlich von unterprivilegiertem und verrufenem gesellschaftlichen Stand - auf der Anklagebank. Die Vorwürfe gegen sie reichten von der Schädigung von Eigentum und Vieh bis zum Tothexen von vierundzwanzig Menschen. Die weniger schwerwiegenden Anklagepunkte lauteten auf das Verderben von Bier, auf Butterzauber und das gewaltsame Anhalten von Wagen und Fuhrwerken. Darüber hinaus standen faktisch alle Angeklagten unter dem Verdacht, Hausgeister zu halten.
Als das sensationelle Verfahren schliesslich zum Ende kam, waren zwei der Verdächtigen, darunter auch Margery Sammon, gar nicht angeklagt worden; zwei Angeklagte wurden entlastet, mussten jedoch, da man sie verdächtigte, mehrere Verbrechen begangen zu haben, im Gefängnis bleiben; vier freigesprochen, vier - darunter auch Alice Newman, die wegen Mordes an ihrem Ehemann und vier weiteren Personen angeklagt war - für schuldig erklärt, doch begnadigt, und zwei zum Tode durch Erhängen verurteilt.
Elizabeth Bennet, die gestanden hatte, zwei Hausgeister zu besitzen - ein hundeähnliches Geschöpf mit Namen Suckin und ein löwenähnliches Wesen, das sie Lierd nannte - wurde hingerichtet, weil sie einen Bauern mit Namen William Byet und dessen Frau sowie zwei weitere Personen getötet hatte. Den Bauern, so warf man ihr vor, habe sie ermordet, nachdem er sich geweigert habe, ihr Milch zu verkaufen und sie eine alte Hure genannt und andere unanständige Reden gegen sie geführt habe. Ursula Kempe kam ungeachtet der Zusicherungen des Gerichts an den Galgen, nachdem sie gestanden hatte, in den Jahren 1580-1582 drei Menschen durch Hexerei umgebracht zu haben.
Zu den Glücklichen, die freigesprochen worden waren, gehörte auch Annis Herd, der man zur Last gelegt hatte, den Tod der Frau des Pfarrers Richard Harrison herbeigeführt zu haben. So wie der Arger in mehreren anderen Fällen von einem einfachen Streit herrührte, ging es auch hier anfangs um einige fehlende Entenküken, die einem Gerücht zufolge Annis Herd gestohlen hatte. Harrisons Frau, offenbar von höchst reizbarem Wesen, zog über die vermeintliche Diebin her und kam später zu dem Schluss, dass das ursprüngliche Verbrechen durch einen Zauber gegen sie selbst verschlimmert worden sei. Bei der Pfarrersfrau machte sich ein allmählicher körperlicher Verfall bemerkbar, und sie starb schliesslich trotz der Drohung ihres Mannes, Annis Herd alle Knochen zu brechen, wenn diese den Zauber nicht aufheben würde. Auf dem Totenbett machte die Frau deutlich, wem sie die Schuld an ihrem Zustand gab, und klagte im Sterben: „0 Annis Herd, Annis Herd, sie hat mich zerstört.”
Der Prozess von St. Osyth, der in der Zeit zwischen dem berüchtigten Verfahren gegen die Hexen von Chelmsford im Jahre 1566 und dem Prozess von 1593 gegen die Hexen von Warboys stattfand, markierte ein wichtiges Stadium in der Entwicklung der Hexenjagdmanie, die viele Jahre lang Ostengland beherrschte. Die Anerkennung dubioser Zeugenaussagen, insbesondere von Kindern, die noch lange nicht das Alter erreicht hatten, in dem Aussagen vor Gericht zulässig waren, schuf einen zweifelhaften Präzedenzfall für viele künftige Prozesse. Wallace Notestein schrieb dazu 1911 in seinem Geschichtswerk History of Witchcraft in England from 15.58 to 1718: „Die Verwendung von Beweis-material in diesem Prozess könnte zu der Annahme verführen, dass es in England noch keine Beweisregeln gab. Die Aussagen von sechs- bis neunjährigen Kindern wurden begierig angehört ... es war nichts ausgeschlossen.”
Der Schatten, den der Prozess auf St. Osyth geworfen hatte, lag viele Jahre über dem Ort; den Hexenjagden des Matthew Hopkins fielen in den vierziger Jahren des siebzehnten Jahrhunderts weitere vermeintliche Hexen aus diesem Dorf zum Opfer. Eine andere bemerkenswerte Nebenerscheinung des Prozesses war 1584 die Veröffentlichung von Reginald Scots Discoverie of Witchcraft. Dieses Werk trug viel dazu bei, einer weiteren Verbreitung des Hexenwahns entgegenzuwirken, indem es die Schwachpunkte des Glaubens an die tatsächliche Existenz von Hexerei aufzeigte.
1921 wurden in St. Osyth beim Pflügen eines Ackers zwei weibliche Skelette ans Tageslicht gebracht. Die Gerippe waren an Knien und Ellbogen von eisernen Nieten durchbohrt, womit man offenbar einst verhindern wollte, dass die beiden Toten wieder auferstehen. Sie wurden unter Vorbehalt als die sterblichen Überreste von Ursula Kempe und Elizabeth Bennet identifiziert, könnten jedoch auch die Gebeine zweier Hexen sein, die während der Hopkins-Ara umgebracht wurden. Sie sind heute in einem Museum in Cornwall aufbewahrt.

 

 

 

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